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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-08-27 · N° 35. (27.8.1885) · p. Seite 283

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 35. (27.8.1885)
Date
1885-08-27
Page
Seite 283 (sequence 3)
Language
German
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288 — enttäuscht findet. Soeben ist der Gesang von Frieden, Versöhnung verklungen, und schon erscheinen auf der Bildfläche Männer des Kampfes und Streits und sind die den Saal allmählich Leerenden gezwungen, unliebsamen Wortwechsel oder gar sich als Jude» verhöhnt zu hören. (Schluß folgt.) Die Schulen der Allianz. (Schluß.) Mit einer ganz besondere» Vorsicht ist die Allianz an die Gründung einer Schule in Jerusalem gegangen. In dieser Gemeinde, die jetzt 15 000 Seelen zählen mag, herrschen höchst zerfahrene Zustände, die der gesammten Judenhcit zur Schande gereichen. Der Fanatismus und die Furcht, daß jede Aendcrung in den Zuständen eine Verminderung der für die unglückselige Chaluka bestimmten Bcttclgelder herbciführcn könnte, hat so manche Versuche, in Jerusalem ein geordnetes Schulwesen zu errichten, verhindert. Die Allianz wollte incht mit störender Hand in diese Verhältnisse eingreifen, durfte aber doch schließlich auch die heilige Stadt nicht ohne Hülfe lassen. So hat sie denn endlich im Frühjahre 1882 die lange geplante» Schritte gcthan, und die Schule eröffnet. Dieselbe — eine Knabenschule — zählt jetzt 125 Schüler, eine a» sich geringe, aber für die cigenthllmlichen Verhältnisse Jerusalems immerhin ansehnliche Zahl. Diese Schule erfordert einen großen Geldaufwand, nämlich jährlich 68500 F. (54800 M.). wovon die Allianz die Hälfte trägt, während die andere Hälfte von den Gebr. von Rothschild zu Paris, von Baron von Hirsch das., von der Anglo- Jcwish Association zu London u. a. m. beigcsteuert wird. Das Schulgebäude ist ein Geschenk des Könnt« Montague in London und hat eine in London für diese Schule vorgenommcne Kollerte einen Ertrag von 60000 F. (48000 M.) ergeben. Die Jerusalcnier Juden tragen nichts bei. Mit dieser Schule ist zugleich das Lehrlingswerk für Handwerker eng verbunden. Dasselbe besteht aus sechs Werkstätten für Tischler, Ebenisten, Schmiede, Drechsler, Schneider, Schuhmacher und außerdem für die in Jerusalem einheimische und lohnende Schnitzerei (namentlich in Olivenholz). Die Lehrlinge bringen einen Theil des Tages in der Schule, den andern in den Werkstätten zu. Diese Anstalt, so jung sic ist, wirkt jetzt schon sehr wohlthütig. Die Lehrlinge arbeiten mit so großem Eifer, daß sie das Erstaune» der Besucher erregen. Die Erzeugnisse der Werkstätten werden an Ort und Stelle abgesetzt und sind sehr gesucht. Hoffentlich wird sich aus dieser Schule der Geist des Fleißes, der Ordnung, der industriellen Thütigkeit über die ganze jüdische Bevölkerung Jerusalems verbreiten und in einer absehbaren Zeit die Chaluka, diese Schmach Israels, entbehrlich machen. Ein anderes, sehr theures und hoffentlich ebenso zukunftreiches Institut ist die seit 1870 zu Jaffa in Palästina bestehende Ackcrbauschulc der Allianz. Dieselbe wird zur Zeit von 37 Zöglingen besucht, toovon 20 Gärtner, 3 Weinbauer, 2 Tischler, 2 Drechsler, 1 Schmied, 1 Schneider; die anderen sind theils zu jung, um ein bestimmtes Handwerk zu erlernen, theils sind es Kinder russischer, nach Amerika ausgewanderter Juden, die vorläufig in Jaffa untergebracht, später ihren Eltern nachgesandt werde» sollen. Dar Budget der Anstalt beträgt jährlich 80000 F. (64000 M.), wovon die Allianz die Hälfte trügt, die andere Hälfte theils durch die Anstalt selbst, theils anderweitig ausgebracht wird. Die Größe des Gcsammtareals beträgt er. 210 Hectar. Auf dem ursprünglich kahlen Boden sind Gärten, Acker, Weinberge, Wasserreservoirs, Brunnen und die erforderlichen Gebäude angelegt. Im Jahre 1883 wurden 150,000 Stück Apfelsinen verkauft. Die Ethrvgimzucht ist wegen Unerfahrenheit in der Behandlung dieser Frucht bisher ohne großen Erfolg