Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 31. (30.7.1885)
- Date
- 1885-07-30
- Page
- Seite 251 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 251 — diesen den Stempel der Religio» aufzudrücken, wie dagegen die Jetztzeit den traurigen Ruhm sich erworben, sie immer mehr ihres religiösen Charakters zu entkleiden. Bewundernd staunen wir heute über die Sorgen, welche in früheren Zeiten das Vater- und Mutterherz erfüllten, wenn die Herze» der geliebten Kinder eine Wahl getroffen, und die Stunde immer naher rückte, in welcher der Bund fürs Leben die religiöse Weihe empfangen sollte. Wie besorgt war da der fromme Vater, den tugendhaften Sohn zu belehren, nicht nur über die Wichtigkeit des Schrittes, welche die bevorstehende Vermahlung für's irdische Leben hatte, sondern auch über die Heiligkeit der Verbindung, welche in der Religion ihren Ursprung hat. Es war also selbstverständlich, daß uir den glücklichen Verlobten bemüht sahen, sich mit den religiösen Pflichten vertraut zu machen, die dem Bunde den Steinpel der Weihe ausdrückcn sollten. Und die tugendhafte Mutter? wie ließ erst sic es sich angelegen sein, die geliebte Tochter auf das große Gebiet der Pflichten hinzuweisen, die ihrer als fromme israelitische Gattin warteten! Sie verschmähete es nicht, die Tochter darauf aufmerksam zu mache», daß nicht nur die Welt, sondern auch die Religion Pflichten von der Gattin erheische, von deren Erfüllung des Himmels Segen erst zu erwarten sei. Und wo die Mutter fehlte, da stellte sich gern eine Verwandte, eine Freundin ein, dies heilige Lehramt zu übernehmen. Auch die Braut verschmähte incht, zu erfahre», auf welchem Wege sie zur würdigen Priesterin des Hauses sich hcranzubilden vermöge. Wenn heute die Herzen — wollte sagen die Solidität der cvutrahirendeu Häuser — geprüft und gehörig abgewogen: wenn die sympathischen „Tausende" vollzählig zusammen sich gefunden, wenn der Beweis erbracht ist, daß die holde Jungfrau den größten Thcil ihrer Jugcudjahrc da^u verwendet hat, einige sranzüsische und englische Phrase» erbärmlich zu radebrechen und zum hundertsten und tausendsten Male den HauSgötzeu „Klimperkasten" unbarmherzig mit Ablcieruug der Tonleiter maltraitirt zu habe», dann ist bezüglich der Prüliniinarieu natürlich nichts mehr zu bedenken und — das Verlobungs-Geschäft wird abgeschlossen. Doch nun erinnert sich die Braut, daß die zartfühlenden Eltern aus besonderer Rücksicht vielleicht unterlassen haben, die Tochter in den Anfangsgründen unserer heiligen Religion und Sprache unterrichten zu lassen. Da eilt sie denn, etwa aus den Rath einer besser gesinnten Freundin, das Versäumte nachzuholen und auch mit dc>n sich vertraut zu machen, was für eine jüdische Gattin zu wissen ganz unerläßlich ist. Hoffen wir, daß es der Freundin gelinge, die Braut für den Gedanken empfänglich zu machen, daß sie als Gattin einst das Band der Ehe durch besondere, von der Religion geforderte Reinheit zu heiligen, die leibliche Nahrung durch Segeusspruch und Wohlthun zu weihen und das Licht des Glaubens im häuslichen Tempel zu unterhalten berufen sei. Doch wohin verirrst du dich, zügellose Phantasie! Wer wird sich denn heute »och vermessen, vor dem Gros unserer gebildeten, französisch plappernden, Klavier - bearbeitenden Damen durch das bloße Aussprechen der betreffenden hebräischen Worte den Anstand zu verletzen? Nein, da giebt cs andere Sorgen, die das Sinnen und Trachten der Uebcrglücklichcn nicht zur Ruhe kommen lassen. Da ist es in erster Reihe für die Braut und deren weibliche Verwandtschaft die wichtige Sorge um die Toilette und das Riesenbouquet aus Rosen und Vergißmeinnicht — o, sähe sie auch die Dornen, die es unsichtbar perhüllt! — welches sie statt eines Gebetbuches zu>n Altar geleiten soll. Da gilt es für den Bräutigam die noch größere Sorge, das ganze Heer von dichtenden Vettern und befreundeten Commis Voyageurs aufzubieten, um für den heiligsten