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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-07-30 · N° 31. (30.7.1885) · p. Seite 254

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 31. (30.7.1885)
Date
1885-07-30
Page
Seite 254 (sequence 6)
Language
German
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— 254 — deutschen Städten nicht selten. Uns ist besonders die in Breslau bekannt.) England. London. Es wurde die Geduld Ihrer Leser mißbrauchen heißen, wollten wir die Aeußerungcn selbst nur der bedeutendsten Blätter über die Erhebung des Baron Nathaniel in die Pcery registrircn. Zumeist wird betont, daß der neue Lord der erste wirkliche Jude sei, der zu dieser Würde gelange, daß er als Vorsteher der isr. Gemeinde und als Vertreter der jüd. Interessen allezeit hcrvorgctreten sei, 2. daß er nicht den Warnen eines Landgutes angenommen, sondern den alten Ghetto-Namen bcibehalten habe, 3. fügen wir hinzu, ist diese neue Lvrdschaft auch social ein Ereignis;. Lord Rothschild ist der erste Lord, der sich nicht vom Geschäfte zurückzieht, sondern durch sei» Verhalten bekundet, daß die Kaufmannschaft auch mit dem höchsten Adel vereinbar ist! In seiner Rede bei der Preisverthcilung der Frcischule hat er cs aber auch hervorgehoben: Vergessen wir rricht, daß unser Land uns gute Gesetze, Freiheit und Rechte giebt, nicht allein weil wir treue englische Bürger sondern auch weil wir redliche, treue Juden sind! In einigen jüd. Blättern des Auslandes begegnen wir den sonst beliebten, aber hier so ungerechten Redensarten, was es die Juden kümmere, wenn ein Rothschild als Vertreter der haut« fmance zuirr Lord geuracht tverdc. Sie lhäten nichts für das Judenthum. Nun außer der Palüstinacolonisatiorr giebt es wohl keinen allgemeinen jüd. Zweck, den die Rothschild's nicht mit Beitrügen gefördert Hütten. Rußland. Petersburg. Der berühmte Componist Rubirrslein soll zur Zeit ein Oratorium in 8 Abtheilungcn „Das Leben Mosis" arbeiten. Derselbe will ausnahmsweise in dieser seiner Ferienzeit ein Concert zu Gunsten der Abgebrannten in Horodno geben. — Der Jahresbericht des kaufmännischen Unterstützungsvereins in Odessa erzählt, daß der Verein ein Haus besitzt, in welchem eine Tynagoge eingerichtet ist. Versammlungs- und Lesesaale (die Erlaubniß zum Beschaffen einer hebr. Bibliothek (bisher besitzt er nur eine rnss.- ist nachgesucht). Jetzt denkt man daran, eine Schule für die Kinder der Mitglieder zu errichten. Der Senat hat in Anlaß eines Specialfalles entschieden, daß die Synagogen als Gotteshäuser (uird rricht nur als Gemeindehäuser) zu betrachten sind. — In Folge der seltsamen Maibestimmnngen ist jetzt die Frage entstanden, ob eine Stadlvertretung Beschlüsse fassen darf, wenn das Dritttheil der jüd. Mitglieder vollzählig, die 2/3 christl. aber nrcht alle erschienen sind! — Marschau. Ein Mitarbeiter des „Wiek", Clemens Junosch, hat beit Jargon erlernt und übersetzt in dieser jüdisch-deutsch-polnischen Mundart geschriebene Bücher für das Feuilleton dieses Blattes. Er beginnt mit Abramowitsch Reisen Benjamin des Dritten. In der Einleitung ergeht der poln. Schriftsteller sich über den Vorzug der Juderr, daß sie lesen urrd schreiben kömren. Er erzählt, daß es zwei Litteraturen für die Juden gebe. Die eine — hebräische — nimmt eine Stellung in der Weltlittcratur ein, ttt Folge der reichen Schätze aus alter und neuer Zeit, die sie besitzt. Doch rrur die Gelehrten können sich daran erfreuen. Das Volk aber hat sich eine Litteratur niederer Art geschaffen, den Jargon, der mit Recht volksthllmlich genannt werden darf. Zuerst wurden nur Gesetz- und Religionsbücher irr dieser Volkssprache geschrieben, wie die Zeennoh urenno. Seit etwa 40 Jahren aber haben Verständige angefangen, durch diesen Kanal Aufklärung dem Volksgeiste zuzuführen. Und in Wahrheit kann ein vernünftiges Buch, im Jargon geschrieben, mehr nützen, als 100 in der Landessprache, die der niedere Jude mckt kennt und rächt lesen will! Freilich ist die Zahl der Jargonschriften größer, als ihr Werth. Doch hofft er, genug darairs schöpfen zu können, um seinen polnischen Lesern die Juden zeigcir zu können, nicht die Makler, die Kaufleute, die Handwerker, die Wucherer — sondern die Juden, wie sie an sich sind! („Hazephira.)" Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Was man in Rumänien ungestraft beit Juden gegenüber wagen darf, das erzählt die soeben bei Oscar Leiner in Leipzig erschienene Schrift*): „Radu Porumbar und seine Gräuclthaten in der Papierfabrik zu Bacau in Rumänien." (Wir haben die hauptsächlichsten Mißhandlungen zu ihrer Zeit mitgetheilt.) Möchte doch endlich die Regierung Rumäniens einsehen, daß derartiges im 19. Jahrhundert nicht geduldet werdeir dürfe, vhrre die Intervention aller der Mächte anzuregcn, welche allen Menschen gegenüber praktisches Christenthum zu üben sich verpflichtet halten! Kamburg, 28. Juli. (Or.-Corr.) Der Geheimrath Or. Geffcken hat bei Gelegenheit seiner Mot'virung, weshalb er die Adresse an Stöcker nicht unterschrieben, einige judenfeindliche Acußerungen mit einfließcn lassen. Herr Robert Heinemann, Sohn des Banquiers Marcus Heinemann in Lüneburg, der sich eben zum Rechtsanwalts-Examen vorbereitet, hat nun, wie man allgemein findet, in höchst würdiger, treffender und maßvoller Weise, einen offenen Brief an den Hcrrrr Geheimrath G. im „Hamburg. Corresp." veröffentlicht, der cs wvhl verdient, auch in jüdischen Blättern mitgetheilt zu werden. (Wir werden den Brief in der nächsten Nr. bringen. Red.) Nordhauseil. (Or.-Corr.) Am 18. d. M. verstarb hier nach längerer Krankheit der Fabrikant Herr Moritz Ei Sn er, vieljähriges Vorstandsmitglied der hiesigen Synagogen - Gemeinde und Vorsitzender der Schulcommission der jüd. Rcligionsschule. Der Verstorbene erwarb sich durch seinen regen Eifer, durch sein Wirken und seine religiöse Begeisterung für die heilige Aufgabe, welcher er diente, die volle Achtung urrd Arrcrkerrnung der hieß Gemeinde urrd Lehrer. Der hies. Rabbiner Herr Or. Gclbhaus**), kurz vor Beerdigung des Hingeschiedenen von einer längeren Reise heimkehrend, wußte dies auch in ticfergrcifender Rede zu Herzen der vielen Leidtragenden und des großen Gefolges zu fllhrerr. Erfurt. Die hiesige Rabbinerstellc soll nach der Uebersiedeluug des zeitigen Inhabers nach Hannover vor der Hand rricht besetzt werden. (Was nützt der prachtvollste Tempel, wenn das lebendige Wort der Belehrung darin nicht ertönt? Red.) Karlsruhe (Baden). Es dürfte viele Leser Ihres gesch. Blattes die Mitthcilung interessiren, daß der Bezirksrabbiner Herr Or. Grünebaum in Landau (Pfalz) am 18. Aug. sein SOjährigeS Amtsjubiläum feiert. Kakizieu. Die Bestrebungen, Juden dem Ackerbau zuzuführcn, scheinen nicht überall von den Behörden gebilligt zu werdeir. Wenigstens hat ein Bezirkscommissar die Versammlrrrrg vorr 26 jüd. Gutsbesitzern, welche sich mit dieser Frage befassen wollten, aufgelöst. Lemberg, den 23. Juli. Die strenge Ausführung des Gesetzes über die Sonntagsruhe auch gegen die jüdischen Arbeiter und Handwerker, welche den Sabbath feiern, hat in den betreffenden Volksschichtcu nicht geringe Aufregung erzeugt. Die jüdischen Handwerker lebten in der Illusion, als ob ihnen durch das neue Gesetz unbenommen bliebe, zu Hause zu arbeiten und glaubten in vollem Mißverständnisse der Angelegenheit, daß nur das Gcsperrthaltcu der öffentlichen Handlungen anbefohlen sei, um nicht die Sonntagsfeier zu stören. Bon dieser Illusion wurdeir sie jedoch durch das Eingreifen der Executivgewalt sehr unliebsam befreit. Die in ihrer wirthschaftlichen Existenz bedrohten jüdischen Handwerker haben bisher ohne Erfolg bei den Präsidien der Statthalterci und der Stadt eine Sistirung des Gesetzes in Bezug auf sie zu erwirken versucht. Sie beabsichtigen nunmehr eine gemeinsame Petition an das Ministerium des Innern wegen dieser wichtigen Angelegenheit zu richten. Wir *) Da der Anhang fehlt, hätten auch die Hinweise aus denselben sortbleiben können. **) Wir waren telegraphisch zur Abhaltung der Leichenrede bcrusen doch erreichte uns die Depesche nicht rechtzeitig. (Red.)

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