Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 32. (6.8.1885)
- Date
- 1885-08-06
- Page
- Seite 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 258 Moses Montefiore. tzin Mkrokog. So ist er denn dahingcgangcn, der Mann mit dem liebeglühenden Herzen, der große Philanthrop und Sendbote der Humanität im neunzehnten Jahrhundert! Noch ist es ihm vor Jahresfrist vergönnt gewesen, das herrliche Ziel der hundertjährigen Jubelfeier zu erreichen, und wenn er znrückblicktc auf die Jahresrcihe, die er durchlebte, wie sie so selten in dieser stattlichen Höhe einem Staubgcborcnen beschicden ist, wenn er die Summe seines Leben» zog, welches er dem Dienste der Menschheit und vor Allem seines Judenthums gewidmet hatte, dann konnte er sein Haupt in Ruhe niederlegcn mit dem Bewußtsein, daß, „wer den Besten seiner Zeit genug gcthan, der für alle Zeiten gelebt hat". Was die Menschheit, was insondcrs die verwaiste Juden - heit an ihm verloren hat, wer möchte wagen, es voll und ganz an diesem Orte darlegen und nach Verdienst würdigen zu wollen! Doch in den Tafeln der Geschichte steht cs unauslöschlich cingcgrabcn, und bis in die spätesten Zeiten werden die Söhne Israels von dem „vierten Moses" erzählen, den die weise waltende Vorsehung im Judcnthume erstehen ließ, der überall, wo ihm Gefahr drohte, wo Druck und Noch übermächtig auf ihm lasteten, alle Hindernisse, alle Schwierigkeiten mit seltenem Muthe. ja oft mit Lebensgefahr überwand, um Hilfe und Rettung zu bringen, und dessen Opfcrgeist und Hcldenthatcn unbegrenzter ' Menschenliebe so oft mit Erfolg gekrönt waren. Mit dankbarem Stolze aber muß es uns, die wir uns seine Zeitgenossen nennen durften, ersüllen, daß ihm schon bei seinem Leben die verdiente Anerkennung in überreicher Fülle zu Thcil geworden ist, daß nicht nur unsere Glaubensgenossen, nein alle diejenigen, zu denen der Ruf von seinem unermüdlichen Kampfe für Freiheit, Gerechtigkeit und Duldung gedrungen war, von der Ucbcrzeugung durchdrungen waren, daß in Montefiore ein Herz für die Menschheit schlug, so warm und voller Liebe, wie cs deren in der Weltgeschichte bisher noch nicht viele gegeben hat. Wir wollen an seinem offenen Grabe uns nicht fragen, ob das Ideal, für das er gelebt und gestrebt, gestritten und gerungen hat, die allgemeine Menschenliebe, die in dem Nächsten, unbekümmert um seine Abstammung und seinen Glauben, nur den Bruver, das Kind desselben Vaters, sieht, ob dies Ideal der Verwirklichung nahe ist. Wir könnten allzuleicht bitter werden, angesichts einer Bewegung, welche die finsteren Schatten mittelalterlicher Unduldsamkeit in den Ländern der Civilisation und in dem Jahrhundert der Aufklärung wieder heraufbeschwört und alle bösen Leidenschaften von Neuem in den Gcmüthern wachruft, und dies würde sich an dem Grabe eines solchen Mannes nicht geziemen. Nein, nur bedauern und beklagen wollen wir es, daß er gerade jetzt fortgerufen worden ist, wo es einen neuen Kampf gilt um die hohen Güter des Rechtes, der Wahrheit, und der Toleranz, und daß wir seines aufopfernden Muthes und seines gewichtigen Einflusses dabei entbehren müssen. Doch den Glauben an den endlichen Sieg der guten Sache wollen wir uns nicht rauben lassen, wollen unablässig in ihrem Dienste weiter arbeiten utld kämpfen, in treuem Andenken. steter Verehrung und reger Nacheiferung ihres unermüdlichsten Bannerträgers: Moses Montefiore! Or. Simon Scherbel (Lissa). Offener Brief an den Herrn Geheimrath l>r. Geffcken: Geehrter Herr Gcheimrath! Sie haben durch den „Hamburgischen Korrespondenten" ein Schreiben veröffentlichen lassen, in welchem Ihre Stellungnahme zum „Fall Stöcker" motivirt wird. Die Pnblicität, welche dadurch Ihrem