Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 33. (13.8.1885)
- Date
- 1885-08-13
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Tagcsfragcn sehrimPreiscgesunken"—sagtHcrrRabb.vr.Hildeshcimer in Nr. 31 der „Jüdischen Presse". Ich schütze den Herrn Or. Hildesheimer persönlich sehr hoch, wenn ich auch religiös nicht seine Ansichten theile. Denn was ihn vor den meisten Stimmsührcrn der Orthodoxie, namentlich denen jüngcrn und jüngsten Gepräges auszeichnet, das ist: Gcsinnungstüchtigkcit! Gcsinnungstüchtigkcit ist eine Krone, die Jeden ziert, es trage sie, wer immer. Es gicbt aber auch eine-Gesinnungstüchtigkeit der Ünparteilichkeit, und wo diese für größere Kreise von Bedeutung ist, aber getrübt, oder auch nur nicht in der Klarheit erscheint, wie cs gewünscht tvcrden muß, da ist, mit Herrn Or. I. Hildesheimer zu spreche», das „Gold des Schweigens im Preise gesunken." — Ich will kurz entschlossen in medias res cintreten: wie steht es um die Gesinnungstüchtigkeit der Unparteilichkeit des deutsch - israel. Gcmcindcbundcs? Wer wird leugne» wollen, daß ein D.-J. G.-B. ohne Unparteilichkeit ein Unding ist? Unparteilich muß der D.-J. G.-B. hoch über allen religiösen Parteien des Judcnthums stehen, und wo die thatsächliche Unparteilichkeit von so fundamentaler Bedeutung ist, da ist auch der leiseste Schein der Parteilichkeit schon eine Verletzung der Unparteilichkeit. — Ein solcher Schein der Parteilichkeit liegt aber gerade in der „Beilage zur citirten Nr. 31 der „Jüdischen Presse" vor. Diese Beilage enthalt einen poetischen Beitrag von Herrn Or. Samttel Kristcllcr, Präsident des D.-J. G.-B.! Es sind das harmlose, recht nette Ucbcrsctzuugen aus den Pirke-Abvth. Es ist gewiß höchst erfreulich und ancrkennenswcrth, daß ein Mann von der Bildung des Herrn Geh. Sau.-Rath Or. Kristeller solch ein warmes Herz für das Schriflthum des Judcnthums hat, daß er Lichtstrahlen aus diesem sammelt und in liebenswürdiger poetischer Form in weitere Kreise verbreitet. Aber — noblesse oblige! Die Nobility der Ehrcnstellung eines Präsidenten des D.-J. G.-B.s obligirt zur minutiösesten Vorsicht und Rücksicht, Alles zu lassen, was den Schein der Parteilichkeit crtvcckeu könnte. Nun zweifle ich, und alle, die den verehrten Herrn Präsidenten des Gemeinde - Bundes kennen, keinen Augenblick au seiner strengsten Unparteilichkeit; ja, ich glaube sogar, daß diese Liebenswürdigkeit gegen das Organ der Berliner Orthodoxie selbst aus — — Unparteilichkeit entspringt. Herr Or. Kristcllcr ist persönlich nichts weniger als ein Orthodoxer, und um die Zweifel der Orthodoxie in seine Unparteilichkeit zu zerstreuen, mag er sich zu derartigen Concessionen verstehen. Aber wer die „Klugheit" der „Jüdischen Presse" kennt, weiß, daß die Stimmführer derselben solche Coucessioncn nur gnädig annehmen, weil sie den Werth dersetben für ihre Sonderinteressen sehr wohl zn chätzen wissen — und die Stimmführer der „Jüd. Presse" sind gute Rechner, sie täuschen sich nicht! Das wollte ich dem Präsidenten des D.-J. G.-B.s nur in aller Ehrerbietung zu bedenken bitten! Bei dem notorischen Gegensatz der persönlichen religiösen Richtung des Herrn Or. Ä. und der „Jüd. Presse" können solche Liebesdienste nicht als persönliche Gefälligkeiten erscheinen, sondern als Liebenswürdigkeiten des Bnndes-Präsidentcn, als Hegemonie der Orthodoxie in der Bundesverwaltung, als ein Schwimmen des D.-J. G.-B.s im Fahrwasser der „Jüd. Presse" — sapienti sat! Kassel, 2. August. (Or.