Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 35. (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das waren noch gute Zeiten für die Mission, als sie vor 3 Jahren, um der im Anfangsstadium befindlichen Allianzschule Conenrrenz zu machen, jedem Vater, der ihr ein Kind in ihre Schule gab, 30 Piaster (c. 1 M.) monatlich gab und dazu alle Bedürfnisse des Kindes bestritt. Heute ist daS Geld knapper. Das in „Hoffnung auf Saat" so schwärmerisch verhimmelte „Artus" ist nicht mehr. Die eoloniale Seelenfüngerei (die auch mit schönen Körpern vorläufig fllrlieb nahm) scheint in London zu kostspielig befunden zu sein. — Gadraa, wo 15 Mitglieder von Bibi angesiedelt sind, soll Montefiore genannt tverden, wenn — die Gelder flüssig gemacht werden könnten, noch mehr Land dort zu erwerben. (Was bedeuten diese Namenvelleihungen, ohne staatliche Genehmigung? Das ist nicht viel besser als Schottländers: Meine Mühle kan» ich schreiben, wie ich will!). — Die Herren v. Rothschild lassen aus Bitten des Herrn Dr. Schwarz ein neues Krankenhaus für 80 000 Fres. bauen. — Ein Mohamnicdauischer Chakim ist bei Tiberias Jude geworden. (Es scheint wenig an der Zeit, durch Annahme von Proselyten den Fanatismus der Mohammedaner auszuregen!) — Die Eßrogim sind nicht gut gerathen, um so mehr ist es Recht, wenn von hier — und nicht von den Corfuern u. s. f. — gekauft wird. Vermischte und neueste Nachrichten. Berlin „Zur Judenfrage" lieferte der Central-Verein der Fuhrunternehmer in seiner Sitzung vom 7. d. M., ein belehrendes Bild. Ein in den Fuhrunternehmer-Kreisen als hochachtbar bekannter, bedeutender Fuhrunternehmer R. hatte genanntem Verein seine Mitgliedschaft angetragen, die aber mit 29 gegen 23 Stimmen verworfen tvurde, weil R. Jude ist. An der zeitweise recht stürmischen Diskussion über „die Judenfrage" hatte der als Antisemiten-Apostel bekannte B. und sein treuer Mentor M. lebhafte» Antheil genommen, und die Folge war das Abstimmnngsresultnt. Wir können Herrn R. nur unsere beste Gratulation entgegen bringen, daß er als Jude von einer Mitgliedschaft im C.-V. der F.-U. ferngehalten worden ist. Ob sich der „Central-Verein" die Folgen überlegt hat? Wie wäre es denn, wenn die großen Getreidefirmen, Speditionshäuser, Kaufgeschäfte re. jeden Fuhrunternehmer erst fragten: „Sind Sie Mitglied der Antisemitengruppe des Central-Vereins?" und je nach Ausfall der Antwort Entziehung der Kundschaft eintreten würde? .. Die Folgen können nicht ausbleiben und bereits haben mehrere Mitglieder des Vorstandes und des Vereins C.-B. der F.-U. ihr Amt niedergelegt resp. ihren Austritt erklärt. Aerkin. Im Anschluß an den Proceß Stöcker gegen Bäcker, hatte letzterer bei der Staatsanwaltschaft den Antrag gestellt, von Amtswegen die Anklage gegen den Hofprediger Stöcker wegen Beleidigung zu erheben. Darauf ist folgender Bescheid von der Staatsanwaltschaft ergangen: „Auf Ihre Straf-Anzeige vom 19. Juni 1885 wider den Hofprediger Stöcker wegen Beleidigung, gereicht Ihnen zum Bescheide, daß ich die öffentliche Klage nicht erheben werde, weil bei dem Mangel besonderer, dazu nöthigender Gründe dies nicht im öffentlichen Interesse liegt. Sie find befugt, Ihr Recht im Wege der Privatklage zu verfolgen (§§ 414, 416 der Reichsstrafproeeßordnung). Der Erste Staatsanwalt. Im Aufträge Lippert." Dem Vernehmen nach soll nunmehr der Weg der Privatklage beschritten werden. Kambnrg, 23. August. Gestern hielt in der Synagoge „Neweh Scholamn" Herr Dr. S. Margulies vom Breslauer Seminar, der als Ersatz für den kürzlich verstorbenen Rabbiner Dr. Jsaaesohn in Aussicht genommen ist, eine Gastpredigt. Der Redner, welcher seinen Ausführungen die Schlußworte der Hastara zu Grunde gelegt hatte, bestätigte durchaus den ihm vorausgehenden Ruf eines vorzüglichen Kanzelredners und machte ersichtlich ans die zahlreichen