Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 35. (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- Seite 286 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 286 Leipzig. (Or.-Corr.) Unsere jüdische Gemeinde hatte in den letzten Tagen einen schweren Verlust zu verzeichnen. Am14.Aug. nämlich wurde unter allgemeiner Bcthciligung der israelitischen Bevölkerung aller Richtungen Herr E i s i g F c e i m a n n zur letzten Ruhestätte geleitet. Erst 2"w, dann bis zu seinem Ende als Kaufmann thätig, zeigte er ein so reges, wissenschaftliches Interesse, daß er sich in den Stunden, welche er von dem Geschäfte erübrigen konnte, eminente Kenntnisse auf dem Gebiet der biblischen und talmudischcn Literatur ancignete. Auch ist er bekannt als Herausgeber des VLdlst ]T*an oder „Sittenbuch von Abraham bar Chija Ha-Naßi" (Leipzig, 1860), sowie der rssxorrsa et, spistolas Maimonidis (ITTnJKl D"2D“in rTOHrn pip). Vor einem Jahre genau um dieselbe Stunde an demselben Tage starb des Verblichenen Bruder Dr. I. M. Freimann, Rabb. zu Ostrowo, welcher Herausgeber und Commci tatvr des l'tlkNI D (Leipzig, 1873) ist. Dieses Ereigniß, sowie die angestrengte unermüdliche Fürsorge für seine zahlreichen Anverwandten, denen er seiner zerrütteten Umstände halber nicht genügend beistehcn konnte, trugen dazu bei, die Gesundheit dieses vollkräftigen Mannes zu untergraben. Und so erlag er der allzugroßen Last. Wir können nicht umhin, der edelmüthigen Großherzigkeit des Herrn Kaufmann Leon Levhsohn aus London zu gedenken, der den Verstorbene» seiner Zeit, als er ihn in bedrängter Lage fand, als Commissionär anstellte und jetzt gekommen ist, ihn zur letzten Ruhestätte zu begleiten und seiner Familie mit Rath und That beizustchcn. vr. S. M. Oesterreich-Ungarn. I'rag, im August. (Or.-Cvrr.) Ob die Tinte in meinem Tintenfasse ausgetrocknet? ob meine Stahlfeder vom Roste angefressen? fragen Sic, geehrter Herr Redakteur; keines von Beiden ist der Fall, nach wie vor ist mein Tintenfaß voll klarer, blauer Tinte, — doch schreibe ich darum nicht in's Blaue — nach wie vor glänzt meine Stahlfeder und wird rein gehalten; wenn trotzdem bei glänzender Stahlfeder der Styl kein glänzender, so ist vielleicht weniger Ihr Correspondent, als vielmehr der Umstand Schuld daran, daß eben die jüdischen Verhältnisse in der Gegenwart viel zu düster sind, als daß irgendwie in glänzender Weise über dieselben berichtet werden könnte; — glauben Sie mir's auf's Wort, ich gehöre nicht zu den Geistern, die da nur stets verneinen — nicht zu den allezeit Unzufriedenen in Israel, ich achte, schätze und würdige mein liebes, gutes, altes und trotzdem und alldem auch frommes Prag, ich habe auch den richtigen Werthmesser für unsere jüdischen cultucllen und culturellen Bestrebungen, aber ich kann mir's auch nicht verhehlen, daß ein gewisses Ucberhasten, ein gewisses allzugroßes Anlaufnehmen fast in allen diesen Bestrebungen sich bemerkbar macht und früher oder später vom Uebel werden muß. Soll ich Ihnen ein arguvasutum ad hominem geben? Wohlan denn! Unsere löbliche Cultgemeinde - Repräsentanz wollte der lange genug geherrscht habenden Zerfahrenheit, NNK Ss ntti dem der Anarchie in Cultussachcn nahe kommenden Poly- oder Pan-Rabbinismus in Prag ein Ende machen; es wurde in der Person des Altofner Rabbiners Herrn Marcus Hirsch ein würdiger, sehr ehrcnwcrthcr, tüchtiger Fachmann für den Prager Rabbinersitz gewonnen, es war eine glückliche Wahl; da soll nun aber wieder, wie dies leider hier so oft geschieht, gleichsam das Kind mit dem Bade ausgcgosscn werden. — Alles, aber auch Alles, und vielleicht noch Einiges darüber, soll der arme Oberrabbincr Hirsch allein machen, und überall soll nur er und nur er fungiren. — Da muß man ja aber doch, selbst auf die Gefahr hin nicht etwa bbin sondern TUT genannt zu werden, nachdrücklichst rufen: Sibn Sb] „Du wackerer, pflichtgetreuer Prager Oberrabbiner mußt ja schwer zu leiden haben unter den Folgen solcher Ueberbürdung, in fünf verschiedenen Synagogen, Klaus-, Pinkas-, Zigeuner-, Großhof-, und Alt-Neuschiilu. a. predigen — Chewrareden — Leichenreden und wenigstens 4—8 Trauungsreden oft an einem Tage — am Ende auch noch einen oder den andern Talmudvortrag den Frequentanten des Ez - hadaas - Vereins — hierzu fürwahr reicht die physische Kraft eines Einzelnen, und wär'S auch eines physisch Stärkeren, als Oberrabbiner Hirsch, wahrlich nicht aus. Nun wäre es noch erklärlich, wenn man es absolut bei Prager Functionen verlangen würde, daß kein Anderer, als der Herr Oberrabbiner fungire, daß aber dieser so vielseitig in Anspruch genommene Mann auch noch für jeden sogenannten „Draußigen", für jeden seine Tochter in Prag trauen lassen Wollenden um jeden Preis zu haben sei, daß dieser wahrhaft ehnvllrdige Mann in diverse Gasthäuser sich verfüge, um die vom Laude bequemlichkeitshalber hereinkommenden Brautleute, zudem, wie w>r hören, für ein wahres Spottgeld von Honorar zu trauen, das ist fürwahr eine Anomalie, und der Stellung dieses Herrn unwürdig. — Wer von dem Oberhaupte des Prager Rabbinats getraut werden will, soll in diejenige Synagoge kommen, die der Herr Oberrabbiner constant besucht, und dort, nur dort, nicht in Gaststuben, soll der genannte geistliche Würdenträger Prags Trauungen vollziehen, — die vielen ländlichen Brautpaare könnten ja, wenn sie schon durchaus der Mode huldigend in Prag getraut werden wollen, von einem Herrn Rabbinatsassessor daselbst, von einem Rabbiner der Vorstädte Sm i ch o w oder Karolinenthal in den Hafen der Ehe bugsirt werden. Wohl haben es die Herren vomLöbl.Cultvorstande allhier sehr gut gemeint. Sie wollten eben alle rabbinische Macht, ja sogar alles rabbinische Einkommen in eine Hand znsammenfließen sehen, was jedoch erstens durchaus nicht nöthig, zweitens durchaus unprac tisch, geführt ich für die Gesundheit unseres ehrw. Oberrabbiners, und am Ende — es muß denn doch gesagt sein — auch ungerecht und unwürdig erscheint. — Sollte Jemand. der'S besser versteht, als Ihr Correspondcnt, das Herumlaufen des Oberrabbiners von einem Mazoßbackhause in's Andere, das Fungiren als Meßadder Kiddu- ' schin in den diversen Gasthäusern des Obcrrabbiners unscrs alten Prags würdig erklären, so möge er mich eines Besseren belehren, ich will ihm dankbar dafür sein. Pravde cky. Klinik, 11. August. Am vorigen Sabbat, 8. d. M., hielt auf Wunsch unserer Gemeinde und seiner hier wohnenden Familie Herr Or. D. Leimdörfer aus Hamburg im dichtgefllllten Gotteshause eine Predigt über den „Segen der i Religion Mosis". Von dem Gedanken ausgehend, daß alle; Segnungen auf Erden in der Religion wurzeln, führte der > Redner in geistvoller Weise aus, wie der Fortschritt der i Cultur ohne die religiösen Ideen zum Untergänge der Fai milien, der Gemeinden, ja der Menschheit führen müßten, : wie ferner der Rechtsstaat seine erste Nahrung aus dem! religiösen Gedanken schöpfe, so daß in einem wahrhaft | religiösen Staate Druck und Mißachtung der Menschenrechte ' unmöglich sei, — wie dies die Blüthezeit religivnswisscnschaftlicher Bildung im maurischen Spanien beweist, wie j anderseits der auf Unrecht beruhende Antisemitismus im i Rückgänge der Religion seine Begründung findet; endlich ’ daß sich der Segen der mosaischen Lehren in der Philanj thropic kund giebt, wie wir dies seit dem ersten Moses bis : j zu dem jüngst bestatteten Moses Montefiorc unzählige Male erhärtet sahen. Es wurde nun das Leben dieses Hohenpriesters der echten Humanität an der Hand geschichtlicher Thatsachen geschildert, sein Andenken gefeiert und der von den Sitzen sich erhebenden Gemeinde Moses Montefiorc als Musterbild der Frömmigkeit, der Verwirklichung der Rechtsideen und der Menschenliebe empfohlen. _ - ( Mit einem in ungarischer Sprache gesprochenen Gebet j für das Vaterland und die Obrigkeit schloß der begeisterte :; Redner, woraus die verschiedenen Vorsteher, vor allem der;j : königliche Landtagsabgevrdnete Ernst von Urbanovszky, der in -,s seiner Dankansprache äußerte, er schätze sich glücklich, ihn ':>• gehört zu haben, Herrn Or. L. für den geistigen Genuß .T? dankten, während von allen Seiten jubelnder Beifall gezollt wurde. 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