Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 32. (6.8.1885)
- Date
- 1885-08-06
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 262 — paare ein Ständchen, ausgeführt non einer Kasseler Musikkapelle, gebracht, worauf von dem Vorstände der isr. Gemeinde dem Jubelpaare unter herzlichen Glückwünschen eine Ehrengabe von 250 Mark, die durch Beiträge ehemaliger Schüler aufgebracht war, übergeben wurde. Der Pfarrer des Ortes übersandte ein huldvolles Schreiben Sr. Majestät unseres erhabenen Kaisers mit der Ehe-Jubiläums-Medaille. Ein herrlich ausgeführtcs Familienbild, die Kinder und Enkel des Jubelpaares darstellend, überreichte ein Sohn desselben, Herr Lehrer E. Gutkind aus Kassel, in wahrhaft rührender Weise. Die Rothfcls'sche und Goldschmidt'sche Schulstiftung in Kassel halten je 100 Mark geschickt. Die Gratulanten, unter denen auch die israelitischen und christlichen College» des Ortes und der Umgegend sich befanden, waren so zahlreich, da auch von weither viele frühere Schüler, Verwandte und Freunde des Jubelpaares eingetroffen waren, daß der ganze Vormittag mit Gratulationen ausgcfüllt wurde, und manches wcrthvolle Geschenk erfreute das Jubelpaar. Der erst vor einigen Tagen in sein neues Amt eingefllhrte Landrabbiner, Herr Or. Prager aus Kassel, war zur Feier des Tages hcrgekommcn. Derselbe hielt nach dem Mincha-Gottcsdienste in der Synagoge die Festrede und fügte derselben am Schlüsse in wirkungsvoller Weise einen Segensspruch (““l-ttf 'Öl in hebr. und deutscher Sprache für das Jubelpaar an. Ein von dem dortigen Lehrer Herrn S. Rosenbaum geleiteter Choral mit Musikbegleitung beschloß die synagogale Feier. Hieran schloß sich ein Festmahl, an welchem ca. 90 Personen sich betheiligten. Der erste Toast, ausgebracht von Herrn Or. Stein-Cassel, (Herr Landrabbiner Dr. Prager war, da seine Zeit besonders in den ersten Tagen seines Amtsantrittes sehr in Anspruch genommen ist, wieder nach Kassel zurückgcfahreu,) galt unserem allgcliebten Heldenkaiser, der zweite, von Herrn Lehrer Cornelius aus Rotenburg gesprochen, galt dem greisen Jubelpaare. Herr Gut kind- Cassel, sprach im Namen seiner Eltern für die ehrende Feier seinen Dank und brachte ein Hoch aus auf die Gemeinde Zierenberg. Der Lehrer des Ortes, Herr Rosenbaum, toastete auf die Schüler und Gäste und so kam der Redefluß fast kaum wieder bis zum Schlüsse des Mahles ins Stocken. Ein zweiter Sohn des Jubelpaares, jetzt Lehrer an der Jacobsohnschule in Seesen, ehrte in längerer Rede das treue Wallen seiner Eltern, insbesondere seiner Mutter. Recht angesprochen hat auch ein humorvoller Toast des Herrn Samuel, ehemaliger Schüler des Jubilars, jetzt Lehrer in Bleicherode. Eine Enkelin des Jubelpaares überreichte unter passender Ansprache den goldenen Ehrenkranz und von verschiedenen derzeitigen Schülerinnen der isr. Schule wurden passende Gedichte vorgetragen. Aus allen Gegenden liefen wohl über 50 Gratulationsdepeschen ein. Nach dem Festessen fand ein Ball statt, der die Gäste bis zum Morgen in fröhlicher Stimmung vereinigt hielt. Das Jubelpaar ist immer noch geistig rüstig. Mögen sie unter Gottes Schutz noch recht lange die Früchte ihrer pflichtgetreuen Arbeit (— Herr Gutkind war 58 Jahre lang activcr Lehrer, davon fast ein halbes Jahrhundert in Zierenberg —) genießen; möge Geistes- und Körperkrast ihnen noch lange erhalten bleiben, daß sie sich freuen des Glückes ihrer Kinder und Kindeskinder. Das gebe Gott! — Lesterreich-Ungarn Halizicn. lieber die in vor. Nr. erwähnte Petition des Vereins Schomer-Jsrael betreffs der durch die in Kraft getretene Gewerbegesetzgebung obligatorisch gebotene Sonntagsruhe läßt sich das Organ dieses Vereins in sachlich eingehender Weise vernehmen, daß wir, im Hinblick auf die Sonutags-Enquete, die demnächst in Deutschland bevorsteht, inhaltlich darauf eingehen. Der Artikel hebt hervor, daß in Galizien gute 10 Prozent der Bevölkerung zur mosaischen Religion sich bekennen und daß gerade die Juden es sind, welche den Handel und auch in sehr bedeutendem Maaße das