und wichtigsten Tag des Lebens Gedichte und Verse zu fabriciren, die leider nicht immer die Grenze der guten Sitte und des Anstandes in ihren Zeilen einznhalten wissen. <Sch,»ß f0igt.) 2. Anfrage. Ein gewisser Herr Austern richtete die schriftliche Anfrage an mich, ob ein Knabe, der im Gymnasium am N2V öffentlich schreibt, nicht ei» minn bsb "1Ö1Ö sti, und im Bejahungsfälle ob ma» von dessen Vater Wein kaufen dürfe, da der Knabe den Wein berührt. Ueber diese Angelegenheit findet sich im mm ein Responsum, das ein Muster von Vilpul ist und nichts — enscheidet. Ehe ich meine gegebene Antwort veröffentliche, möchte ich die Mcinting meiner Herren Collegen mir erbitten. Krakau. Dr. M. Duschak. Gerichte und Correlpondenren. Deutschland. T. Werkln, 22. Juli. (Or.-Corr.) (Nothwendigkeit jüd. Volksküchen in Berlin.) In so großen Städten wie Berlin sammeln sich Leute jeden und keinen Berufs au und j cs macht sich bald ein Ueberschuß von Arbeitskräften I bemerkbar. Zu jeder Zeit giebt es hier viele Stellungslose,; die einem harten Kampf mit dem Leben ausgesetzt sind, den man durch Verabreichung billiger und möglichst nahrhafter .Kost zu lindern bemüht ist. Anstalten der öffentl. Speisung sind eine wahre Wohllyat nicht nur für Beschäftigungslose, sondern auch für Lehrlinge, schlecht Besoldete, Studirende aller Fächer u. s. >v. Für Juden komint dabei aber eine religiöse Seite in Betracht. In Berlin sind unzählige, fremde, jüdische Leute als Lehrlinge u. s. w. Sie sind bei dem geringen Gehalt auf die bestehenden Volksküchen und Boutiquen angewiesen, venu die jiiD. Restaurants sind thcue r und so sehr die jungen Leute anfangs sich sträuben, die bei ihren Eltern in der Provinz mit peinlichster Genauigkeit beobachteten, rituellen Speisegesetzc zu umgehe», die Eisen brechende Roth bricht auch ihre Festigkeit unb es dauert nicht lange, so sind sie nicht mehr beunruhigt dabei. Alle anderen religiösen Ucbertretungeu folgen gewöhnlich dann gleich nach. Das Teresa-Essen ist gewöhnlich der erste Schritt auf der schiefen Bahn der religiöseti Entfremdung, auf der mau immer weiter rollt. Die Gelegenheit dazu fehlt in der Hauptstadt nicht. Eine jüdische Volksküche wäre ein geeignetes Gegenmittel gegen religiöse Verwahrlosung und großstädtische Vergiftung der Sitten. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß sie von ivohlthütigcni Einfluß sein tvürde zur Erhaltung der Religiösität, wenn nur alles auf echt jüd Weise gehandhabt wird. Das könnte etwa dadurch geschehen, daß Sabbath und Feiertage ausgezeichnet würden durch Qualität der Speisen und durch die Weihe (Kiddusch); ganz besonders würde die vorgeschriebene Abhaltung der Sscdcr-Abende dem von Hause aus religiösen Gemllth eine» Halt und Ermunterung zuführen, deren der alleinstehende, besonders junge Mensch ohne Rückhalt an einer Familie so sehr bedarf. Vor allem würden die anmuthigen Häusl. Bilder wieder in Erinnerung treten. Eine solche jüdische Volksküche wäre auch für manche jüd. Theologie Studirende und für Beflissene des Lehramts ein Segen; wie soll ein Cultusbeamter im Kreise seiner Gemeinde als Vorbild wirken können, wenn er selbst während der Studienzeit sich daran gewöhnt hat, die Speisegesetze zu übertreten, wie es hier oft geschieht. Jetzt haben sie den Einwand, oder wenit man sie dabei ertappen würde, hätten sie den Einwand oder richtiger den Vorwand, ihr spärliches Einkommen reiche für Koscherkost nicht aus. Zu verwundern ist's, daß sich hier noch niemand gefunden, der zur Errichtung einer solchen nützlichen Anstalt fine_ namhafte Summe spendete. Sind doch in anderen größeren und kleineren Gemeinden — wir erwähnen Breslau und Wien — solche vorhanden und ist es doch eine Jüdin, deren Werk es ist, der Idee der Bolksspeisung in thatkräftiger Weise hierorts unter höchster Anerkennung zur Verwirklichung verhvlseu zu haben. Sollte sich nicht noch eine edelherzigc Frau finden, die einer jüdischen Volksküche