gewesen, der Wein — ein Weißwein — ist trinkbar und eignet sich zum Verkaufe; es wird augenblicklich ei» größerer Weinkeller im Felsen ausgehauen. Die Baumschule ist einzig in ihrer Art an der syrischen Küste; sie liefert alle Setzlinge, deren man in der Gegend bedarf. Ein besonderer Gönner dieser Anstalt ist Sir S. H. Goldschmidt in London, welcher dieselbe besucht und wiederholt sehr reich beschenkt hat. Die beiden Vorbereitungsschulen der Allianz in Paris bilden die Seminaricn für die orientalischen Schulen. Aus den letzteren werden die befähigsten Schüler und Schülerinnen ausgewählt und nach Paris in die Vorbereitungsschule geschickt, um dort als Lehrer und Lehrerinnen für die orientalischen Schulen ausgebildet zu werden. Diese Einrichtung hat sich gut bewährt; die so ausgebildcten, mit ihren heimischen Verhältnissen vertrauten orientalischen Lehrer und Lehrerinnen sind für das mühselige und schwierige Lehramt im Oriente geeigneter, als europäische Kräfte. Die Schulen der Allianz bilden demnach ein großartiges, mit vielen Mühen, Sorgen und Opfern aufgerichtctcs Werk, das schon jetzt Lust und Leben den orientalischen Juden in erheblichem Maaße zuführt, sicherlich aber, wenn die Organisation fortschreitet, bestimmt ist, dieser bisher so gedrückten, geistig und materiell verkommenen Bevölkerung eine gute und gedeihliche Zukunft zu schaffen. Möge es der Allianz vergönnt sei», ungestört und unentwegt auf dieser so heilsam begonnenen Bahn fortzuschreiteu und das große, edle, menschenfreundliche Werk immer weiter seiner Vollendung zuzuführeu. Diese Vollendung wird eingetreten sein, sobald die Juden des Orients und Nordafrikas init Hülfe dieser Schulen und deren Erfolge so weitgebracht sind, daß sie in Bildung, Fleiß, redlichem, treuem Streben und Wohlstand eine Stufe erklommen haben, auf welcher sie auf eigenen Füßen stehen und der Hülse ihrer europäischen Glaubensbrüder nicht mehr bedürfen. 21. Gerichte und Corresponden^en. Deutschland. 8p. Magdeburg. Die einflußreichsten Preßorgane wie die unbedeutendsten Localblüttcr haben von dem Hinscheiden des edlen Moses Montefiore in ehrenvoller Weise Notiz genommen. Wir registriren hier eine Stimme aus freireligiösen Kreisen, weil sie zu eigenartigen Schlußfolgerungen gelangt. Das von Uhl ich begründete, jetzt von einem Herrn Schwennhagen hier redigirte freireligiöse „Sonntagsblatt", das unter dieser Redaction das Princip verfolgt, Religionsanschauuugeu mit socialpolitischen Ideen zu verquicken, enthält die folgende Auslassung über die Wirksamkeit des berühmten Philanthropen, die wir mit einigen Schluß-Bemerkungen zu versehen uns genöthigt sehen: „Der kürzlich im Alter von über 100 Jahren verstorbene Sir Moses Montefiore ist ein Menschenfreund im edelsten Sinne des Wortes gewesen, indem er überall, wo cs galt Noth und Elend zu lindern, von seinem Vermögen und seinem Einflüsse in der ausgiebigsten Weise Gebrauch machte; es darf uns daher nicht wundern, wenn dem Verstorbenen von allen Seiten noch Dankes- und Anerkennungsadrcssen nachgesandt werden. — Auch wir stehen keinen Augenblick an, dem Edelmuth des Mannes die gebührende Anerkennung zu spenden; indessen wir müssen uns fragen, steht das Resultat seines Wirkens in irgend einer Beziehung zu den reinen Absichten der Handlungen?') — Montefiore war ein Almoscnspender, so recht im Sinne edler Religionslehren. Wir aber sind principiell gegen die Almosenpflegc^), da dieselbe nur augenblickliche Noth lindern, niemals aber dem Elend thatkräftig steuern kann. Unser Zeitalter verlangt wirkliche sociale Reformen, nicht aber „Pflüsterchen" zur momentanen Linderung der Schmerzen. Unsere traurigen socialen Zustände haben ihren Grund in der rücksichtslosen Ausnutzung der arbeitenden Klaffen durch die Herrschenden und Begüterten. Montefiore gehörte zu dieser letzteren Klasse, aber er machte eine rühmliche Ausnahme. Dennoch aber hax ihn sein gerühmtes Herz nicht veranlassen können, offen mit

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