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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-08-06 · N° 32. (6.8.1885) · p. Seite 259

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 32. (6.8.1885)
Date
1885-08-06
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
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Meiner bescheidinen Ansicht nach ist es kein Beweis intellectueller Snperierität, wenn man a priori menschliche Handlungen und Einrichtungen nach dem eonstruireu will, was nicht innelhalb, sondern außerhalb derselben liegt, wenn man etwas in die Tinge hineinträgt, anstatt daß man gemäß ihrer individnellen Gestaltung aus ihnen heraus den innersten Kern entwickelt. Und deshalb darf ich meine Stimme dagegen erheben, daß gitmssen Ausdrücken, die man höchstens im Parteikampse niederer Interessen verzeihen kann, durch Männer, welche im Vollbesitz der geistigen und sittlichen Bildung sind, das Bürgerrecht in der Sprache der Wissenschaft verschafft werde. Aber weiter! Sie berichten, Herr Geheimrath, in einer Versammlung sei mit Entrüstung erwähnt, daß jüngst auf einem Viehmarkt Mitglieder der ersten hessischen Familien einem jüdischen Kaufmann den „Hof gemacht" hätten. Sie billigen die Entrüstung, welche ob dieser Erscheinung sich knndgegeben, sühren die letztere aber ans ein Verschulden jener christlichen Herren zurück, welche mit Juden — beispielsweise werden Bleichröder und Strausberg genannt — sieh zu Geschäften verbänden, und in deren Vorzimmern antichambrirlen, damit die Letztere» ihre Geldangelegenheiten regelten. „Laßt uns besser werden" — rufen Sie mit dem Dichter aus - das bedeutet wohl, mit Juden keinen geschäftlichen Verkehr ailknüpfen, dann „wtrd's gleich besser sein", das heißt doch, dann wird es nicht mehr Vorkommen, daß angesehene Christen einem Juden ihre Achtung bezeugen, denn in einem anderen Sinne darf das Wort „den Hof machen" zu Ehren jener Herren doch wohl kaum verstanden werden. Ich bedauere innig, Herr Geheimrath, daß der gewiegte Staatsrechislehrer, der vorzügliche Jurist, der tiesreligiöse Mann eine derartige Ansicht als die feiitige öffentlich verkündet. Ich gehe gewiß nicht fehl, daß nicht gesagt sein soll, es sei verwerflich, daß einem Kaufmann, weil er Kaufmann ist, von dem äußere» Range nach höher stehenden Persönlichkeiten „der Hof gemacht", das heißt Achtung gezollt werde. Der Mitbürger der Familien Jenisch und Schröder kann das nicht haben sagen wollen. Nein, weil dieser Kaufmann „Jude" ist, weil er einer eonfessivuellen Minorität angehört, weil er nicht den Glauben mit der Mehrzahl theilt, aus diesem einen Grunde soll ihm die Achtung verjagt sein. Er mag seine Pflicht in jeder Hinsicht erfüllt haben, er mag, wenn er Christ wäre, der Achtung im höchsten Grade würdig sein, er mag sein Leben dem Dienst der Gesammtheit, sein Wirken den Interessen der Armen, seine Kraft der Liebe zum Vaterland geweiht habe» — und giebt es solche Juden wirklich nicht? — nein, der Achtung der christlichen Mitbürger kann und darf er nicht theilhastig werden, denn er ist Jude! — Es wird mir schwer, diesen Standpunkt von der Intoleranz und dem Vvrurtheil zu unterscheiden, welches meines Ermessens nicht znm wenigsten die Ursache wie die Wirkung der ja auch von Ihnen nicht gebilligten antisemitischen Bewegung ist. „Keimt ein Glaube neu," sagt Goethe, „wird oft Lieb' und Treu' wie ein böses Unkraut ausgerauft." So däucht es mir, werden jetzt Lehren und Grundsätze über Bord geworfen, die man bisher unbestritten als die höchsten hinstellte. Selbst in gebildeten Kreisen werden Aeußerungen laut, welche man früher nicht als Zeichen der Bildung hingenommen hätte. Ich meine, da hat Jeder, so weit seine schwache Kraft reicht, die Psticht und das Recht, seine Stimme zu erheben, damit die unverrückbaren Grenzen des Rechts keinen Schaden leiden. Durste doch jüngst ein westfälisches Blatt die Behauptung