Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 35. (27.8.1885)
- Date
- 1885-08-27
- Page
- Seite 282 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 282 — tote hebräischen) Gebetordnung für die Synagogen auf, die gewiß, wenn auch erst nach und nach und nicht ohne Kämpfe, einzuführen möglich ist. Haben wir ja doch genugsam einflußreiche Vereinigungen im deutsch-israel. Gemeindebund*) wie in den Rabbiner-Versammlungen. Zwar sind Anläufe schon genommen, aber es fehlt doch ein allgemein eingeführtes Gebetbuch für die Deutschen jüdischen Bekenntnisses. — Durch eine allgemeinere Verbreitung wäre auch dann neben der reicher ausgeslalteten eine wohlfeilere Ausgabe zu ermöglichen und könnte, wenn Gemeinden und Vereine es in die Hand nehmen, auch der Mittellose sich dieses neue Gebetbuch beschaffen. Und noch Eins. Zweifellos trägt auch die Pflege des Interesses an der so reichen neuen jüdischen Litteraiur, wie auch die Lektüre einer gut geschriebenen, belehrenden und unterhaltenden Zeitschrift viel zur Kräftigung des religiösen, wie des Gemeinsinnes bei. Doch dies Alles sind nur Anregungen eines in der Sommerfrische weilenden Plauderers, der als Laie gern sein Urtheil dem maßgebender Personen unterstellt. Aus Bergeshöh' und im Waldesgrün entflossen diese wohlgemeinten Betrachtungen der Feder. Möchten sie nachsichtige Leser finden, hier und da anregen, dann hat diese Bergesluft auch ein wenig dazu beigetragen, den Zug des Idealen zu kräftigen und das Waldesgrün Saatkörner gezeitigt, die eines guten Bodens und freundlicher Pfleger harren. A. L. II. Aus der Residenz. Ein wundersames Empfinden durchzieht den frommen Israeliten, wenn der Monat, der den hohen Festtagen vorausgeht, seinen Einzug gehalten. Einen Geist der Milde und Güte hat er mitgebracht und stimmt die Herzen sanft und empfänglich für Wohlthnn und Verträglichkeit. Gilt es doch, der seelischen Vorbereitung zur Aussöhnung mit sich selbst, seinem Nebenmenschen und infolge dessen mit seinem Gotte. Schon die bloßen, die Seele so sehr ergreifenden festtäglichen Melodien, die Töne des Schofar, erfüllen die Herzen wahrer Israeliten mit andächtigen Schauern. Diese Schöpfungen bewegter, in Andacht aufgelöster Gemüther üben einen unwiderstehlichen Zauber schon lange vor dem eigentlichen Fest. In Berlin weiß man im allgemeinen weniger von dieser still-ernsten Vorbereitung. Marktschreierische Annoncen, zum Miethen der Plätze einladend, müssen die großstädtischen Massen an das Herannahen der ernsten Tage erinnern und das religiöse Gewissen erwecken, das drei Tage lebenskräftig bleibt, um dann wieder erschlafft in das Bewußtlose zurück zu sinken. Es sind die einzigen Tage, an denen es den Berliner Bekennern des Judenthums in den Sinn kommt, daß sie neben so vielen Eigenschaften, auch noch die ineist bescheiden in den Hintergrund getretene, tragen, daß sie Juden sind. Gewiß, bescheiden ist das Judenlhum der hiesigen Juden, wenn es sich von den 365 auszunutzenden Tagen mit „dreien" begnügen muß. Uni so mehr muß es interessieren, zu erfahren, ob es gelingt, eine innere Umwandlung zu bewirken. Gar sehr wird's von dem Ernste, der Weihe und dem Eindruck des Gottesdienstes abhängen, dem man beiwohnt. Erstere müssen von um so größerer Wirkung sein, je geringer die Theilnahme an gottesdienstlichen Uebungen im Laufe des Jahres stattfindet. Demnach wird die Frage gerechtfertigt sein: „Ist der Gottesdienst an den hohen Festtagen ein derartiger, daß er den Anforderungen, das religiöse Bewußtsein zu beleben und zu kräftigen, nicht nur für die „hohen Feiertage", sondern auch nachwirkend auf das Jahr, genügt? *) Der hat mit Culins- und Religionsangclegcnheiten nichts zu schaffen; und dies mit Recht. — Was dem Wunsche nach einem einheitlichen Gebetbuch selbst anbetrifft, so dürste er wohl noch lange ein xirrna desiderium bleiben; ein Ritus läßt sich nicht so leicht abschaffen oder auch nur ändern, der wurzelt tief im