Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 35. (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 285 — Schon die zahlreichen Kundgebungen, welche nach Versendung des Prospekts von Rabbinern, Lehrern und Geschäftsleute» eingingen und die lebhafteste Sympathie für die Sache äußcrten, zeugen unverkennbar für die Nvthwendigkcit und Zweckmäßigkeit dieses hochwichtigen Vereins. Die Schwierigkeiten, denen junge Männer bei ihrer Berufswahl ausgcsctzt sind, werden imnier größer, und nur mit äußerster Selbstvcrläugnung gelingt es ihnen, dem Conflicte zwischen der Lehre und dem Leben auszuwcichen. Wir erleben es täglich, daß stcllensuchendc Jünglinge i» religiöser Hinsicht schwankend werden und in der Stunde der Versuchung das Sabbatgesetz über den Haufen werfen. — Wir können daher nicht umhin, hier nochmals der Freude übcr den neu erwachten Geist und seine Bestrebungen A»»druck zu geben und wünschen, daß dem Vereine N2V 'AVIV immer mehr Genossen und Freunde beitreten. Es ist sehr erhebend, daß Israel trotz innerer Zerklüftung noch nicht verwaist dastcht, daß wackere, überzeugungstreue Männer sich zur That aufraffcn, in den Riß treten und für Regcncrirung der Religion wirken. In erster Linie verdient es aber der Sabbath, daß ihm sein altes Recht werde. Darüber sind wohl alle Parteien einig. Darum sollten in allen Gemeinden sich zweckentsprechende Cvmits's bilden, und müßten ganz besonders die Rabbiner und Religionslehrer sich diese wichtige Sache ernstlich angelegen sein lassen. Wir appelliren im Namen des Nereinsvorstandcs an diese hochwürdigen Gcmcindeführer und bitten sie dringend, das Versäumte möglichst rasch nachzuholen. Je mehr Mitglieder dem Vereine zugefllhrt werden, desto mehr wachsen seine Kräfte und die Fähigkeit, dem gesteckten Ziele zuzusteuern. Der Schriftführer des Vereins, Herr Martin Frän kel, Sohn des Herrn Rabbiners Dr. Daniel Fränkel in Breslau (Schwertstraße 5 a), ist gern bereit, übcr alles nähere Auskunft zu erthcilen. Keilkronn, 16. August. (Or.Corr.) Auf Veranlassung des hiesigen demokratischen Vereins hielt gestern Abend der Schriftsteller Arnold P e r l s aus Leipzig einen öffentlichen Vortrag übcr „Stöcker und seinen Proceß". Trotzdem die hiesige Neckarzeitung in einem Inserat allen anständigen Bürgern den Besuch einer Versammlung widcrrieth, in der „eine hochachtbare Persönlichkeit, der Hofprcdigcr Sr. Majestät des Königs, von Nichtglaubentgenosscn seiner Ehre beraubt werde," war der große Saal doch gedrängt voll. Herr Perls verbreitete sich in siüssigcr und gewandter Rede über die verschiedenen Phasen des ganzen Proccsscs, hob die Stöcker belastenden Biomente hervor und kam zu dem Rcsums, daß Stöcker sich tviederholt gegen die Wahrheit verfehlt und sich eines fahrlässige» Falschcids schuldig gemacht habe, was bei einem Hofprediger besonders schwer ins Gewicht falle, da er andern Personen an'« Herz gelegt habe, einen Eid erst nach 16stündigcr Gcwissenserforschung zu leisten. Redner führte dann konservative Organe an/ die ebenfalls Stöcker verurtheilen, und schilderte die agitatorische Thätigkeit Stöcker's, die den Klassen- und Confessionskrieg entfessele. Nachdem Herr Perls seinen l'/^stündigen Vortrag beendet hatte, versuchte der hochconservative antisemitische Pfarrer Frauer von Jlsseld die Verthcidigung Stöckers, indem er die ihm zur Last gelegten Verstöße gegen die Wahrheit als Jrrthümer, die jedem Menschen passircn könnten, zu entschuldigen versuchte. Die Ausführungen des Gesinnungsgenossen Stöcker's erregten bei der Versammlung großen Unwillen, dem Herr Reichstagsabgeordneter Härle von hier in einer Ansprache beredten Ausdruck gab. Derselbe sprach seine Verwunderung darüber aus, daß sich nach dem eklatanten AuSgang des Processes noch Jemand finde, der die Stöckcr'schen Fehltritte zu beschönigen suche. Der Richterspruch sei allein maßgebend und dieser sei ein Verdammungsurtheil. Auch Herr Perls entgegnete noch Herrn Frauer, worauf die Versammlung gegen Mitternacht geschlossen wurde. Herr Pfarrer Frauer veröffentlicht heute in der Neckarzeitung einen Aufruf: die evangelischen Christen, welche der gestrigen Versammlung nicht angewohnt haben, lade ich ein, ihrer Gesinnung für Stöcker thatsüchlichen Ausdruck zu geben durch nachträglichen Beitritt zu der von Tausenden Unterzeichneten Erklärung und durch Bctheiligung an der für Zwecke der Berliner Stadtmission ihm darzubringenden Ehrengabe. Die Frage wird noch in mehreren anderen Vereinen erörtert werden. 