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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-08-20 · N° 34. (20.8.1885) · p. Seite 276

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 34. (20.8.1885)
Date
1885-08-20
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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— 276 — ganzes Leben dem Dienste Gottes geweiht hat, der in sich die Vereinigung gar Nieter Tugenden des alten Judenthums dargestcllt hat, der für so viele Thorakundige, die vordem hier gewirkt haben, Ersatz gewesen ist und jetzt vollends unersetzlich für diese Gemeinde ist; er ist drciundachtzig Jahre alt geworden und ist eine glorreiche Erinnerung an eine Vergangenheit, deren sich nur diejenigen unter uns schämen, die sic nicht kennen und nicht verstehen. Bor seinem hohen Geiste und seinem edlen Herzen beugten sich die Junge» und die Alten, die Orthodoxen und die Neuerer: dieser Stimmung des Trauergcfolgcs gab Herr vr. Werner, selbst tief ergriffen, in seiner Grabrede einen ergreiscnden Ausdruck. Dieselbe lautete ungefähr: "ICSnp ^2,*i ni2C' C3n Töbn,, SM i>cm ©intritt eines solche» ÖScietjeejimfjevS sichten sich alle Wetrcue» Israels wie nahe Verwandte vom schmerze berührt; besonders aber ist es die Multergemeinde, die i» ihm einen der evrwürdüpten und ausgezeichnetsten Angehörigen verloren. Das gatize Wesen des hervorragenden Todten, der kurz vor Beginn des Sabbath der ewige» Ruhe übergeben wird nnd nun den ewigen Sabbath begrüßt, ist ans den Tönen des unsterblichen Sabbathpsatms zusammengeseht. PHS' “lErC p'IS „Ter Fromme blüht wie eine Palme." Tie Palme als Tmnbol des Friedens ist der hervorragende Schmuck des wahrhaft Frommen in I-Zraet. Der Friede tritt am deittlichsten in dem häuslichen Walten hervor, und da glich der Verewigte einem ehrwürdige» Patriarchen, nnä dessen Umkreis aller ©aß und alles Häßliche verbannt war. Wie ein friedlicher Patriarch belehrte er wohl in milder Weise Andersdentende, suchte aber nicht seine Ueberzengung unduldsam auszudrängen. HSO „Wie eine Eebcr im Libanon ragt er empor." Die Ceder, der höchste Banm aus dem Libanon, dem höchsten Gebirge, ist ein Bild des himmelwärts strebenden Glaubens. Wie eine Ceder, die nicht von beit Stürmen der Zeit entwurzelt ivird, stand er da mit seinen fromme» Grundsätzen, die er mit freudiger Begeisterung bethätigte und die ihn in allen Lagen seines bewegten Lebens beglüekteti. Als ein Charakter bewährte er sich stets, wo es galt, für die Lehren und Satzungen des Glaubens mit Mannesmuth einzutreten.;" IV-- „Gepflanzt im Haufe des Ewigen." Ein Gotteshaus war diefetti Gerechten die Welt, in dem alle Menschen alz Kinder eines ValerS einander zn stützen berufet, sind. Wohlwollend im Urtheil, mit Freude helfend, beglückend nach Kräften, so wirkte er als Friedenssürst sein langes Leben hindurch zum Segeti feiner Mitmenschen in der Belt, dem Hause Gottes. Eine solche Milde und ein solcher Edelsinn ist die Frucht eines echt jüdischen Lebens. Ter Psalmist vergleicht den Frommen erst mit der Ceder des Libanons, verherrlicht seinen Glauben, dann seien er die uns diesem hervorgehende Menschenliebe. Ij'nbX nnitrQ „In den Vorhäfen unseres Gottes blühen sie." Die Borhöfe Gottes sind die Hallen der Weisheit, die znr Wahrheit sühren. In diesen muß der Gerechte weilen, so singt das Sabbathlied, und in ihnen lebte und starb auch unser Frommer. Mit unermüdlichem Fleiße forschte er in de» heiligen Quellen der schriftlichen und mündlichen Lehre; die Lehre war sein Leben, das Forschen sein Beruf. Erstaunlich war sein Wissen auch aus talmudischem Gebiete, und es gehörte ein langes Leben emsiger Arbeit dazu, um so tief in den Schacht des jüdischen Schristthums einzudriugen, daß dasselbe in seiner Ganzheit in dem Haupte dieses schwächlichen Greises ersaßt und begriffen sein konnte. Und als ein echter Weiser Israels spendete er gern von den reicheil Gaben seines Geistes allen Denen, die danach verlangten. Wie er gelebt hatte, so starb er; mit den Blicken in den Talmud gerichtet, hauchte er seine göttliche Seele a»S. Der Traetat Berachoth war es, bei dessen Erforschen ihn der Tod traf. Mit Berachoth, mit „Segen" verließ er sein irdisches Heim. So starb Rabbi Eleasar Auerbach, ein Patriarch in der Familie, ein Charakter im glauben, ein Friedenssürst gegen seine Mitmenschen, ein Weiser im Wissen. Nach dem Ortsrabbincr nahm ein Theologe, der sich zufällig zur Zeit in der Nähe Danzigs anfhiclt, das Wort. Fremd dieser Familie, fremd dieser Gemeinde, habe er, wie es scheint, kaum das Recht bei dicsnt Trauerfall, sei es zu klagen, sei es zu trösten. Aber es werde wohl bei der