Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 36. (3.9.1885)
- Date
- 1885-09-03
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9586215-9584923--5882-9584925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 290 — einmal: „Ist kein Crsmieux da?" — Nur wo keine innere Basis da ist, enscheidcn die wechselnden Strömungen des Tages. Das Judenthum ist erbaut aus einer weit tiefer gehenden Solidarität aller seiner Angehörigen und gerade die letzten Fluthjahrc des Antisemitismus haben schon ein gutes Stück von jener Lüge des Jndifferentismus hinweggeschwemmt, welche materiell stehen läßt, was sie ideell verwirft und die lediglich mit den Parteien diplomatisirt. Ein sich „gcueralvcrsammclndcs" Judcuthum ohne warm pulsireudcs Herz rührt darum auch keinen Finger, während die Nolh der des Landes verwiesenen Glaubensbrüdcr zum Himmel schreit. Was die jüdische Solidariät anbctrifft, scheint heute eine Erschlaffung eingetretcn zu sein, die sich beinahe als Folge der antisemitischen Hetze darstcllt, wenn man bedenkt, daß erst 12 Jahre vergangen sind, seitdem am 9. August 1873 Professor Lazarus in einer Audienz beim Fürsten Karl von Rumänien für die verfolgten Glaubensgenossen eintrat und mildernde Conccssionen erwirkte. Es verdient nachträglich gerade zum Jubiläum der Allianz hcrvorgehobcn zu werden, daß kaum, nachdem mau etwas Reelles in Berlin geleistet hatte, Professor Lazarus nach Paris berichten konnte, daß die Mitgliedcrzahl in einem Jahre von ca. 70 auf ca. 350 gestiegen sei. Diese reellen Leistungen des Berliner Zweigvercins der Alliance bezogen sich im Wesentlichen auf Auswanderungs-Expeditionen. Solche Expeditionen in größerem Maßstabe fanden statt am 12. Juli 1870, am 16. November 1870, am 10. Mai 1871. Die angesehensten Mitglieder der Berliner Gemeinde fanden sich unter Leitung des Norsitzcndcn der Auswanderungs - Commission, des Herrn Or. S. Neumann, selbst auf dem Ostbahnhofe ein, um die Emigranten nach dem Hamburger Bahnhof überzuführen. Heute fliehen unsere Glaubensgenossen nackt und bloß über die d e u t sch e Grenze. Gerade in jener auswärtigen Mission für die verfolgten Glaubensgenossen haben damals die Ceutralinstanzen in Deutschland Großes geleistet. Wenn auch die Strömung des Tages Manches erklärt, was aber hat es mit dieser jetzigen Grabesruhe auf sich? Ist das die Folge des Zusammengehens des des D.-J. G.-B. mit dem alleinseligmachenden orthodoxen resp. gesctzestreucn Judenthum, so war diese Schwenkung doch eine sehr bedenktiche, und die Jahre des Antisemitismus, welche sie gezeitigt, wären doppelt beklagenswerth, da sie dann in Wahrheit zu einer Lähmung des deutschen Judcnthums geführt und ein künstlich galvanisirtes Scheinleben hervorgerufen hätten. Doch es scheint nur so. Und wenn vor Jahren ganze Commissionen (in Berlin existirte neben dem Ausfllhrungs- Comits noch eine wissenschaftliche Commission der Alliance) für die landesflüchtigen Glaubensgenossen existirten, wenn der erste Gcmeindetag in Berlin (unter Nachod) dieses Hlllfswerk ausdrücklich als Theil des Gemeindebunds-Programms proklamirte, so wird man auch jetzt nicht mit verschränkten Armen dem Elend der Vertriebenen zuschauen. Welche Summen sind nicht in früheren Jahren allein nach Memel gegangen und heute schreibt vr. Rül f angesichts von 300 Ausgewiesene», daß die Berliner keinen Pfennig mehr hergeben. Hat denn der Antisemitismus auf die jüdischen