Anwesenden einen tiefen Eindruck. Heute Mittag hielt Dr. Margulies in derselben Synagoge eine Gedächtnißrede für Sir Moses Montefiore, die ebenfalls sehr ansprach. ßokverg. Hier hat sich ein Comitä zur Errichtung eines Denkmals für den kürzlich verstorbenen Sanitätsrath De. Hirschfeld gebildet; an der Spitze desselben stehen hochangesehene christl. und jlld. Männer unserer Stadt; Vorsitzender ist Herr L. v. Buggen Hagen. (Wir werden den schönen Ausruf des Comitss in nächster Nr. bringen. Red.) Aus Königsberg H./Nr. schreibt man uns, daß die in vor. Nr. über Herrn Ober-Cantor Birnbaum nach der „Hart.-Zeit." gebrachte Notiz von dieser selbst widerrufen wird, da sie viele faetische Unrichtigkeiten enthält. Wir werden in nächster Zeit in der Lage sein, Über den^wahren Thatbestand zu berichten. Aus Nassau. (Or.-Corr.) In der letzten Nr. brachte die Wochenschrift eine Notiz aus Wiesbaden, über den Entwurf der Königlichen Regierung zu Wiesbaden betreffend „Anordnungen für die Beschneidung israelitischer Knaben." Diese Notiz bedarf in so fern der Berichtigung, als der betr. Entwurf nicht bloß Herrn Dr. Silberstein in Wiesbaden, sondern auch Herrn Dr. Hochstädter in Ems und Herrn Dr. Goldschmidt-Weilburg zur Begutachtung vorgelegt wurde. Die 3 Rabkünate: Wiesbaden, Ems, Weilburg sind amtlich vollständig eoordinirt und würde ein Gutachten des Wiesbadener Bezirksrabbinats nur ausschließlich für den Wiesbadener Rabbinats-Bezirk Geltung haben. — Die von Ihnen gewünschte Mittheilung der Verordnungen werde ich wohl in der Lage sein, Ihnen machen zu können, da auch über den gen. Entwurf unser Bezirksrabbiner Herr Dr. Goldschmidt die Ansicht der praktischen „Mohelim" eingeholt hat. I» Niederstetten (Württemberg) wurde auf dem israelitischen Friedhofe bübischer Weise vier der schönsten Grabdenkmäler zerstört. Naris. Herr Moritz Levy vom Institut ist zum Professor der analytischen und Himmelsmechanik am College de France ernannt worden. Der 1855 in Metz geborene Bildhauer Emmanuel Hanneaux hat den 2. großen Rompreis (zum 2. Male) erhalten. — Herr Felix Hement, Generalinspektor des Elementarunterrichts, ist zum Mitgliede des obersten Unterrichtsrathes gewühlt worden. Der Augenarzt Dr. Javal ist zum Mitgliede der mediz. Akademie erwählt worden. (Er ist auch bisher Deputirter gewesen.) — Zum Wettstreite um die Schulpreise im Lycse Charlemagne wird bemerkt, daß keine einzige schriftliche ülrbeit auf Samstag gelegt wurde, weil sonst mehrere jüd. Schüler nicht hätten Theil nehmen können. Baris. Den von Herrn Petit d'Ormay gestifteten 10 000 Frcs.-Preis zu Gunsten der niathemat. Wissenschaften hat die Akademie dem Rittmeister und Repetitor an der polytechnischen Schule, Herr» Ha lphon, zuerkannt. — Am College de France sind jetzt 4 Juden als Professoren angestelll, die Herren Adolf Franck, Michel Bröal, Jules Oppcrt und Moritz Levy (alle 4 siiid Mitglieder des Instituts). „Beim internationalen Telegraphencongreß in Berlin wird Frankreich durch Herr» Gerson Fribourg, Personaldirector in Post und Telegraphenministerium, vertreten. (Arch. isr.) Baris. „Das >üd. Leben" heißt — das „jüd. Leben im El saß" sollte es heißen — ein illustrirtes Weck, welches geschrieben von Leon Cahne, gezeichnet von Alphons Levy bei Monnier et Comp, in 7 Lieferungen a 5 Frcs. zu erscheinen begonnen hat. Unstarrst, 10. August. In Betreff der Londoner Meldung, daß eine Deputation der englisch-jüdischen Association beim Marquis of Salisbury die Vermittelung des englischen Cabinets zu Gunsten der verfolgten Juden Rumäniens nachgesucht habe, drückt nun der „Telegraful" die Bermuthung aus, dieser Schritt sei von den hiesigen Juden veranlaßt worden, und fordert die Ausweisung der Schuldigen oder deren Bestrafung als Hochverräther, weil sie die Intervention einer fremden Macht gegen Rumänien anrufen.