Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 33. (13.8.1885)
- Date
- 1885-08-13
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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267 — größte» Energie bereit war, sich der Interessen unterdrückter Juden im Orient anzunchmen, und daß die Leiter der Allianz nicht versäumen dürfen, de» Einfluß der mächtige» deutschen Regierung für unsere Glaubensbrüder im Orient, wenn sie Schutz bedürfen, in Anspruch zu nehmen. Die deutsche Politik ist es am Allerwenigsten, die im Oriente egoistische Zwecke verfolgt, und sic ist deshalb am beste» in der Lage und sicherlich auch gewillt, für unterdrückte und mißhandelte Mensche», mögen cs Christen oder Juden sein, einzuiretcn. Sollte das Centralcomiiv es bisher versäumt haben, die Hülfe der deutschen Regierung und der deutsche» Diplomatie in den Fällen anzurufcn, wo eine solche Hülfe für unsere unglücklichen Glaubcnsbrüdcr wirksam hätte sein können, was ich nicht zu beurtheilen vermag, so wäre dies eine schwere Unterlassungssünde, die in Zukunft vermieden werden müßte. Auch nach dieser Richtung hin könnten die deutschen Comitömilglicder und die deutsche jüdische Presse ihre Stimme erheben, die schwerlich nngchört verhallen wird. Wollen einflußreiche Allianzmitgliedcr in Berlin in dieser Hinsicht selbstständige Thäligkcit entwickeln, so wird das Ccnlralcomits sie schwerlich desavouircn, vielmehr ihrcMithülfcdankbar acccptiren. Es ist übrigens leicht möglich, daß wir deutschen Juden - — ich will mich keineswegs ausnehmen — dem Centralcomite gegenüber mit zu scharfer Kritik zu Werke gehen und Verletzungen unseres Nationolgefühls argwöhneti, wo solche gar nicht vorhanden, ans keinen Fall beabsichtigt sind. Der noch im frischesten Aitdcnken stehende Kampf gegen Frankreich einer- und die Hetzereien der sranzösischc» Revancheschrcier anderseits lassen die Gereiztheit und das gegenseitige Mißtrauen zwischen Dcittjchen und Franzosen nicht zur Ruhe kommen und bei uns deutschen Juden tritt noch eine besondere Gereiztheit des Gemüthcs hinzu, welche wir auf die Antisemitcnbcwegung znriickjühren müssen, die uns nicht zur Ruhe konnnen läßt. Wenn wir aber unbefangen auf die Werke der Allianz blicken, so werden wir finden, wie viel Großes sie für das Judenthum und für die Menschheit gethan hat, Sic hat wesentlich mitgewirkt, als vor dem Forum der europäischen Mächte der große Grundsatz der Gleichberechtigung aller Confcssionen auch für den Orient scstgestellt wurde und ist stets und mit gutem Erfolge bestrebt gewesen, durch Gründuirg und Erhaltung geeigneter Schulen die zahlreiche jüdische Bevölkerung des Orients aus geistigem und materiellem Elende cmpvrzuheben und zu würdigen Trägern der Emancipation zu machen. Das Centralcomits ist in diesen Bestrebungen, unterstützt durch die großartige Munificenz gerade einiger Pariser Juden, stets mit großer Energie, Sachkenntniß und hervorragendem Organisationstalente vorgegnngen. Es kann auf diese seine Thütigkeit und deren Erfolge stolz sein. Ob dies große und segensreiche Werk mit derselben Energie fortgesetzt werden kann, wenn die deutschen Juden eine besondere Allianz gründen unddadurch die einheitliche Leitung dieses großen Schulwesens schwächen, dürfte doch sehr fraglich erscheinen. Nach allem Diesem halte ich für das Beste, die allgemeine israelitische Allianz in der bisherigen Weise forlbestehe» zu lassen; die deutschen Juden mögen sich ja recht zahlreich, zahlreicher als bisher bctheiligcn, und zwar nicht blos durch die Zitgehörigkeit und Zahlung ihrer jährlichen Beiträge, sondern auch durch außerordentliche Beiträge und durch Aeußcrung und Begründung ihrer besonderen Wünsche, Je mehr das dcntiche Elcmeitt in der Allianz vvrwicgt, desto mehr wird es sich auch innerhalb derselben zur Geltung zu bringen geeignet sein uitd deshalb die Gründe verschwinden machen, die eine Trennung der deutschen Juden von der allgemeinen Allianz herbciführeu könnten. Ans der Praxis. .Schluß von dir, 31.) Halten wir uns nicht zu lange