Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 32. (6.8.1885)
- Date
- 1885-08-06
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ein Weinland bezeichnet werden müsse, eine außerordentlich hohe und verbreitete gewesen sei. Die Schriften des Alten sowie des Neuen Testaments enthalten eine große Anzahl Bilder, die auf den Wcinstock, den Weinbau, den Weinberg n. a. ni. beziehen, und beide gleichen einer Laube, deren Vordergrund und Hintergrund von Wein überrankt und überschattet ist. Selbst das geflügelte Wort: „Der Wein erfreut des Mensche» Herz" stammt aus einem Psalm des Alten Testamentes. Redner schilderte sodann, wie die ehemalige Fruchtbarkeit mit dem fruchtbaren Humus in Palästina geschwunden sei, so daß jetzt an Stelle der früheren üppigen Vegetation eine dürftige Wüstenvegetation vorhanden sei. Nur im nördlichen Theile des Landes sind noch Ueberreste der ehemaligen Fruchtbarkeit und Reste des Weinbaues verblieben. Der Weinstock selbst wurde als ein Gewächs des Friedens bezeichnet, der zu seinem Gedeihen des Friedens benöthigter ist als der Ackerbau. Weiter wurde der Weinstock als ein schönes Bild des Aufsteigens aus der Niedrigkeit zur Höhe hingestellt und von ihm hervorgehoben, daß er ei» großmllthiger Dulder sei, der schlechten Boden, selbst Kältegrade und auch Mißhandlungen ertrage. Zum Schlüsse des Vortrags wurde hervvrgehvbc», daß der Wein sowohl bei der altjüdischen wie bei der altchristlichen Nation gleiches Ansehen und gleiche Verehrung genoß. Daher der Vergleich Josephs mit dem Weinstocke, ebenso des Volks Israels, Jesu Christ (?) ic. Auch David sei mit dem Wcinstockc verglichen worden, eine unlängst aufgcfundene judcn-christliche Gottesdienstordnung citire einen derartigen Vergleich. — Die Ausführungen des Herrn Professor Delitzsch wurden von den Zuhörern mit lebhaftem Beifall belohnt. Der Vorsitzende Herr Pergamenter sprach dem Redner seinen Dank aus und schloß hierauf die Versammlung. W. Linden, 29. Juli. (Or.-Corr.) Auf meinen Krcuz- und Ouerzügen während den Ferien kam ich vor einigen Tagen nach der früher sehr berühmten See- und Hafenstadt Emden am Meerbusen Dollart, die den Nordcncy besuchenden Badegästen bekannt sein dürfte. Als ich in der dortigen Synagoge dem Tischo b'ow - Gottesdienst beiwohnte, war ich nicht wenig erstaunt, daß in dem an der Wand prangenden Verzeichnisse der vorzutragenden Kinnoth das ergreifende und rührende Poem NI2AN 'Nit fehlte. Ich glaubte Anfangs, der gelehrte Landrabbiner Hütte einen Lapsus begangen; ich entdeckte aber bald, daß er wohl mit Absicht diese Unterlassungssünde*) — verzeihen Sie den harten Ausdruck — begangen hat. Wozu in einer Gemeinde über die „Cedern des Libanon" klagen, die deren mehr als die zehnfache Anzahl — ich will nicht sagen zugleich „Thora- Helden" (min 'T“18) besitzt. Es dürfte für die Leser einer jüdischen Wochenschrift ein allgemeines Interesse erwecken, ein sprechendes Beispiel darüber zu hören, inwieweit die Lebens- Chancen der Israeliten weit günstiger sind, als bei anderen Confcssioncn. Eine biostatische Studie darüber will ich heute nicht aufstcllcn, wohl aber die nackten Thatsachcn, wie ich sie gesehen, sprechen lassen. Seit einem Vicrteljahrhundert lebe ich von meiner Vaterstadt entfernt und mit wenigen Ausnahmen habe ich beinahe alle Leute, die vor 25 Jahren schon zu den Alten zählten, noch am Leben angetroffen. Männer und Frauen von 80—90 Jahren sind dort keine Seltenheit. Am kürzesten kann ich dieses merkwürdige Verhältniß mit der Notiz bezeichnen, daß man in der Gemeinde von circa 700 Seelen 70—80 Greise int Alter von über 70 Jahren zählt, darunter 80 und 90 Jährige. Man wähne nach dieser Schilderung nicht etwa, daß diese ehrwürdigen Gestalten an Krücken und Stöcken sich mühevoll fortbcwcgen. — Der frühere slN ist 80 Jahre lind an dem 'All noch amtlich thätig. Ein früherer Lehrer, z. Zt. 86 Jahre, funktionirt noch behend wie ein Jüngling als WMP. Ich habe ») J„ E. wird der aschkcnasisch-ital. Ritus herrschen, in