tiefen Erregung, die jetzt die jüdischen Herzen dieser Stadt durchzittert, eine Aufrichtung und Erhebung sein, wenn auch ein Fremder vor diese Bahre tritt, um Zeugniß abzulegen für die Theilnahmc weiter Kreise. Der Heimgegangene war ein Meister talmudischcr Wissenschaft, ein Jünger des hochberühmten R. Jacob Lissa. Schon im Talmud werden diejenigen, die sich der religiösen Wissenschaft widmen, cingetheilt in solche, die durch ihre Dialektik, die durch ihren Scharfsinn glänzen nnd in solche, die schlicht und grade die Fülle der Ueberlieferung festhalten und bewahren. Den Dialektiker, den scharfsinnigen und nicht selten spitzfindigen, nennt der Talmud ann “ipiy, den Berge entwurzelnde», der schlichte Sammler erhält de» Ehrennamen „Sinai" d. h. einer, der die sinaitische Offenbarung in sich verkörpert. In der That, Nichts ist so verführerisch als der Scharfsinn, er verschmäht oft das Wlhre, weil cs einfach ist, er entwurzelt oft die Wahrheiten, die wie mächtige Berge dastanden. Höher gilt dem Talmud der treue Fleiß/der die Ucberlieferung sammelt nnd sichtet. Solch ein Sinai war Jacob Lissa, nichts geistreich nnd glänzend, sondern wahr nnd tief, solch ein sinai >var sein Schüler, R. Eleaser Auerbach. Aber der Heimgegangene war nicht nur ein Wissender, er war auch ein Weiser. Der Talmud wird mit eic.ein mächtigen Meere verglichen; in dessen Tiefen war ec hinabgestiegen nnd hatte die Perlen der Tugend heraufgcholt, Re mild und liebreich ihn umlcnchteten. In dem Midrasch zum kommenden Sabbat heißt es: R. Eleaser sagte: dreimal gericth Mosch in Zorn, und dreimal gerieth er durch den Zorn ,n Jrrthnm. Nun dieses Wort feiner großen Namensgenossen war unscrm R. Eleasar eine stete Mahnung auf seiner Lebenswandrnng; er war mild nnd freundlich, darum verfiel er nicht in Fanatismus nnd Berketzerungssucht, darum hatte er bei aller Frömmigkeit Rücksicht und Duldsamkeit für das Streben und Ringen der neue» Zeit, er war kein Parteiführer, sondern, wie er Alle liebte, von Allen geliebt und verehrt. Unsere Alten sagen: Schon geraume Zeit vor seinem Tode gab Mosch, wie wir in der dieswöchcntlichen Sidra lesen, seinem Brudersohn Erlanbniß und Auftrag zum Volke zu reden, damit nicht nach seinem Tode dem junge» Priester Gegner erstünden, die ihm vorhielten: Ja bei Lebzeiten des Meisters wagtest Du nicht das Wort zn führen, jetzt aber trittst Du hervor. Und diesen demüthig - verständigen Sinn hat anch t er Entschlafene bekundet, indem er die Männer, die hierorts das Wort Gottes verkündeten, durch die Autorität seines Alters, seiner Frömmigkeit, seines Wissens nicht etwa druckte, sonder» stützte. Bon dem Tode einesolche» Mannes gilt, was vom Tode Arons geschrieben steht: „die ganze Gemcnide merkte es, daß Aron tvdt war:" vLt niä'i 'n 's "inn -n bx pnx bs'i (IV. B.'Mos. 33 B. 38.) tsseiii Sterben ist kein Niedersinken, sondern ein Aufsteigen zu den Höhen der Wahrheit. — Nach diesen beiden Reden wurde der Sarg eingescnkt; der Name R. Eleasar Auerbach wird in dieser Gemeinde noch lange fortleben. r. Königsberg, bc» 14. August. Die „K. H. Z." berichtet: Wie uns mitgetheilt ivird, gehört zu den aus Preußen ausgcwiescnen polnischen Unterthanen auch der erste Cantor der hiesigen Synagogengcmcinde Herr Birnbaum. Derselbe ist in Krakau geboren, kam aber schon als Kind in seinen ersten Lebensjahren nach Schlesien. (H. B. erhielt seine weitere Ausbildung in Breslau, fand feine erste Anstellung in M a g d c b n r g, lvurdedann nachB e n t h e n O.-Sch.als erstcrCantvr berufen nnd von da nach Königsberg O.-Pr. zum Nachfolger des berühmten Weintranb. Obwohl spater mit ihm Unterhandlungen wegen Ucbernahme des Cantorats in Wien und Berlin gepflogen wurden, wußte die Gemeiitde Königsberg ihn doch durch hohes Geld und lebenslängliche Anstellung zu fesseln. Daß die Vorstände dieser Gemeinde nicht rechtzeitig auf seine Naturalisation, die ja bei der künstlerischen Bedeutung und dem loyalen Charakter B.'s leicht zn bewerkstelligen war, hinwirkten, ist zu bedauern.) Herr Birnbaum wandte sich an den Regierungs- und dann an den Oberpräsidenten, hat aber auch durch des letztereit Befürwortung seines Gesuches bei dem Ministerium nichts weiter erlangen können, als höchstens einen Aufschub bis zum 1. April künftigen Jahres, an welchem er das Gebiet des preußischen Staates verlassen haben muß, da auch eine Bitte um Naturalisation nach Erlaß des Auswcisungsdecrcts als verspätet zurückgewiesen werden mußte. — Es ist nicht daran zu zweifeln, daß H. Birnbaum in einer außerpreuß. Großaemeinde eine Anstellung erhalten wird; bedauerlich ist's, daß eine so

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