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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-07-30 · N° 31. (30.7.1885) · p. Seite 250

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 31. (30.7.1885)
Date
1885-07-30
Page
Seite 250 (sequence 2)
Language
German
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— 250 — k!: ,1 '■ K t M'-' Wissenschaft vervollkommne, so werden lvir Büffons Naturgeschichte mit einer lithographirten Abbildung dieses Prachtexcmplares von Judenfeinde gelegentlich vermehren." — Nun, der Judenfeind hat sich in seinen charakteristischen Eigenschaften inzwischen in der That vervollkommt! Wenn aber jenes Exemplar zu den im Grunde harmlosen, gutartigen und unschädlichen Narren gezählt werden kann, wie sic Saphirs erbarmungsloser Witz zu Hunderten getroffen hat, so sind seitdem im Laufe der Jahre in der Entwicklungsgeschichte des „Judenfeindes" Spielarten oder Abarten aufgctaucht, deren Gutartigkeit und Harmlosigkeit denn doch nicht so über jeden Zweifel erhaben ist. Sie sind nicht „fade und hirnlos und ignorant und arrogant", denn wer möchte sich crdreisten, einem Hofprediger oder einem Professor der Nationalökonomie oder einem Modcphilosophen derartige ehrenrührige Epitheta beizulegen? Sie sind auch nicht „unbedeutende Nullen", denn ihr Einfluß ist groß, und ihr Auhang zählt nach vielen Tausenden. Sie beschränken sich auch nicht mehr darauf, ihrer Freude über die Abwesenheit von Juden in einer Gesellschaft Ausdruck zu gebe» oder ihrem Acrger über deren Gegenwart Luft zu machen, nein, ihr Streben und Trachten und Wühlen geht jetzt schon darauf hinaus, die Existenzberechtigung der Juden überhaupt in Frage zu stellen. Und die Mittel, deren sie sich dazu bedienen, sind auch nicht gerade „drollig und lächerlich", sie sind vielmehr oft derartig, daß sie einen gewissenhaften Charakter mit Schauder erfüllen müssen. Hier scheut man zu Nutz und Frommen der „guten Sache" vor keiner Lüge und keiner Verleumdung zurück, hier sucht man mittelalterliche Ungeheuerlichkeiten hervor, um sie den Juden nochmals anzudichten, hier zieht man Subjekte an sich heran zur Judenhetzc, die mit Gefüngniß und Zuchthaus bereits mehrmalige intime Bekanntschaft gemacht haben oder sich später als Attentäter und Königsmörder entpuppen, ja, hier sicht man selbst Meineid und Unterschlagung nicht als Dinge an, die zur Unehre oder Schande gereichen können. Und wenn wir nun gar erst die Motive in's Auge fasse», die dahin führten, daß so Mancher, der sich jetzt als Führer der antisemitischen Schaaren präsentirt, sich selbst als Judenfeind „entdeckte". Da gab es z. B. einen Offizier in der Armee, dein die Schulden über den Kopf zusammenzuschlagen drohten, und der sich vor den bösen Manichäern keinen Rath mehr wußte. Und siehe da! Eines schönen Morgens erwachte er, und es kanr ihm zum klaren Bewußtsein, daß dies die beste der Welten sein würde, wenn Gott nicht in ihr die Juden erschaffen hatte, und er fand Plötzlich, daß er einen ganz vortrefflichen Antisemiten abgeben könnte, und daß auf diesem Gebiete ihm noch Ruhm und Erfolg blühen würden. Und er nahm seinen Abschied, reiste nach der Hauptstadt und that sich in Schimpfereien und Hetzereien un»er — frorenster Art bald so hervor, daß selbst die antisemitischen Häuptlinge von Bewunderung erfüllt wurden, und heute — glänzt er als erster Stern am Himmel des Antisemitismus. So könnten wir noch manch anderes Beispiel anführen, „wie man Judenfeind wird", und wie allmählich aus einer unscheinbaren, ja häßlichen Raupe, die bis dahin in