Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 34. (20.8.1885)
- Date
- 1885-08-20
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der Verwundete, sv lange das Blut noch heiß ist, den Stich kaum spürt, so merkt auch der, welcher im Erstreben eines großen Zieles dahin stirbt, die Todeswunde kaum. Montcfiore hat, dessen sind wir gewiß, so lange er überhaupt Empfindung hatte, die Freude, die Sorge seiner Glaubensgemeinschaft empfunden: Dies half ihm hinweg über alles Todesbangen, Wir danken Gott, daß er ein solches Dasein weit über das gewöhnliche Ziel hinaus ausgedehnt hat und erwägen, damit das Andenken des Gerechten auch uns zum Segen werde, worin seine Kraft und seine Größe bestanden hat, auf daß wir ihm nachcifern. Sein Lebenslauf ist uns Allen bekannt; da er nicht nur uns Israeliten, sondern der Zeitgeschichte, angchört, so ist in den Tageblättern ausführlich sein Leben erzählt worden. Aber oft, wenn sein Ruhm verkündet wurde, machte sich der Einwurf geltend: Was hat denn M, eigentlich Dauerndes geleistet? Er ist nach Palästina gereist, er hat nach Persien die Wanderung unternommen, er hat sich in Marokko bemüht, er hat in Rußland zu unseren Gunsten geredet; — blüht darum in Palästina der Wohlstand, genießen in Persien die Juden den Schutz der Gesetze, sind in Marokko unsere Glaubensgenossen des Lebens sicher, sind sic in Rußland frei und gleichberechtigt? Gewiß lassen sich diese Einwürfe nicht beseitige», trotz Montcfiores wird die lächerliche und doch so bösartige Blnlbeschutdigung auf's Neue erhoben, und weder im heiligen Lande noch sonst auf Erden hat er seine Absichten verwirklicht. Dennoch wäre es thöricht, sein Wirken als nutzlos hinzustellen, Schon ein so edles und selbstloses Streben ist in dieser Welt, wo bei weitem die Meisten nach persönlichen Vortheilen jagen, um des guten Beispiels willen vom höchsten Werthe; >uir können die großen Gelehrten, die erhabenen Denker nicht den Massen zum Muster hinstellen; es ist iiicht Jedem gegeben durch große Erfolge auf dein Gebiete des Geistes zu glänzen; aber Monlcfiore war nicht so sehr durch seinen Geist, als durch seine Tugend ausgezeichnet; hier jedoch ist die Bahn für Jede» frei. Freilich nur Wenige sind so reich mit Schätzen gesegnet; indeß vor Gott und dem eigenen Gemüth entscheidet die Gesinnung des Gebers und nicht die Größe der Gabe, In dem dieswöchentlichcn Midrasch lesen wir darüber folgende Erzählung: Zwei große Lehrer waren einst nach Antiochien gesandt worden, um ihren bedürftigen Jüngern den Lebensunterhalt zu sammeln; dort lebte ein Mann, Abba Judan mit Namen, der stets gewohnt war mit vollen Händen für jeden guten Zweck zu steuern. Aber dieser wackere Mann war verarmt; wie er nun sah, daß die beiden Lehrer in die Stadt kamen, verbarg er sich und einige Tage war er auf dem Markte nicht sichtbar; das fiel endlich seinem Weibe auf und sie fragte ihn um die Ursache, daß er sich von seinen Mitbürgern fern hielt. Ach, sagte er, nicht vor diesen verberge ich mich, sondern zwei große Lehrer sind in die Stadt eingekehrt und sammeln für die, die sich dem Studium der Thora weihen, und ich, sonst an der Spitze der Spendenden, kann diesmal nichts steuern; dessen schäme ich mich und bleibe daheim. Da sagte die Gattin, der ein gleich edles Herz im Busen schlug: noch ein Weniges ist uns geblieben, davon wollen wir für den guten Zweck, so schwer es uns wird, etwas dahingeben. Und er trug die kleine Gabe den Lehrern und er sprach zu ihnen: Betet für mich, da sagten sie: Möge Gott Dir Deinen Schaden ausgleichen! — und sodann wanderten sie nach einem anderen Orte. Dem Abba Judan war noch ein kleines Feld geblieben. Als er andern Tages dasselbe pflügte, fand er einen großen Schatz. Wie die Lehrer nun wieder nach Antiochien kamen, zog er ihnen freudestrahlend entgegen und rief: Euer Gebet hat Früchte getragen O, sagten sie, wir kannten Deinen guten Willen, und obgleich Deine Spende nur gering war, ^o stellten wir dennoch