Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 33. (13.8.1885)
- Date
- 1885-08-13
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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H ohcs f. f. Ministerium des Innern! Durch die in jüngster Zeit promulgirte Getverbegesetz-Novelle über die Sonntagsruhe ist im Zwecke der physischen und moralischen Hebung des Arbeiterstandes der Sonntag als obligatorischer Ruhetag für das Arbeiter-Personal bei Handels- und Jndustricgewerben eingefuhrt, jedoch der hohen Regierung die Statuirung von Ausnahmen und Dispensen Vorbehalten worden. Eine derartige Ausnahme oder eigentlich nur Modifikation der Sonntagsruhe ist, mit Rücksicht auf die obwaltenden Verhältnisse, geradezu als ein dringendes Bedürfnis; für die Handelsnnd Gcwerbslcute jüdischen Glaubens in Galizien anzusehen. Es ist nämlich notorisch, das; der mosaische Cultus den Sabbath als Wochenruhetag bestimmt und daß die Israeliten sich an diesem Tage aufs Strengste von jedweder Arbeit was immer für eine Art fcrnhalten. Die Sabbathruhe wird wenigstens in Galizien, bei allen Israeliten, sehr wenige Individuen ausgenommen, aufs Gewissenhafteste beobachtet, und wird thatsächlich sogar' von solchen Gewerbsleuteir nicht verletzt, denett im Sinne des Eingangs erwähnten Gesetzes die Nichtznhaltung der Sonntagsruhe gestaltet ist. Angesichts dieses Faktums, erscheint die cingesnlirte obligatorische Sonntagsruhe neben der Sabbathruhe als eine wahre Ealamität für den jüdischen Arbeiter-und Gcwcrbestand, der in dieser Weise zu einer zweitägigen, noch dazu ununterbrochenen Wochenrtlhe gezwungen ist; denn tvill der jüdische Handwerker und Gcwerbsmann die wichtige Vorschrift seiner Religion, als welche die Sabbathruhe gelten muß, nicht verletzen, und andererseits das Staatsgesetz befolgen, so muß er schon Freitags bei Sonnenuntergang jede Arbeit ein'stcltcn und ununterbrochen bis Montags früh, also mehr wie 60 Stunden feiern. Ein derartige, jede Woche erfolgende Unterbrechung der Arbeit müßte den israelitischen Arbeiter und Haudwerksmann vollständig concurrenzunfähig machen und im Kurzen finanziell rniniren, da es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen kann, daß ein so großer Zeitverlust wie 60 Stunden tvüchentlich, einen ganz enormen Schaden bedeutet. Der jüdische Arbeiter hätte dann nur die Wahl, entweder eines der wichtigsten Gebote seiner Religion, die Sabbathruhe zu mißachten, oder aber ökonomisch zu Grunde zu gehen. In Erwägung jedoch, daß es unmöglich im Zwecke der Hoheit Gesetzgebung gelegen sein konnte, deir jüdischen Arbeiter- und Gewerbestand vor eine so traurige Alternative zu stellen, ferner, daß die hervvrgerufcne Verletzung der in Oesterreich anerkannten mosaischen Religion aus Opportunitäts-Gründen und die damit verbundene Schwächung des religiösen und moralischen Gefühles bei so zahlreichen Religionsgenossen sich mit dem Interesse der Gesammtheit gewiß nicht verträgt, day weiter der finanzielle Ruin einer namhaften Menge vor: Staatbürgerit dem Gemeiitwesen nur zum höchsten Nachtheil gereichen müßte, so wie, daß die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung in Galizien ohnehin seit Jahren im beständigen Niedergange begriffen ist und der Pauperismus derselben unablässig wächst, welche Erscheinung unter andern dem Mangel an Arbeitslust bei den Israeliten zugeschrieben zu werden pflegt, daß also die Durchführung der Sonntagsruhe auch bei den jüdischen Arbeitern, dieselben zu einenl 60 stündigen Müßiggang wöchentlich zwingen, und auf diese Art das sociale liebet noch bedeutend vermehren würde, — wagt cs der unterthänigst gefertigte Verein „Schomer Israel", welcher statutenmäßig die Interessen der Juden Galiziens auf legalen! Wege zu wahren den Zweck hat, hiermit die ergebenste Bitte an Das Hohe k. k. Ministerium zu richten: Hochdasselbe geruhe, in gütiger Berücksichtigung der angeführten Momente, die Verordnung zu erlassen, daß diejenigen jüdischen Handels- und Gewerbsleutc, resp. deren Personal, welche die Sabbathruhe von Sonnenuntergang Freitags bis Sonnenuntergang Sabbath beobachten, von der Einhaltung der Sonntagsruhe dispensirt werden. Der Ausschuß des Vereines „Schomer Israel". Frankreich. ^aris. Dic im Budget gestrichenen 30 000 Fres. herbeiznschafscn, wird dem Consistorium nicht leicht. Die alle Opsermilligkeit der Juden für Religiöses ist eben nicht mehr vorhanden — ober richtiger sie schlummert und wartet des rechten Erweckers. Die Rede des Ingenieurs Herr» Levh als Vertreter des Ccntraleonsistoriums bei der Enthüllung der Statue des Abbe Grcgoire gipfelte in dem Danke an Frankreich, welches