tiefster Verborgenheit gelebt hatte, sich der schönste antisemitische Schmetterling entwickelt, der aller Blicke auf sich lenkt. Weins Hcrostratus einst den Tempel der ephestschen Diana in Brand steckte, damit die Geschichte seinen Namen als „Berühmtheit" bis in die spätesten Zeiten tragen sollte, so war dies eben lediglich eine Ruchlosigkeit, ohne daß darin irgend ein Verdienst um die Menschheit enthalten war. Wenn dagegen unsere antisemitischen Heroen, die bis vor wenigen Jahren in weitesten Kreisen unbekannt waren, nunmehr hoffen dürfen, daß ihre Name» als „Judenfeinde ersten Ranges" in den Annalen der Geschichte weiterlebcn werden, wer möchte wagen, darin etwas HerostratischcS zu finden, wo doch das Verdienst um die „vergewaltigte Christenheit" und insonders um das „unterdrückte Deulschlhum", so offenbar ist und ein unsterbliches Andenken beanspruchen darf! — Und in dieser ehrenwerthen Gesellschaft von Schiffbrüchigen, denen der Antisemitismus wieder zum Glücke verhelfen soll, von unreifen Burschen, die mit ihrem Teutonismus paradircn und nur ihrer Rauflust fröhncn und ihrer Mißgunst freien Lauf lassen wollen, von Obscuranten, die ihren Namen genannt wissen, von Strebern, die auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege zu Einfluß und Bedeutung im Staate gelangen wollen u. s. w., fehlt denn auch „nach berühmten Mustern" der Renegat nicht, der die angeblichen Verruchtheiten seiner früheren Glaubensbrüdcr aufdeckt und gleichsam der „Morgenstern" am nächtlichen Himmel des Antisemitismus ist, der mit seinem geborgten Lichte gleich den übrigen verschwindet, wenn die Sonne der Aufklärung init ihren siegreichen Strahlen wieder heranfzieht. Fürwahr, wenn es nicht die schlechteste Frucht ist, an der die Wespen nagen, so kann das Judenthum auf seine Feinde stolz sein. Die Art der „Judenfeinde" ist ungestümer und gefährlicher geworden, ihre Zahl ist gewachsen, ihre Angriffswaffen sind vergiftet worden, allein das Judenthum nimmt ruhig seinen Gang weiter durch die Weltgeschichte; denn, wie Rabbi bcn Akiba sagt: „Es ist Alles schon einmal da gewesen!" — Aus der Praxis. 1. Arber einen Mißbrauch bei Lochzeitsfeiertichkeiten. Wohl lveiß ich, daß mancher der geschätzten Leser die Achseln zucken wird über die Anmaßung des kulturfeindlichen Skribenten, der sich herausnimmt, einen Gebrauch — richtiger Mißbrauch — öffentlich zu tadeln, den seit Jahrzehnten die Mode sanctionirt hat in Israel. Ja, nur die Mode! Doch wer zählt die Thorhciten alle, die nicht schon vor ihrem Forum den Stempel der Schönheit, Sitte, Wohlanständigkeit erhalten haben? Mag sie nun auch dem, der sclavisch den Nacken unter ihrem Scepter beugt, sein Verhalten im alltäglichen Leben dictiren, ein Gebiet giebt cs für Israel, wo zu gebieten und zu herrschen sic nicht berufen ist; und das ist das Gebiet der Religion und der von ihr geheiligten Institutionen. Wie sie aber auch hier ihren profanirendcn Einfluß geltend zu machen wußte, wie sie das Heiligste zu entweihen und das Erhabene in den Staub zu zerren verstand, ohne daß es auch nur versucht wurde, ihrer Gemalt von maßgebender Seite Schranken zu setzen: das soll in Folgendem an einein Beispiel gezeigt werden. Ohne eine Abhandlung über die Heiligkeit der Ehe, speciell des Trauungsactes und der diesem sich anschließenden Hochzeitsfeierlichkeiten irr extenso liefern zu wollen, fordert doch die Wichtigkeit des Gegenstandes, bezüglich der letzteren zu zeigen, wie sinnig unsere Altvordern es verstanden, auch i1'

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