-Corr.) Am 1VM N2V hielt unser neue Landrabbiner, He" Or. Prager, seine Antrittspredigt, welche allgemein gefiel, nachdeni derselbe Abends vorher durch den Gemeinde-Vorstand und die Mitglieder des Vorsteher-Amtes in die festlich erleuchtete, mit Guirlanden und Blumen reichlich geschmückte, Synagoge geleitet und in sein Amt eingcführt ivorden war. Hoffen wir, daß cs dem leutseligen Herrn bei uns gefallen möge und daß er uns zum Segen hierher gckominen sei. Von hier dringt nicht viel in die Oeffentlichkcit, trotzdem sich die Gemeinde von ca. 800 Seelen auf vielleicht 3000 Seelen erweitert hat. Ich bin auch heute nicht in der Lage, außer dem oben Erwähnten, Dinge von besonderem Interesse Ihren Lesern mitthcilcn zu können. In Cassel befindet sich außer der Synagoge und dem mit derselben verbundenen Frauenbad das israelitische Lehrerseminar und die mit demselben verbundene Elementar- und Rcligionsschule. Ferner das Waisenhaus. Es besteht hier auch eine ziemliche Anzahl .von Vereinen, weiche sämmtlich der Wohlthätigkeit und besonders der Krankenpflege gewidmet sind. Die ältere und die neuere „Chewre", die Frauenchcwre, die Humanitätsgcsellschaft, welche die Erziehung zum Handwerk und Unterstützung armer Lehrer zum Zw.cke hat, das Waiscnhaus-Curalorium, und der vor jetzt sieben Jahren entstandene Verein für israelit. Armenpflege, welch:r dem Wanderbcttcl steuern will. Letzterer hat die richtige und verständige Einrichtung getroffen, daß er den Armen der Provinz die Gabe» vierteljährlich per Post in's Haus schickt, so daß die früher tagelang hier von Hans zu Haus herumwanderndcu Armen nicht mehr hierher zu kommen nöthig haben, während die fremden Pffsanle» nach genauer Prüfung ihrer Verhältnisse eine geringere oder größere Unterstützung in einen dem Zwecke djenenven Bureau gereicht bekommen. Nenne ich nun noch de» Spcisevcrein, welcher die hier über Sabbath bleibenden armen Passanten speist, und einige wohlthätigc Stiftungen, so glaube ich unser» Gcmeindehaushalt ziemlich erschöpft geschildert zu habeii. Es muß hinzugefügt werde», daß die Gemeinde so glücklich ist, die Verwaltuiig aller dieser Vereine und Stiftungen in den besten Händen z>t wissen; aber der Geist eines echten und rechten Vereins- und GemcindelcbcnS fehlt fast vollständig »nd das dolos bar nisnts in den Gemcinven der großen Städte hat auch hier leider nur zn feste Wurzel gefaßt. Man überläßt eben alles, was geschehen soll, nur gar zn gern einigen gewandten Personen, um sich persönlich nur ja nicht für religiöse Dinge erivärinen und begeistern zu müssen. Der liebe, süße'Schlummer! Die Gemeinde-Verwaltung ruht gegenwärtig in den besten Händen. Hoffen wir, daß uns die wackern Männer auf die Dauer erhalten werden. Aus Kessen, 3. August. (Or.-Corr.) Das öffentliche Schreiben der i-sr. Schüler am Sabbath ist als ein Beweis des religiösen Jndiffereutismus erwähnt worden, wir wissen von tiefer cinschncideiiden Schäden zn berichten. Am Sabbath ist der Besuch des Gottesdienstes den Volksschlllern, an Feiertagen ist er auch den Zöglingen der höheren Schulen freigegcben. Die wenigsten machen Gebrauch davon, und oft sogar, de:» Religionslehrcr entgegen, auf Veranlassung der Eltern, nicht so sehr, weil diese fürchten, daß die Kinder im Lernen zurückbleiben, sondern weil die religiöse Absonderung sie geniert. Wohl aus Jrrthum hat die Negierung die letzten Tage der jüdischen Feste nicht freigegeben; auch hat sic nur die mosaischen Feste berücksichtigt. Weder Gemeindcn noch Vorsteher reagiren gegen diese Anomalien und Uebelstände. Anträge der Rabbiner berücksichtigt die Regierung nicht, weil nicht sie, sondern die Vorstände die Gemeinden vertreten. Die Mitwi rku ng der R abbin er aber wollendie Vorstände nicht; bezügliche Anträge sind überall entschieden zurückgcwiescn worden. Eine Gcsammtvertrctuug der Gemeinden und ihrer Vorstände fehlt ebeusalls, und ei» vereinzelter Antrag auf Abänderung würde ohne Berücksichtigung bleiben. WaS nützt nun der Religionsunterricht in der Schule — ohne religiöse Erziehung, Hebung und Fortbildung in Hans, Synagoge und Leben? Während der Schulzeit darf die Jugend den Gottesdienst nicht besuchen, im Geschäft und Leben kann sie ihn nicht besuchen. Das Vorbild der Eltern für den Besuch des Gottesdienstes und das religiöse Leben fehlt den Kindern ebenfalls. Kann da der Unterricht in zwei wöchentlichen Stunden ausreichen, um die Jugend für das Lebe» religiös zu belehren und zn stärken? Bar-Mizwa-Feicr ist vielfach außer Gebrauch und Confirmationsscicr nicht überall in Uebung. Hat man sich