zuerst es erkannt und in die Praxis nmgesetzt hat, daß man Bürger ihrer Religion wegen nicht als Parias behandeln dürfe, — In der letzten Sitzung der wissenschaftlichen Gesellschaft non Seine und Oise hat der Versailler Grandrabbin Herr Charleville die Vorlesung einer Arbeit über die Lage der Juden unter Ludwig XIV. begonnen. Der Grandrabbin Herr Weill in Oran hat die akademischen Palmen erhalten. Mit einer silbernen Medaille 2. Klasse wurde dcr Grundbesitzer Herr Siari daselbst bedacht wegen seines bei der Cholera (84) und sonst bewiesenen Muthes; der Obertelegraphenarbeiter Bloch in Nancy wurde mit einer Broncemedaille dckorirt für 31 Dienstjahre. In der Münzkonfercnz vertritt der Deputirte, Commandeur Luigi Luzzatti Italien. (Arch. isr.) Großbritannien. AusDordengkaud. tOr.-Corr.) DaSEreigniß des Monats ist für das ganze Jndenthnm das Hinschciden des edlen Menschenfreundes Sir Moses Montefiore. Obwohl die ärztlichen Berichte über sein Befinden in letzter Zeit ziemlich günstig lauteten, so daß man glaubte, er würde noch mehrere Jahre uns erhalten bleiben, hatte es dem Allwaltenden gefallen, seinen treuen Diener Moses dem irdischen Schauplatz seiner anstaunenswerthen Thätigkeit zu entrücken, ihm wie dem ersten Mose die Worte, die in derselben Woche, aus der Sidra vorgelesen worden, zuznrufe»: mn 82 na“in ,-p r-i „Genug — hast du dich gemüht, und viel geleistet, geh' zur Ruhe!" Er starb nicht nur Q'O1 saift Jpl „hochbetagt und reich an Jahren", sondern auch reich an Thaten, Erfolgen und Ehren. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Ich danke Gott, ich danke dem Himmel" und mit Recht dankte er Gott, der ihm vergönnte, so viel Gutes zu wirken auf Erden und mehr noch hat das gesammte Judenthum dem Himniel dafür zu danke». Das Leichenbegängnis; war von sämmtkichen jüdischen Geistliche» Englands besucht. Selbst von der englischen Reform (Reo. A. Löwh London und Reo. Or. Strauß Bradford) waren die Geistlichen erschienen. Das war so recht ein Bild von dcr Einigkeit Israels in dcr Verehrung dieses Mannes, dcr allen Juden angehörte und nicht, wie eines Ihrer deutsch-orthodoxen Zeitungen sich vermißt, zu sagen, und wiederholt zu betonnen, daß er „einer der ihrigen", dcr Orthodoxe», gewesen. Es war zum mindesten sehr tactlos von diesem Blatte *) in dem an die Traueranzeige geknüpften Nekrolog, solche Parteipolitik zu treiben, und des großen, hoch über alten Pcirteie» stehenden Mannes Wirksamkeit dadurch zu verkleinern. WaS das Ritual der Bestattung betrifft, so war dasselbe einfach, aber ergreifend. — Vom Hause, East Cliff Lvdge, wurde dcr Sarg von einfachen schwarz angestrichenen Brettern nach dem ungefähr 500 Schritte entfernten Beth Hamidrasch gebracht. Voran wurden einige mit Erde vom Grabe der Erzmutter Rachel gefüllte Säckche:: getragen; dann folgten drei Cantoren von der portugisischen Gemeinde, zu der dcr edle Barvnet gehörte, die ein hebräisches Klagelied anstimmten, das sehr ergreifend klang. Zwei von diesen Cantoren trugen zwei Fuß lange dicke brennende Kerzen, die nachher ausgelöscht wurden. Am Hauptportal des Beth Hamidrasch angckvmmcn, wurde dcr Sarg, der von Mitgliedern der Chewra kadischa getragen wurde, niedcrgestcllt und Dr. Löwe, der Privatsccrctair des Sir Moses, trug nun ein von ihm für den Zweck verfaßtes hebräisches Gebet vor. Dann ging's weiter nach der zehn Schritte entfernten Synagoge. Dcr Sarg wurde einmal um die Synagoge getragen, die ganze Zeit über wurde das hebräische Klagcliev gesungen. In der Synagoge wurden wieder hebräische Gebete verrichtet und dann wurde der Sarg zu dem fünf Scheitle von der Synagoge entfernten Mausolen,n, das von Kränzen am Eingang unestellt war, hingebracht und der Erde übergeben. So ruht das Sterbliche de» unsterblichen Menschenfreundes neben den sterbliche» Ilcbcrrestcn seiner getieblcn Judith. (Es ist eine Copie des Grabmals der Rachel.) Alle drei Gebäude, Bcih Hamidrasch mit den daran anstoßenden Wohnungen für altersschwache Paare, die Synagoge und das Mausoleum, sind von Sir Moses aus eigenen Mitteln erbaut worden und sollen erhalten werden für alle Zeit. —• Es waren mindestens 20 000 Menschen bei dem Begräbnisse anwesend; alle beiiachbarten Anhöhen waren mit *) Be,uc wir „ich, irren, hat der gesch. Corresp. die Hildcsheimerschc „Jüd. Presse" in Berlin hierbei im Auge. <ä!wii<W. MgN'E'I illtfii golbt äniwiflib i MhW. WWldic iSänntt dl buben sie selten hm Jtidenilni» nnwlwcgi lir hol lei Vorbild roi ätaicliuus jchild, a Botin-, darin, dch siir das 3i währen, m Wdnrgcr zugleich © Hanse der »nd ans geieisicl. 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