Auftreten gegeben ist, und das besondere Gewicht, welches Ihren Acußcrungen in wissenschaftlichen und litterarischcn Kreisen zukommen muß, veranlaßt mich, mit Bezug aus den Inhalt und die Form Ihrer Begründung das Folgende öffentlich zu erklären. Ich bemerke zunächst, daß ich Jude bin, und daß mich daher der Fall Stöcker als solcher nicht berührt. Die Lösung dieser Frage müsse» wir der sittlichen Auffassung unserer christlichen Mitbürger überlassen. Ihre Erörterungen mir Bezug auf diesen Punkt lasse ich daher außer Betracht. Entgcgentreten muß ich aber vorerst de» von Ihnen gewählten Ausdrücken „jüdischer Wucher" und „jüdische, bezw. verjndcte Presse". Es sind dieses Schlagwörter im politischen Tagcsk.rmps geworden, von denen man bedauern muß, daß sie im Munde sittlich und geistig gebildeter Männer angelroffen werden. Zu was — darf ich fragen — soll cs führen, wenn man Kategorien rechtswidriger oder unsittlicher Handlungen derart mit einem das Rcligions - oder Stammesverhällniß kennzeichnenden Worte in Verbindung bringt, daß die Annahme eines Causalnexus zwischen beiden Begriffen unausbleiblich ist, daß jeder Dritte glauben maß, eine derart streitbare oder unmoralische Handlungsweise sei Leuten d.eses Glaubens, dieser Nationalität immanent? Heißt cs nicht, tausend Unschuldige wegen eines Schuldigen straten, wenn man auf Grund von historisch gegebenen Beziehungen das Delict eines Einzelnen einer unbestimmten Menge zur Schuld anrechnet? Ist es nicht der höchste Grundsatz sowohl des staatlichen Strafrechts, als der moralischen und ethischen Kritik, daß eine Verantwortung nur für diejenige Handlung besteht, welche auf das rechtswidrige oder nicht pflichtgemäße „Wüllen" des Individuums zurücksllhrbar ist, welche der einzelnen, bestimmten Persönlichkeit zur Schuld zugerechuct werden kann? Erinnert mau sich nicht mepr des Wortes einer erhabenen Dame, daß mit dem Glauben und der Ratwnalität das Verbrechen nichts zu lhuu habe, daß cs aus einem Grunde seine Quelle schöpfe, der von jenen Factoren unabhängig und der bei Leinen jeder Eonfession, jeden Stammes anzutreffen sei? — Und hat die Regel „quisque bonus praesumitur“ sür den Juden keine Bedciilung? — Was soll ferner das Wort „jüdische, bezw. verjudcte Presse" bcsagen? Etwa eine solche, deren Redactcur ein Jude ist? Ist der Herausgeber allein deshalb verdammt, weil er Jude ist? Hat er nicht, w:e Jedermann, einen Anspruch darauf, daß man nach seinen Tgaten, nach seiner Pflichterfüllung ihn beurtheile und nicht mit Vornrthcilcn ihm entgegentretc? Es wird behauptet — allerdings als ein privilegium oiiosum — daß die Eigenschaft als Jude ein character indelebilis sei, der durch keine Handlung oder Begebenheit verloren werde» könne. Dann möchte man die Bcrnays'schen Fanstvorträge, die Stahllsche Politik, die Neaudcrh'che Kirchcngeschichte als „verjudetc" Geisteserzeuguiffe bezeichnen. Man werfe mir nicht ein, daß Niemand die Conscqucnz ziehen würde. Mit eben dem Recht, mit welchem man die Presse einer gewissen Richtung mit diesem Beiwort benenne» darf, weil an einzelnen ihrer Organe Personen jüdischer Abkunft Mitwirken, mit ebendemselben darf man jenen Geisteswcrken diese Bezeichnung beifügen. Denn mit dem Inhalt und der Tendenz solcher TageSblütter hat derjenige Begriff, welcher durch das gewählte Beiwort aus- SPitatiri« ölten tobe, m äüfintr b tiifHcr § liinqk" m nicht inn< eile« in individncl knwicheli. hcbiii, ic knnipie i irriiff b einem MIM; knndgcg j christlich < tncrScn schästc» | damit i! nnS des!daS bcd onlmipi dann >vi | einem; w Sinne l t Herren i A ’ Stnotei { Mann i! Inndet.; es sei v j ist, von ' leiten „! , Ter Mi ' das nich « «Jude" * Heil (t diesem e | Bl H h°