Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 32. (6.8.1885)
- Date
- 1885-08-06
- Page
- Seite 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Vermischte und neueste Nachrichten. Aerkin Im Proccß Stöcker-Bäcker haben Staatsanwaltschaft und Vcrtheidigung auf das Rechtsmittel der Revision verzichtet, so daß dasUrtheil rechtskräftig geworden ist, Aerkin, Das Präsidium des Landgerichts soll gegen die „Krcuzzcitung" wegen des Artikels über die Verurtheilung Stöcker's mit den, Schlußsatz „il y a des juifs a Berlin“ Strasantrag cingcrcicht haben, Aerkin Die Regierung der siidamcrikanischen Republik Chile hat einen unserer jüngeren Astronomen, Herrn Dr, Adolph Marcuse aus Berlin, unter sehr vorthcilhaften Bedingungen als ersten Assistenten der Rational-Stcrnwartc in der Hauptstadt Santiago durch ihren Pariser Gesandten engagiren lassen, Herr Br, Marcuse wird sich in einigen Monaten auf seinen neuen Posten begeben. Areskau. Die philosophisch mathemat. Abthciluug der Königl. Akademie der Wissenschaften in Holland hat dem Prof, der Pflanzcnphhsiolvgie an der hiesigen Universität, Dr, Fcrd, Cohn, die Lecnwcnhock - Medaille zuerkannt. Dieselbe wird alle 10 Jahre für hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der kleinsten Organismen verliehen, Leipzig, Nachdem der hiesige akadcm, Gesangverein Arion schon seit Jahren die Ausnahme von Juden verweigert, hat nun auch der studentische Gesangverein „Paulus" einen diesbezüglichen Beschluß gefaßt. Cs kam bei der zu diesem Zwecke geplanten Statutenänderung zu einem heftigen Wortgefecht, tvelches damit endete, daß man den Aufnahmeparagraphen wesentlich verschärfte, svdaß die Aufnahme neuer Mitglieder nicht stattfinvct, wenn 10 Stimmen gegen den Aufzunchmcndcn sind. Bekanntlich haben in letzter Zeit auch mehrere studentische Cvrporativnen süddeutscher Universitäten die Aufnahme jüdischer Mitglieder für die Zukunft ausgeschlossen, Im Zusammenhang mit diesem Vorgehen scheint ein Ausruf zu stehen, der am schwarzen Brett der Unillers, Leipzig erschienen ist und die Commilitouen jüd, Confcssion und deutscher Staatsangehörigkeit zur Bildung eines deutschen Vereins jüdischer Sludirender aufsordert, der den nationalen Sin» unter strengster Fcrnhaltung fremder Interessen pflegen will, Aus Württemberg, den 29. Juli. Am 5. August findet im Hotel Eisig hier die freiwillige Confcrcnz israel. Lehrer Württembergs statt, in der hauptsächlich über die Anstellung der Vorsänger und ihren Sitz in der Gemeindeverwaltung, sowie über die Anstellung der Ausländer Berathung gepflogen tvcrdcn wird. Seit einem Jahrzehnt haben viele ungeprüfte Lehrer als Rcligionslchrcr Anstellung gesunden; da aber jetzt mclnere geprüfte württ. Lehrer stellenlos sind, so sucht bte Cvnferenz dieser Calamität abzuhclfen, Aordljauseu, d, 4, August 1885. (Or.-Corr.) Einen herrlichen und angenehmen Eindruck gewährt jetzt das hier zum 1. Juli c, fertiggestcllte und von den betr. Beamten bezogene Schul- und Gemeindehaus, welches theils durch die Opferwilligkcit des bekannten Wohlthäters Herrn Jacob Plaut, theils durch die gern gewährte Beisteuer der hies, Gemeinde als ein schönes Denkmal erbaut worden ist. Vorgestern fand die Wiedereröffnung der Religionsschule in den neuen, entsprechend ausgcstatteteu Classen statt. Wenn auch von einer größeren und allgemeineren Theilnahme an der Einweihung abgesehen war, so verstand es doch der zeitige Rabbiner Herrvr, Gelbhaus in Gegenwart der Vertretung des Vorstandes und der gcsammten Schuljugend, anknüpfend an Psalm 111, der Feier in würdiger Weise Ausdruck zu geben, Lemberg, Der deutsche Prediger der hies. Gemeinde, Herr B. Löwenstein hat „in Anerkennung seines vieljährigen Wirkens" das Ritterkreuz des Franz-Josephs-Ordens verliehen erhalten, ßzernowitz, Zum reotor magnificus der hies. Universität