dem däs bctr. Stück fehlt. (Red.) einen alten Man» von 87 Jahren gesehen, der eine Last j 50—60 Pfd. Fleisch auf dem Kopfe trug, drei Brüder, j sämmtlich Achtzigjährige gehen noch heute mit altem Eisen rc. | um, laufen und tragen dieses Stnndenweit nach Hause. Es r sind keine seltene Fälle, daß „Jünglinge" von 45 Jahren I zum ersten Riale heirathen und noch ihre Enkel sehen. Man | könnte auf die Frage des Psalmisten: Wer ist's, der Leben " begehrt? antworten: der gehe nach Emden, dort werden die : Menschen 80 Jahre alt! Es ist also kein Zufall, daß in der vcrhältnißmäßig kleinen Gemeinde eine Altersversorgungs-Anstalt errichtet wurde, i wie sie sonst nur in Gemeinden mit zwanzigfachcr Seelenzahl s bestehen. Es war auch kein geringes Utiternchmen, in einer Ge- 's meinde, die wenig oder gar keine wirklich Reichen zu die i ihren zählt, eine solche Anstalt zu errichten und zu unter- - halten. Es war für mich und ist für Jeden, der die Verf hältnisse dort kennt, rübrend und erhebend, die Anstalt einer Inspektion zu unterziehen. — Ein geräumiges Wohnzimmer vereint die acht Insassen während des Tages; und bei den Mahlzeiten, ein schöner, wohlgcpflegter Garten dient zum Aufenthalt bei schötiem Wetter. Geräumige Schlafsälc, Kranken-, Bäder-, Garderoben- und Wäsche-Zimmer, mit allem Röthigen versehen und Alles in echt holländischer Sauberkeit, die ja sprllchwörtlich geworden. — Die Gründer und Leiter dieses Asyls, die Herren OOr.Buchhvlz,Norden, Leers, — und die Herren Moses Scherberg und Jacob Gels, haben sich hier ein Denkmal errichtet, um das ich sie beneiden möchte. — Noch eine Thatsachc möchte ich am Schluffe erwähnen, die mindestens ebenso merkwürdig ist, wie die bereits erwähnten. Es ist eine bekannte Thatsachc, daß viele Provinzialgemeindcn, die , früher zu den wohlhabendsten gehörten, allmälig verarmten und schließlich ganz zu existiren aufhörten. Gemeinden, die früher einen Rabbiner, mehrere Lehrer und Cantoren besoldete», begnügen sich heute mit einem Cantor, der für alle geistigen und geistlichen Bedürfnisse genügt. Die besten Kräfte ziehen fort, die zurückgebliebenen verarmen. — Hier ist es gerade umgekehrt. Die allgemeinen Verhältnisse in Stadt und Land haben sich während eines Jahrhunderts nicht um ein Jota verändert, die jüdische Gemeinde dagegen, die vor 25 Jahren etwa 50 Familien zählte, die unterstützungsbedürftig war, hat heute keine fünf wirklich arme Familien mehr. — Die jüngere Generation hat sich auf eine! Weise finanziell heraufgearbeitet, die stannenswerth ist, und nicht etwa — und das ist des Pudels Kern — nicht etwa durch das Handwerk, wofür dort besonders agitirt wurde, sondern durch einen gesunden und solide» Handel. Es giebt in Emden und Norden G. s. D. keinen jüdischen » Wucherer, ja, meines Wissens keinen Handelsmann, der je- " mals wegen Betrug bestraft ist. — Mögen alle jüd. Gemeinden sowohl in Betreff der Altersverhültnisse wie der letzterwähnten diesen gleichen. Aus dem Kaunöversche«. (Schluß von Nr. 30.) Es ist auch gar nicht zu lüugnen, daß die Nebenbeschüftigling der Schechita gerade keine besondere des Lehrers würdige ist. Der Einwurf, daß dann mancher Lehrer in den Nebenstunden nichts zu thun habe, ist hinfällig. Denn der Lehrer soll, wenn die Schulstunden vorbei sind, sich weiter be- - schüftigen mit Vorbereitung und Fortbildung im Lehrfach, mit Uebung in Musik oder Sprachen oder Vorbereitung auf ein weiteres Examen u. dergl. Nöthigenfalls müßte dem Lehrer auf dem Seminare dazu Anleitung gegeben werden und die Schulaufsicht müßte geregelter werden und klipp und klar gewisse Anforderungen der Pädagogik an die vom Lehrer geleitete Schule stellen. Wenn ich nun doch nicht eine sofortige Aufhebung der Verpflichtung befürworte, so ist cs die Rücksicht auf die Gemeinden. Die größeren Gemeinden haben ja so wie so be- ' sondere Schächter. Die kleineren Gemeinden können dies . nicht erschwingen, wenigstens in der Regel nicht. — Wo die - Leute allerdings Tag und Nacht schlachten und das Fleisch