Deinen Namen, Deine Gesinnung hrend, an die Spitze der Spendenden. Die großen Summen, die Montefiorc gab, haben die Augen der Welt auf ihn gelenkt, das Auge Gottes hätte gleich freundlich auf ihm geruht, wenn er mir demselben Opfermut!) aus geringerem Besitze Geringeres gewährt hätte, Montefiore und seine Gattin sind ein erhabenes Zeugnis;, wie edle Menschen selbst ein Böses zum Guten wenden. Gott hatte diesem herrlichen Mcnschenpaare das natürlichste Glück, den Kindersegen, versagt, was war bei diesen hohen Seelen die Folge solcher Prüfung? daß sie gleichsam alle Nothleidenden au Kindesstatt annahmen und, da sie der lcblicheu Ebenbilder entbehrten, so prägten sie die Bilder ihrer Seelen durch zahllose gute Werke so fest und deutlich aus, daß ihre Namen sicher zur späten Nachwelt kommen werden, Mosel; und Judith Montefiore, diese Namen werden in unauflöslicher Verschlingung in der jüdischen Geschichte fortleben, denn die Sprossen dieser Ehe sind Werke, die dem Judenthume zum ewigen Ruhme gereichen. Was aber vor Allem sein und unser Ruhmesschild ist, er hat in feinem Leben vor aller Welt bekundet, daß die strengste und peinlichste Hebung jüdischen Brauches, daß die orthodoxeste Form des Judenthums noch wohl vereinbar ist mit der eifrigsten Vaterlandsliebe, Niehls ist widerlicher als jenes Schachern, wo man für das Opfer religiöser Lehren oder Bräuche, Förderung und Anerkennung im Staate eintaujcheu möchte; nun Montefiore hat in religiösen Dingen einen Standpunkt ciligenommcn, wie ihn nur Wenige in Deutschland habe». Hat darum einer au seinem Patriotismus gezwcifett? Es giebt eben keine Form des Judeuthums, die die Ucbuug vaterländischer Pflicht erschwert. Und nicht das geringste seiner Verdienste ist es, daß er zuerst unsere Glaubensgenossen im Orient zum Ackerbau und zum Unterricht ausgeruscn hat, daß er der geistige Urheber der Allianz israelitc genannt werden kann. Atmoseu spenden für das heilige Land, das war von jeher in Israel Sitte, aber durch Almosen kann aus die Dauer kaum einem Einzelnen, niemals einer Gemeinschaft geholfen werden. Er zeigte den Weg, den unsere Glaubensgenossen im Orient beschneiten müssen, uin zu besseren Verhältnissen zu gelangen. Denn zuvörderst haben diejenigen Autheil an einem Lande, die es bebaue u. Ja, Mose Montefiore hat den Segen erwählt, den Segen des hohen Dienstes der Menschenliebe, und hat ein unendliches Glück sich und Anderen bereitet. Möge er, d er im Verein mit seiner Gattin in seinen guten Werken fortdauert, auch noch dadurch zum Segen werden, daß sein Beispiel noch Viele zur Nacheiferung erweckt und aufruft, daß Viele in Israel erstehen, die ihm gleichen! Amen, Die Schulen der Allianz.*- Wer sich ein richtiges Urtheil von der segenspendenden Thütigkcit der allgemeinen israelitischen Allianz bilden will, muß zunächst auf die von der Allianz gegründeten und zum großen Theile unterhaltenen Schuten im Oriente und Nvrdafrika sein Augenmerk wenden. Am besten kann man sich über diese Schulen aus den Semesterberichten der Allianz unterrichten. Auch der zur Feier des 25 jährigen Bestehens der Allianz veröffentlichte Jubiläumsbericht enthält eine Zusammenstellung, aus welcher wir einen kurzen Auszug geben möchten. Die Zahl dieser Schulen beträgt ö9, von denen jedoch zur Zeit 10 geschloffen sind, worüber man sich bei der eigenthümlichen, im Ganzen sehr unglücklichen Lage der orientalischen Juden nicht zu verwundern braucht. Indessen steht zu hoffen, daß diese Schulen, wie schon mehrfach vorgekommen ist, später wieder eröffnet werden, *) Im ersten L.-Art. der vor, Nr, sind folgende Berichtigungen vorznnehmen: S, 265a. Z. 1 v, o. ist st, „zur" zu lesen „der", Z. 4 v. u, st. „der Regierungen" l, „den Regierungen", Sp, b. Z, 21 v. o. st, „Rübeauville" l, „Ribcauvills", Z, ö v. u, st. „überreichen" l. „überreizten" Nationalitätsgefühlen. S. 266a. Z. 10 v, o. st. „ wo nicht" l. „wenn nicht". Z. 16. v. u. st. „Organisationen" l. „Organisation". I ■1 ill