Handwerk im Lande repräsentiren. Da es nun notorisch ist, daß dieser Theil der Bevölkerung nach den Vorschriften ihrer Religion den Sabbath feiert und zwar in einer Strenge, mit welcher die Sonntagsruhe der christlichen Population auch nicht den entferntesten Vergleich aushält; so bedeutet die allgemeine auch für die Juden obligatorische Sonntagsruhe in Galizien einen in der Absicht des Gesetzes sicherlich nicht gelegenen ganz enormen ökonomischen Schaden, welcher das ohnehin arme Land sehr empfindlich treffen muß. Ist cs nicht eine Calamität, wenn dieselben Juden, welchen man so häufig Arbeitsscheu vorzuwerfen pflegt, nunmehr gezwungen werden, 60 Stunden wöchentlich sich jeder Arbeit zu enthalten? Ist es nicht eine Calamität, wenn die christliche Bevölkerung auf dem Lande, welche gewohnt ist, Sonntags in die Stadt zu ihrem Vergnügen zu fahren und dabei auch Einkäufe für die Woche zu machen, nunmehr Wochen- und Arbeitstage opfern muß, um diese Einkäufe besorgen zu können? Ist cs keine Calamität, wenn der jüdische Handwerker, der selbst zur Zeit der strengsten Coucordatherrschast, z » H a u s e ruhig am Sonntage arbeiten durfte, und der von seiner Tagcsarbeit lebt, nunmehr weder am Sabbath noch am Sonntage — sich das nöthige Brod zu erwerben vermag? Ist es nicht endlich für unser Land eine Calamität, daß dem günstigen Zustande, welcher darin lag, daß die zwei Confessionen niit ihren verschiedenen Wochcnruhctogen — zu Gunsten der Gemeinschaft in der Arbeit abwechseln konnten, daß diesem Zustande ohne ausreichende Motive ein Ende gemacht wurde? (Schluß folgt), stirostbritannien. In Hlamsgate fand am 31. Juli 2 Uhr die Beerdigung Sir Moses Montcfiore's in dem in unmittelbarer Nähe der jüdischen Synagoge gelegenen Mausoleum, welches eine Nachahmung des Grabes der Rachel in Bethlehem ist, unter großem Gefolge statt. Trotz starken Regens hatte sich eine große Menschenmenge eingefunden, um dem Begräbnisse beizuwohnen. Fast sämmtliche Läden des freundlichen Seebadeortes waren entweder gänzlich oder theiliveise geschlossen, und viele Häuser sowie das Stadthaus waren schwarz drapirt. Zu der für das Leichenbegängniß anberaumtcn Stunde wurden in sämmtlichen Privathäusern die Rouleaux herabgezogen und alle Geschäfte ruhten. Die Droschkenkutscher bekundeten ihre Achtung durch Befestigung schwarzer Rosetten an ihren Peitschen. Der schmucklose Sarg wurde von Notabcln der jüdischen Gemeinde getragen. Demselben voran schritt der Rabbiner Piza, von der spanisch-portugiesischen Synagoge in London, deren Mitglied Sir Moses gewesen. Im Trauergefolge bemerkte man außer den nächsten Anverwandten des Verstorbenen: Lord Rothschild, Lord Rosebery, Baron Ge. de Worms, Sir Albert Sassoon, Sheriff Phillips, Parlamentsmitglied Cohen, den delcgirten Oberrabbiner Or. Hermaau Adler, eine sehr große Anzahl jüdischer Geistlicher aus London und anderen Städten in ihren Amtstalaren, Vertreter der Cvrporationen von London und Ramsgate, sowte anderer öffentlicher Körperschaften, Deputationen fast sämmtlicher isr. Vereine und Körperschaften Englands, Freimaurer, die Geistlichkeit der Kirchspiele von Ramsgate und Zöglinge der isr. Schulen, deren Wohlthäter Montefiore gewesen. Der Sarg wurde in die Synagoge getragen, wo ein kurzer Trauergottesdienst nach portugicsischein Ritus abgehalten wurde,, der mit der Absingung des 16. Psalms ohne Musikbegleitung schloß. Alsdann wurde die Leiche unter entsprechendem Ceremoniell in dem Mausoleum, wo die Gattin des Verblichenen ruht, beigesetzt, nachdem Staub aus Rachel's Grab im Heiligen Lande auf den Deckel des Sarges gestreut worden. Eine Grabrede wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen nicht gehalten. Alle protestantischen und katholischen Pastoren von Ramsgate und Umgebung wohnten der Beerdigung des großen Philanthropen bei. Die Testamentsvollstrecker des Dahingeschiedenen sind sein Neffe Herr JosephSebag, Lord Rothschild, Mr. A. Cohen^ Königlicher Justizrath u. Parlamentsmitglied, sowie vr. Loewe^ der deutsche.Secretär. . t» «SW