geschichtlichen Boden. (Red.) Die äußeren, insbesondere örtlichen Umstände tragen so viel zur Feststimmung bei, daß wir zunächst einen Blick auf die Festräume werfen wollen. Wir reden hier von der Hauptstadt des deutschen Reiches, jedoch nicht vom Gottesdienst in den Synagogen, sondern in Lokalen, Sälen u. s. w. Da werden allerlei lustige Ball- oder Concerthäuser in empfehlende Erinnerung gebracht und als „würdige" Stätten der Andacht seitens der Unternehmer angepriesen. Gar schnell geht d-e Verwandlung vor sich, im Handumdrehen haben die Säle, in denen man sonst das Trink- und Tanzbediirfniß befriedigt, die Weihe erlangt, daß in ihnen der Gottesdienst abgehalten werden kann. Es mag für manchen anheimelnd sein, da wo er dieses Bedürfniß gestillt, auch dem der Andacht genüge zu thun. DaS tiefere, ja schon das Durchschnittsgemüth wird sich der gegentheiligen Empfindung nicht erwehren, das Gefühl nicht unterdrücken können, daß es höchst unschicklich ist, den Ort der ausgelassenen Lust und Freude, ja oft grenzenloser Gemeinheit, oder ivo man sich körperlich gut thut, zum Orte zu machen, wo man um Vergebung seiner Sünden betet, wozu die höchste geistige Sammlung nothwendig ist. Ein solcher Raum ist geeignet zu zerstreuen, die Phantasie zu erregen, Sinnenlust anzuregen, hiuzulenken auf das wochentägige Getümmel, das diese selben Wände einschließen. Die Kunsttempel, die die Unternehmer miethen, sind, dem Nanien nach, die freundlichsten, die man Apollo geweiht, als da sind: Tonhalle, Coneerthaus, Philharmonie, Singaeademie und ähnliche. — Lauter lustig, friedlich und sanft klingende Namen, bis auf das Schiitzenhaus, das dem „fürchterlichen" Mars für die „furchtbaren Tage" streitig gemacht werden muß. Aber zu so friedlichen Zwecken, wie die Namen angeben, sind diese Hallen doch nicht da. Die Tonhalle z. B. — ein neutraleres Terrain soll sich beim besten Willen nicht denken lassen — was birgt sie nicht alles in ihren Räumen? Wenn Stöckers oder des „schwarzen" Cremers Hetzreden „Deutschland, Deutschland über alles", — sich aber dabei denkend: Judenhetze über alles — anstimmen, und die rauchigen Kehlen ihrer blutdürstigen Anhänger miteinfallen, dann klingt es weniger friedlich und ist weniger der gute Ton, der in dieser Halle herrscht. Doch in ihren durch liebliche Stöcker- und Cremeriaden gewählten Räumen versammeln die sich zur ernsten Andacht, denen erstere gegolten. Wahrlich, ein hoher Gennß das. Wie schön muß es sein, wenn der mit germanischem Aussehen begnadete Semit 24 Stunden nachdem er einer süßen Hetze als Agitationsmittel zu den Landtagswahlen in der Tonhalle beigewohnt, mit Ernst den über Nacht zum Gotteshause verwandelten antisemitischen Kneip- und Tummelplatz zur Audacht betritt? Welche Gedanken müssen Einen überkommen, dem das Wechselvolle im Leben eines Raumes mitzuerleben beschieden ist, ob auch die Andacht dabei ihre Rechnung findet? Und doch werden Schank- und Tanzlokale von den Unternehmern für recht „angemessen" zur Andacht angepriesen. Der BolkSmund hat sie ja durch das bekannte Citat aus einer in solchem Tanzlokale gehaltenen Jomkippur-Predigt: „Nicht nur heute, sondern oft, an allen Tagen des Jahres sollt ihr mit euren Glaubensbrüdern euch an dieser heiligen (?) Stätte zusammenfinden" — genügend stigmatisirt. Ob Wahrheit oder Dichtung, es ist ein recht beredter Ausdruck, für wie entwürdigend man im Volke diese Eintags- oder Dreitagsgotteshäuser hält. In der That, es ist entwürdigend. Die Umwandlung eines Lokales in letzteres entzieht sich dem Auge der Andächtigen, nicht aber umgekehrt: kaum ist das Ncrlah-Gebet beendet, noch haben die Beter den Saal niHt verlassen, da werden schon die Bänke hinausgetragen, Musiker oder, wenn eine Versammlung in dem betr. Raume stattfinde» soll, aufgeregte Massen dringen ein und es ist nicht zu verwundern, wenn die soeben empfangenen Eindrücke wie ein Traum verfliegen, wenn man sich peinlich berührt fühlt und ganz