Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 33. (13.8.1885)
- Date
- 1885-08-13
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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über zwei Dinge nicht täuschen, einmal, daß eine Loslösung der deutschen Juden von der Allianz den Charakter derselben als eine „Allgemeine" ausheben würde; sodann dag mir deutschen Juden zur Zeit nicht fähig sind, eine irgendwie erheblich leistungsfähige deutsche Allianz zu gründen. Durch das Ausseheiden der der deutschen Juden wurde die Allianz fast die Hälfte der Mitglieder verlieren, und es würden ausser Frankreich, abgesehen von dem Oriente und Osteuropa, nur solche Länder in der Allianz verbleibe», iu denen verhältnißmäßig wenig Juden wohnen, wo nicht gar das Beispiel von Deutschland ansteckend wirken und auch Italien die Niederlande, vielleicht sogar Ungarn und die Türkei eigene „Allianzen" bilden würden. Wir hätten schließlich lauter nationale Allianeen, aber keine allgemeine israelitische, während grade für das wichtigste Thätigkeitsgebiet der Allianz, die materielle und geistige Unterstützung unserer Glaubensbrüder im Oriente, eine einheitliche Centralleitung von der allergrößten Wichtigkeit, ja eine unbedingte Nothwendigkeit ist. Die Lvslösnng der deutschen Juden würde wahrscheinlich sofort einen sehr unangenehmen Erfolg herbeifüyren, nämlicb den, daß die Juden des Reichslandes, die, wie ihre christlichen Landesgenossen, noch immer sehr zu Frankreich Hinneigen, was wir sehr beklagen mögen, aber nicht ändern können, sich nicht der deutsche», sondern der französischen Allianz zuwenden würden, was ans politischen und nationalen Gründen sehr zu beklage» wäre. Aber abgesehen hiervon dürfen wir nicht übersehen, daß in Deutschland die Verhältnisse für die Bildung einer deutschen Allianz recht ungünstig liegen. Der Sitz derselben könnte nur in Berlin sein, und zwar schon aus dem Grunde, weil dort der Sitz der Reichsregierung sich befindet, aber die berliner Gemeinde, so zahlreich, angesehen und hervorragend sie auch sein mag, nimmt keineswegs unter den jüdischen Gemeinden Deutschlands die dominirende Stellung ein, wie Paris den französischen und London den englischen Gemeinden gegenüber. Wir haben in Deutschland noch verschiedene, seit Jahrhunderten angesehene, zahlreiche und wohlhabende Gemeinde», wie Hamburg, Frankfurt a. M., BreSlau u. a. m., die sich vielleicht nicht unbedingt der Berliner unterordnen niögen. In Amerika und Oesterreich liegen zwar die Verhältnisse ähnlich, allein im ersteren Lande besteht eine Organisation und eine Gewohnheit des Vereinswesens, wie mir es nicht kennen, und von der Wiener Allianz, welche wesentlich für österreichische Zwecke bestimurt zu sein scheint, ist trotz der zwei Millionen österreichischer Juden (die Ungarn mitgezählt) bis jetzt für die allgemeinen Allianzzwecke wetiig zu vernehmen gewesen. Unter den deutschen Juden herrscht ein übergroßer Individualismus und tief eingreifende Parteizwiste. Es steht zu befürchten, daß diese Parteileidenschaft auch in die Allianz hineingetragen würde, sobald sich eine besondere deutsche bildet. Uns deutschen Juden fehlt es, bei der bisherige» äußersten Deeentralisativn, in welcher die Gemeinden in dem größeren Theile Deutschlands gestanden haben, an praktischer Erfahrung in der Begründung und der Organisationen solcher Institutionen, welche die ganze oder doch eine größere Gesammtheit umfassen sollen. In dieser Hinsicht haben die französischen Juden, die durch ihre seit fast 80 Jahren bestehende Consistorialverfassung an feste Organisation gewöhnt sind, einen großen Vorsprung vor uns. Dieser Mangel an Erfahrung und der übergroße Parteihader hat bei der Organisation des deutsch-israelitischen Gemeindebundes sich recht unangenehm bemerklich gemacht, obgleich dieser Bund nicht so allgemeine und auf jeden Fall näher liegende Zwecke verfolgt, als die Allianz. Vor Allem aber würde es gerade am Sitze der deutschen Allianz, der ja doch nur Berlin sein könnte, an dem geeigneten Material für die Centralleitung fehlen. Gewiß zählt die Berliner Gemeinde eine große Anzahl