im Tcinpcl auf, wo der Bund durch den Rabbiner, Prediger oder Lehrer die religiöse Weihe erhalten und eilen wir zur ITJßS HTISD an die reich besetzte Tafel, um für das Opfer, welches wir durch Anwohnen eines religiösen Aktes gebracht, uns gebührend zu entschädigen. Wohl ist die Mittagsstunde längst vorüber und daher sehr erklärlich, wenn Brautpaar und Gäste — elfteres hat vielleicht die großcHeldcnthat begangen, */2 Tag zu fasten — dem unwiderstehliche» Drange des inneren Mahners folgen und ohne Händewaschen und Segensspruch an die Realisirung des Menus gehen. Der erste resp, zweite Gang ist vorüber, da regt cs sich an einem Ende der Tafel und der würdigste der Vettern schreitet die Reihen entlang und vertheilt die zur Erhöhung der Feststimmung verfaßten opera. Was uns nun hiervon zuerst i» die Augen fällt, ist ein so nothwcndiges Requisit bei der jüdischen Hochzeitstafel geworden, wie Zeugen und Trauring beim Trauuugsacte, Es ist der Kladderadatsch mit seinem Fratzcngesichte, der aä hominem dcmonstrireil will, daß die ganze Festlichkeit eine Carricatur alles dessen sei, was wir mit den Worten Sitte und Anstand bezeichnen! — Schamröthc färbt das Angesicht — vorausgesetzt , daß das Schamgefühl nicht in allen Anwesenden erstorben sei, — wettn der Primus der Vettern von hoher Tribüne herab den cynische» Inhalt des Pamphlets zum Besten gicbt. Was soll man »och dazu sagen, wenn in Gegenwart halbreifer Jünglinge und Jungfrauen, ja sogar unschuldiger Kinder, die das Gift der Sünde noch nicht gekostet, das Heilige solcher Verzerrung anheimfallen muß? Wenn verblümte Redensarten und Anspielungen, welche in der Ehe ergraute Gatten nicht über die Lippen zu bringen wagen, in Gegenwart ehrwürdiger Matrone» und Achtung gebietender Greise auch das, was Anstand und Sitte sonst mit heiliger Scheu in Schweigen verhüllen, schamlos anfdccken? Wenn bartlose Knaben es wagen dürfen, in Gegenwart eines ehrwürdigen Rabbiners, der soeben erst über Heiligkeit der Ehe gesprochen, das Heiligste so in den Staub zu zerren? Doch dieser „Mißbrauch" ist unscrm Geschlechte leider schon so zur Gewohnheit geworden, daß das Schädliche an ihm gar nicht mehr in die Augen fällt, Man würde ja sonst öfter das Wort unserer Weisen beherzigen: 7,^2 o'STT *7311 •Qi i's ns bsjisn h>3 ^>3s nsinS now; nab. Man könnte nun den Einwand erheben, daß eine Belustigung der Gäste von jeher Gebrauch war in Israel, daß in längst verflossenen Zeiten schon der „Badehan" oder „Possenmacher" die Stelle unseres Kladderadatsch vertrat und Keiner Anstoß hieran genommen habe. Aber wie verschieden waren auch dessen Prodnctionen von denen unserer heutigen Zoten fabrikanien! Waren auch seine Vortrüge noch so kunstlos, seine Witze »och so schal, er bewegte sich nur in den Grenzen des Anständigen und Erlaubten, er verspottete das Heilige nicht und es gelang ihm doch, den Geist des Frohsinns und der Heiterkeit unter den Gästen wach zu erhalten. Es ist durchaus nicht der Zweck dieser Zeilen, jede Erheiterung vvn der Hochzeitstafel zu bannen, wir wünschen nur, daß dies auf eine Art und Weise geschehe, die dem Ernste der Handlung und der Würde der Theilnehmer wahrhaft entsprechen,*) Cohen-Rees, Berichte und Correspondeuren. Deutschland. 2, L. Berlin (Or.-Evrr.) Sehr geehrter Herr Redakteur! „Seitdem das Blei der Buchdruckerlcttern sich zu einem immer riesigern Hilfsmittel der sechsten und ausschlaggebenden Großmacht, der öffentlichen Meinung, emporgeschwungen hat, ist das Gold des Schweigens in öffcntlchen *) Der Herr Einsender schlügt eine Samnilung geeigneter cnister Tischreden, Bearbeitung biblischer und agadischer Themata Uber den hohen Werth der Ehe, die Würde der Gattin und dgl. in gebundener und ungebundener Form vor; ivir niöchten den etwaallzustrengen Sittcnrichlcr nur ans ein bekanntes Sätzchen des BolkSmundcs Hinweisen: „Jedes Genre ist erlaubt, nur das langweilige nicht," Welch' hohen Werth unsere «eisen aus die Mizwa des N7>31 fnn N3VV gelegt, brauchen wir dem kundigcti Einsender nicht erst zu sagen, eRed.)