wagen, jedes jüdische Weib sei eine Phryne. Und Niemand, Niemand trat ihm entgegen. Sie haben, Herr Geheimrath, Ihre Ansicht über die sogenannte antisemitische Bewegung geäußert. Gestatten Sie mir, der ich auf der angegriffenen Seite stehe, zum Schluß auch eine Bemerkung darüber. Die Bewegnng ist verfehlt, denn man hat die schlechten jüdischen Elemente, die „Auswüchse" treffen wollen, und man hat höchstens den guten geschadet, indem man Tausenden Galle und Wermuih in das Lebe» gegossen hat. Für das Jndenthum, d. h. die religiöse Gemeinschaft, ist der Fluch zum Segen geworden, denn er hat die Schwachen uub Wankelmüthigen zur Erken ntn iß über sich selbst und znm Festhalten an der alten Fahne bewogen. Geschädigt aber ist meiner besten Ueberzeugung nach das sittliche Vvlksbewnßtsein und die allgemeine Auffassung von Recht und Billigkeit, das heißt das Mark und die Kraft der öffentlichen Wohlfahrt. Denn Theoreme, wie sie jetzt auf Gassen und Straßen verkündet werden, stehen im Widerstreit mit der Quelle des menschlichen Gemeinsinns, mit der gegenseitigen Achtung vor Menschenwürde und vor Menschenrecht. Lüneburg, am 22. Juli 1885. Robert Heinemann. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Merlin. Die „Neue Prenß. Ztg." macht es dem Superintendenten in Kreutzburg zum Vorwurf, daß er sich an der Grundsteinlegung dieser Synagoge betheiligt und dadurch eine antichristliche Gesinnung bekundet habe. Da es, nach dem alten Spruche, aber ein Trost ist, im Unglück Genossen zu haben, so darf nur angeführt werden, daß König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der doch oberster Landesbischof und ein strenggläubiger Christ gewesen war, am 2. September 1714 mit dem gesammien Hofe der Einweihung der Berliner Synagoge in der Heiderentergasse und Tags darauf — einem Sonntage — einer Trauung in eben derselben beigewohnt hat, ferner am 20. April 1718 sogar in Begleitung des damals sechsjährigen Kronprinzen Friedrich znm Frühgottesdienste an einem der Zwischenfeiertage des Passafestes nach vorheriger Anmeldung dort erschienen war. Bei der Einweihung der neuen Berliner Synagoge in der Oranienburger Straße (Sept. 1866) waren sämmtliche Minister, an der Spitze Fürst (damals Graf) Bismarck und der verstorbene Cultusminister Heinrich v. Wühler erschienen, die bis nach beendetem, der Weihefeier angeschlossenen Gottesdienste verblieben waren. Leipzig, 24. Juli. Der gestrige Gesellschaftsabend, den der hiesige Antisemiten-Verein „Thirza" im rochen Saale des Krystallpalastes veranstaltet hatte, erfreute sich eines zahlreichen Besuches. Der Vortragende, Herr Professor Dr. Delitzsch, dessen mit Grün geschmücktes Bild an der Rednerbllhne befestigt war, wurde bei seinem Erscheinen mit lebhaften Beifallsbezeugungen begrüßt. Derselbe behandelte in Form einer anmuthigen Plauderei in ebenso geistreicher wie fesselnder Weise das von ihm gewählte Thema: „Die Bibel und der Wein". Redner, welcher von den herrlichen Erinnerungen, die ein von ihm am Ufer des Rheins verlebter Abend hinterlassen, ausging, knüpfte hieran eine Parallele zwischen dem Rhein und dem Jordan und hob hervor, daß der Jordan zur Zeit der Blüthe Palästinas die Bewohner dieses Landes ebenso entzückt habe, wie uns heute der herrliche Rheinstrom. Weiter wurde ausgeführt, daß der Jordan ebenso wohl für das Jndenthum wie für das Christenthum von hoher Bedeutung sei, da die Wurzeln beider Religionen von ihm bespült worden seien. Israel sei eingezogen in das gelobte Land durch den Jordan, und der Begründer des Christenthums sei in demselben getauft worden. Hieran schloß sich eine in lebhaften Farben gehaltene Schilderung der früheren Fruchtbarkeit Palästinas, wobei Herr Prof. Delitzsch unter Bezugnahme einer großen Anzahl von Bibelstellen des Alten und Neuen Testaments nachwies, daß die Cultur des Weinstockes im alten Palästina, welches als

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