hochbegabter, berühmter und zugleich für das Judenthum begeisterter Männer und steht in dieser Hinsicht keiner jüdischen Gemeinde der Welt, sicherlich nicht der Pariser, nach, allein es fehlt der äußere Glanz, die hervorragende soeiale Stellung, welche zum Theil einzelne Pariser Glaubensgenossen einnehmen. Für ein Institut, wie die Allianz, welches wesentlich nach außen hin, vor Allem für den Orient zu wirken hat, ist eine glänzende äußere Repräsentation durch hervorragende soeiale und politische Stellung, sowie durch außerordentlichen Reichthum erforderlich. Ist nun auch die Berliner Gemeinde eine wohlhabende und hat sie eine Anzahl sehr reicher Mitglieder, so kann sich dieser Reichthum doch nicht mit dem der Pariser Rothschilds :i. A, messen, welche unter Uurständen Millionen opfern können. Wir haben auch in Berlin, wie überhaupt in Deutschland, keine jüdischen Minister oder sonst hochgestellte Staatsbeamte, wie in Frankreich, die durch diese ihre hohe Stellung einen bedeutenden Einfluß auf die Regierung auszuüben im Stande sind. Unsere hervorragenden Glaubensgenossen in Berlin haben nicht so enge Beziehungen zu den leitenden Staatsmännern, ivie solches in Paris der Fall ist. Wir dürfen auch nicht verkennen, daß der in Deutschland, namentlich in Berlin, sich breit machende Antisemitismus die Kräfte einer deutschen Allianz, namentlich für die Wirkung »ach außen hin, lähmen muß. Diese Bewegung würde zudem vielleicht manchen hervorragenden Glaubensgenossen abhalten, seinen Einfluß der Allianz zur Verfügung zu stellen. In Frankreich hat eS dem Ansehen eines Crsmieux nicht geschadet, vielmehr dasselbe nur erhöht, daß er sich seiner Glanbensbrüder, vor Allem der orientalischen, so warm angenommen hat. In Deutschland würde vielleicht mancher höhergestellte Jude wenigstens das Gefühl habe», als ob ihm ein derartiges Eintreten für die Interesse» der Judenheil nachtheilig sei» köniie. Haben wir doch gesehen, wie selbst ei» so hochgesinnter und mit einem warmen jüdischen Herze» begabter Mann, wie Lasker, nur mit eiuer gewissen Scheu vorging, wenn es sich um öffentliche Förderung speeiell jüdischer Interessen handelte. Ich glaube nicht, daß eine besondere deutsche Allianz viel mehr deutsche Mitglieder heranziehe» wird, als die allgemeine Allianz jetzt besitzt oder bei einer geeigneten Agitation erlangen könnte, ebensowenig, daß sie das Gewicht der Allianzbestrebungen mehr verstärken wird, als dies jetzt schon durch die zahlreiche Bethciligung deutscher Juden der Fall ist, oder doch der Fall sein müßte. Uebcr das Letztere habe ich mich schon oben ausgesprochen. Wir deutschen Allianzmitglieder müssen mehr Einfluß auf die Cenlralleilung zu gewinnen suchen. Diese muß den französischen Anstrich, der so manches Mal aus den Berichten hervorleuchtet, abzustreifen bestrebt sei». In dieser Hinsicht können die deutschen Mitglieder des Centraleomils's ihren Einfluß geltend machen. Zum Schluffe möchte ich noch den folgenden Punkt hervorheben. Es scheint, als ob das Centraleomits bei seinem Eintreten für die orientalischen Juden sich zu wenig an die deutsche Diplomatie, die gerade jetzt in der Türkei und in Persien von großem Einflüsse ist, wendet. Ebenso scheint es, als ob die Ällianzschulen im Orient zu sehr »ach französischem Zuschnitte eingerichtet werden, wie es dem, wenn ich nicht irre, nur zivei Ällianzschulen, eine in Widdin und eine in Constantinopel giebt, an welchen deutscher Sprachunterricht ertheilt wird. In letzterer Hinsicht möchte ich mich indessen eines eigenen Urtheils um so mehr enthalten, als vielleicht für das zukünftige Fortkommen der Schüler im Oriente die Kenntniß der französischen Sprache viel wichtiger sein möchte, als die der deutschen, und als die französischen Schuleinrichtungen mit ihren auf äußere Schaustellung berechneten öffentlichen Prüfungen dem orientalischen Geschmacke und den dortigen Lebensanschauungen mehr entsprechen mag, als die deutschen. Was dagegen die deutsche Diplomatie betrifft, so zweifle ich nicht im Geringsten daran, und hat sich solches auch stets thatsächlich bewährt, daß sie zu allen Zeiten und mit der