ist für dieses Jahr Herr Prof, Dr. zur, K. Hiller (Israelit) gewählt worden. Italien, Die Königin Margarita soll, wie vielfach erzählt wird, einen besonderen Hang für hebräische Siudien haben. Im August jede» Jahres weilt sic einige Tage in Venedig. Da unterlagt sie es nie, den Gcmeinderabbiner zur Audienz zu befehlen und mit ihm jüd, Angelegenheiten zu besprechen, für die sie sich lebhaft interessirt. Dabei überreicht der Rabbi den Jahresbericht des jüd. Hospitals, dem die Herrscherin eine treue Gönnerin ist, (Arch, isr.) Acapek, Die Tochter des Rabbiners (des Prof. Benedetti?) ist verschwunden. Man befürchtet, daß sie, wie neulich ein Mädchen in Saluzzo, von Missionären verlockt sei. Aaris, Am 4, Juli ist Henri v, Rothschild, ein Sohn des verstorbenen Baron James Eduard, Bar mizwa geworden. Der Knabe hat die Parschah gesagt (vielleicht Hilst dieses Beispiel in gewissen deutschen Gemeinden zu der Eckenntniß, daß es doch noch nicht ganz unfein sei, etwas Hebräisch zu lernen! R, d, W.s und zwar corcect gesagt. Daß die Familie zahlreich im Gotteshause vertreten war, braucht nicht erwähnt zu werden. Die Mutter und die Tante des Bar Mizwa (Ladh Rathanael v, Rothschild) saßen auf dem Almemor (was einiges Aufsehen erregte). Von den reichen Spenden sei erwähnt, daß der Knabe je 500 Fr, der Talmud Torah und der Arbeitsschule gab. Dem Familienfrllhstück wohnten Herr Graudrabbin Zadoc Kahn und Herr Rabbiner L, Weill bei. Der Erstere ermahnte den Knaben, allezeit würdig des großen Namens, der Lehre und der Gemeinschaft Israels zu bleiben. Für die Mutter hat mit diesem Tage, wie „Un. isr." so schön sagt, die Trauer ihre Salons geschlossen und die Freude die ihrigen geöffnet, Htußkand, Der Colonicn-Jnspcctor Herr Kowalsky hat beim Mnnsterium beantragt, den jüd. Eolonisten in den Districtcn Mariapol und Alcxandrowsk die ihnen noch zurückgehaltenen je 10 Dessiatin Land (so daß jeder 40 hat) zu geben. Dieselben waren bisher verpachtet, um ein Gemeinde- Vermögen von 100 000 Rubel anzusammeln. Derselbe bemüht sich auch um Schuiengrllndnng in den Colonistendörfern. Ailtsöurg, Charakteristisch ist die Schilderung, die ein Corr, des „Hamcliz" von den hiesigen Gemeindeverhältnissen giebt. Nachdem eine Reformgemeinde fast 30 Jahre bestanden hatte, bildete sich auch eine orthodoxe Gemeinde, welche Schulen für Hebräisch gründete und Wohlthätigkeitszwecke mit der altern Gemeinde gemeinsam hatte. Inzwischen zogen etwa 1000 Suwalker an, die aus Suwalk und andere ruff. Städte stammen, als Pedler sich ernähren oder gar Vermögen erwerben — aber für nichts Höheres Sinn haben, ihre Kinder säst Nichts lernen und nichts Anderes werden lassen, als Pedler, Da Alijos sehr begehrt sind, bringt die Synagoge in 1 Jahre 5200 Dollar — doch dafür werden Chasonim und Darschonim in Fülle berufen, sodaß am 1. Sabbath mehrere Sanges- und Wortkünstlcr austretcn. Dies ist schier die niedere Seiltänzerei, bei welcher Fragen erörtert werden, wie: Warum nbDJl beim Kol Nidre laut gesprochen wird — worauf die Antwort lautet: Weil man vorher gut gegessen hat und noch kräftig ist. — Dafür ist die Mikwa einem Nichtjuden verpachtet und das Badegeld sehr hoch — sind die Mazzos mit einer großen Abgabe belastet. Aber für Schule giebts kein Geld. Nun haben auch die Wilnaer und Horodnocr seit 2 Jahren eine Synagoge mit Rabbi und Schochet — die Galizier und Ungarn machen es ihnen nach und geben mehr als 720 Dollars für eine Synagoge aus, die Wochentags geschlossen bleibt. Die Neustädter haben bisher nur einen Metzger als ihren Rabbiner angestellt. Dabei haben sie auch besondere Begräbnißplätze und hassen einander derart, daß sie Bedürftigen das Unterkommen in ihren Asylen verweigern, wenn sie nicht desselben „Stammes" sind. Die „Polen" (Suwalker) wollen nichts für die „Russen", und umgekehrt ebenso, thun.