8. Zürich (Ostfriesland). Nachdem die erste Klasse der hiesigen Gcmeindeschule, die zugleich Elementar- und Religionsschulc ist, einige Zeit verwaist gewesen ist, hat am 1. Aug. c. dieselbe einen Leiter wieder erhalten in der Person des Herrn Lehrer Fink, bisher in Frankfurt a. M. thätig. Früher war die Leitung dieser Schule stets in Händen akademisch gebildeter Lehrer, die zugleich als Prediger wirkten. So wirkte u.A. eine langc Reihe von Jahren Herr vr. Kroner, jetzt Rabbiner in Brandenburg, an dieser Schule, zu dessen dankbaren Schülern sich auch Schreiber dieses zählte. Hoffen wir, daß auch unter der jetzigen Leitung, die voraussichtlich in bewährten Händen ruht, die Schule, die circa 60 Kinder zählt, gedeihen wird. Die Gemeinde Aurich, die ungefähr 80 Familien zählt, legt sich durch die Erhaltung obengenannter Schulen, woran zur Zeit zwei seminaristisch gebildete, tüchtige Lehrer wirken, schwere Opfer auf, die bedeutend geringer sein würden, wenn eine einfache Religionsschulc coaftttut rt werden würde. Hiervon wird aber vorläufig ganz abgesehen, da man glaubt, bei dem jetzigen Systeme den religiöse» Sinn der Jugend mehr heben und kräftigen zu können. Dieser religiöse Sinn erfüllt aber auch alle. Groß und Klei», was die Gemeinde besonders dem für sie leider zu früh verstorbenen Rabbi Joseph Cohen TT'I zu verdanken har, der täglich Abends die Erwachsenen und am Sonnabend die Jugend um sich versammelte, sie zu belehren, resp. zu unterrichten. Wir schließen mit dem Wunsche, daß die Opferwilligkeit in dieser Gemeinde zur Wahrung und Pflege unserer heiligsten Güter niemals erlahmen möge! Kamburg, den 17. August. Die Beerdigung des Herrn Moritz Liepmann, des langjährigen Präses des israelitischen Tempelverbandes, der in Ems aus dem Leben geschieden, fand gestern Mittag von der Kapelle auf dem Centralsriedhof in Ohlsdorf aus statt. Es hatte sich ein ganz außerordentlich zahlreiches Trauergefolge cingefundcn, in dem man außer den Familienangehörigen des Verstorbenen die Directoren des Tcmpelverbandes, Deputationen zahlreicher Verwaltungen, denen der Geschiedene angehört hatte und überhaupt alle hervorragenden Persönlichkeiten der hiesigen jüdischen Gemeinde bemerkte. Nachdem der Chor des Tempelverbandcs einen Choral vorgetragen, hielt Ör. Jonas vor dem mit Kränzen und Blumen buchstäblich verdeckten Sarge die Trauerrede, in welcher er das rcichgesegncte Leben des Verstorbenen schilderte und die unermüdliche Thätigkeit desselben im Dienste der Gemeinde und für gemeinnützige und milde Stiftungen aller Art, insbesondere auch für das Paulinenstist würdigte, zugleich im Namen der Trauernden das Gelöbniß ablegend, daß des Abgeschiedenen selbstloses Strebe» stets allen Gemcindegenossen ein leuchtendes Vorbild bleiben solle. Nachdem der Chor darauf wiederum einen Choral vorgetrageu, nahm an Stelle des abwesenden Viceprüses des Verbandes, Jos. Schönfeld, Herrmann Fricdländer das Wort, um auch seinerseits dem leuchtenden Beispiele, welches der Verstorbene stets allen Gemcindegenossen gegeben, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Unter üblichen Trauergesängen wurde sodann der Sarg zum Grabe getragen, an dem Or. Jonas mit einem Segensspruche die ergreifende Feier in würdiger Weise abschloß. — Zum Andenken an ihren Gatten Moritz Liepmann schenkte Frau Auguste Liepmann geb. Jacobsen der Prediger-Wittwen-Kasse des Tcmpelverbandes M. 1000, dem Paulincn-Stift M. 2000, der Beamten-Mttwenkasse des Jsraelitschen Tcmpelverbandes M. 1000 und dem Israelitischen Tempelverbande M. 2000.