Centralinstanzen in Deutschland verhärtend gewirkt? In seiner Geschichte der Vertreibung der Juden aus Böhmen im Jahre 1744 meint G. Wolf allerdings: „Es heißt öfters, daß gemeinsames Unglück die Leidtragende» mit einander verbindet: ebenso oft kommt es aber auch vor, daß das Unglück die Menschen egoistisch macht, so daß sie hartherzig werden." So wachten die Juden in Böhmen gegenüber den aus Prag Vertriebenen darüber, daß sie ihre Privilegien ausschließlich genossen. Die Folge war, daß von den Vertriebenen Viele „wegen zunehmender Schwachheit auf freiem Feld, leider Gott, wie schon an vielen Hunderten geschehen, hilflos habcndahinstcrben müssen." — Daß solche Schmach heute dem deutschen Judcuthum erspart werde, rufen wir noch einmal: „Ist kein Crsmieux, kein Montefiore da?" f'nINDV sSl paxi Ss S’-H Es ist dringende Pflicht, aller Orten an den hohen Festtagen, denen wir jetzt cntgegengchen, „Hilfscomits's für die Ausgcwiescnen" zu gründe» und den hauptsächlich bedrohte» Gemeinden des Ostens zu Hülfe zu kommen. Elul-Gedanken und -Wünsche. (Schluß.) III. Fast so würdig wie die Räume sind z. Theil die darin fungircnden Cultusbcamten. Eine Predigt muß Jeder zu hören bekommen, gleichviel von wem. So genau kann's der Herr Unternehmer nicht nehmen und lauter Rabbiner können auf die paar Predigten nicht eugagirt werden. Darum macht man ans der Noth eine Tugend. Freilich, viele von ihnen besitzen gar keine Tugend, als die, daß man gezwungen ist, sie die geistliche Function verüben zu taffen. Schreiber dieses hatte selbst Gelegenheit, die sittliche Qualificativn eines solchen interimistlscheu Geistlichen zu erkennen. Es war im vorigen Jahre. Ein blondgelockter, 20jährigcr Jüngling hatte den Muth, sich in einen Tatar zu wickeln und damit die Kanzel an den hochheiligen Festtage» zu besteigen. Dafür kam ihm auch alles, was Hebräisch war, wie Spanisch vor. Doch seinen Fleiß muß ich rühmen. Mit unendlicher Geduld wollte er keine andere Sorge kennen — der gewiß unter diese» Umstünden keine gleichkommt — als die n313 einpanken, die kein Vorsteher, das sah er voraus, so gnädig sein würde, ihm zu erlassen. Aus was Schlimmeres (Mastir) mochtesich dieser jugendliche „Ehrwürdige" nicht gefaßt machen. Die Predigt ist dafür auch so urgermanisch ausgefallen, daß kein hebr. Wort in ihr zu entdecken war. Allerlei Brocken aus überall zusammcngclesen, mußten sich seine „andächtigen" Zuhörer gefallen lassen. Und als er hier fertig war, gab er dasselbe, Wort für Wort dasselbe, wo anders noch mal zuni Besten. Aber das ist lange nicht alles. So harmlos dieses „Ehrwürden" Gesicht auch aussah — als er die Kanzel Jom kippur betrat, war er doch schon in den Netzen eines bekannten Missionsprofessors der Reichs - Hauptstadt gefangen und kurze Zeit darauf war er durch's Taufwasser zu einein „besseren" Menschen befördert tvorden. Das ist Thatsache. Nicht verbürgen kann ich, ob derselbe Herr, der nur dürftig hebräisch las, noch, wie mir getagt wurde — jüdischen Religionsunterricht ertheilte. So ausgemacht ist es durchaus noch nicht, daß so ein Herr auch diesmal an dem Honorar für eine Predigt nicht etwas findet und ein Synagogen„Local" mit einer solchen beglückt. Nach der Geschmeidigkeit, die solch' biegsamen Seelen eigen ist, zu urthcilen, sind dergleichen Herren durchaus nicht unfähig dazu. Wie ein Instrument lassen sie sich nach Bedarf verschiedenartige Saiten d. h. Seelen einsetzcn.