Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 30. (23.7.1885)
- Date
- 1885-07-23
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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— 244 — der Strafabmessung für den Klüger, der dem Hofprediger Doppelzüngigkeit vorgeworfen hatte. Darüber sagte der Richter in den Motivein Da ist nnn allerdings in dem bekannten Vorproceß festgestcllt, daß der Angeklagte häufig in sehr leichtfertiger Weise von der Wahrheit abgewichen ist. Aus diesem Grunde war der ihm gemachte Vorwurf der Doppelzüngigkeit, der sonst sehr schwer ins Gewicht fällt, hier nicht allzu scharf zu ahnden, Kambnrg, Der „Hamb, Corr," bringt ein langes Schreiben des conscrva tiv cn Geheimen Raths Or, Gcffcken an einen Freund in Berlin, G. war angegangen worden, die Adresse an Stöcker zu unterschreiben, und begründet nun in diesem Schreiben ausführlich, weshalb er dieses Ansinnen abgclchnt habe. Der Kern seiner Ansichten aber läßt sich dahin zusammen sasscn, daß Herr Stöcker durchaus nicht der Mann ist, zu dessen Gunsten sich ein echter Conservativcr erklären könne, Herr G, geht streng mit Stöcker ins Gericht und weist ihm seine nebelhaften, unklaren und unconscquentcn Bestrebungen nach. Er tadelt auch seine ganze Agitation gegen das Judenthum. „Er hätte sich auch hüten sollen, jene Aufregung der Massen hervorzurufen, die so bcklagcnswerthe Folgen gehabt. Es gebe nicht minder christliche Wucherer wie jüdische, und Niemand als der deutsche Adel selbst sei schuld daran, wenn jüdische Capitalisten Macht über ihn gewonnen hätten. Was aber die letzten Processe anbctreffc, so sei cs nicht conservativ, Erkenntnisse der Gerichte, wenn auch nur indirect, zu kritisircn. Wen» die eine oder die andere Partei das Urtheil ungerecht finde, so stehe ihr die Appellation offen: sei der Jnstanzenzug erschöpft, so müsse eben das für Recht angesehen werden, was zu Recht erkannt sei. Es sei auch nicht zuzugeben, daß Stöcker aus den Verhandlungen unversehrt hervorgegangen; als Jurist könne er, Geh, Rath Or, Gcffckcu, nicht umhin, dem Ausspruch des Landrichters Or. Kronecker beizutrcten, „daß der Verklagte fahrlässig und leichtsinnig mit der Wahrheit umgegangen sei," So urtheilt ein gutconservativer Manu über Herrn Stöcker. Freilich die „Kreuzzeitung" ist mit der letzten Verurtheilung Stöckers gar nicht zufrieden; sie macht den Vorsitzenden Or, Kronecker dafür verantwortlich, der zwar rrts „gekauft" sei, aber doch von einem jüdischen Vater hcrstammcn soll! Er hätte darum so zartfühlend sein sollen, und einem christlichen (vielleicht gar antisemitischen?) College» den Platz zu räumen. (Warum hat das fromme Blatt dies nicht auch beim Staatsanwalt P, im Ncustettiner Proceß geltetid gemacht? Red.) Aus Westfalen. Aus dem vom Schriftfübrer Herrn H. Liepmannsso hn-Minden erfaßten Bericht über die diesjährige, von 41 Lehrer» besuchten*) Conferenz des „Vereins isr. Elcmentarlehrer für Westfalen und die Rheinprovinz" in Herford, theilcn wir hier das Wichtigste mit. Nach den üblichen Formalitäten der Eröffnung berichtete der langjährige Vorsitzende Herr Blumen au- Bielefeld, daß in neuerer Zeit von den Behörden dem jüdischen Religions-Unterrichte eine crhöhete Aufmerksamkeit und Fürsorge zugewcndet werde und erwähnte in dieser Beziehung die bekannte Verfügung der Königsberger Regierung, sowie den jüngsten Ministerialerlaß, der die Aufnahme des Lehrplans für den jüdischen Religions-Unterricht in die Jahresberichte der höheren Lehranstalten anordnet. Von anderer *) Auerbach-Paderborn, Bendix-Steinhcim, SS 1 umenau Bielefeld, C r a in e r-Neucnkirchcn. D u b l o n-Oelde, Eckmann- Nienburg a d, W, E ichcngrün-Annen i, W, Fröhlich-Altonai. W, Goldstei „-Grevenbroich, Graf-Essen, Entmann) Jos.-Vlotho. Heimberg-Telgte, Hei nc-Bcringdausen, Hossmann-Enger, De. Hu lisch-Herford, Kann-Hohenlimburg, Kap-Höxter, Katzcnstein-Richcim, Kaufmann-Essen, Kronenberg, Adcle-Kaunitz. Kronenberg, N.-Bündc. Levi-Neuß, Liepm anns soh „-Minden, Löb-Cöln, Marx-Unna. Plaut-Detmold, Ransenberg-Rhaden. R o s e n b a u IN -Blomberg, Rosenb a um-Hameln. Rosenfeld- Lippstadt. Sänger-Schwerte, Salomon-Jferlohn, Scheuer- Adorf. Spier-Bocholt, Steeg-Recklinghausen, Stein weg-Laasphe. Stein weg-Rheda, Treu-Münster, Weil-Eschweiler, Weinberg-Hattingen, Seite wurde hier die Mittheilung eingefügt, daß eine umfassende Enquete über die Betheiligung am jüdischen Religions-Untcrrichtc überhaupt eben jetzt in's Werk gesetzt werde. Des weiteren theilt der Vorsitzende mit, daß in Berlin unter dem Vorsitze des Redakteurs Ciausnitzer ein Rechtsschutz- Verein für Lehrer begründet sei. Jeder Lehrer, der seit mindestens einem Jahre Mitglied eines Kreis-Lehrer-Vereins ist, kann kostenlos den Rechtsschutz dieses Vereins in Confliktsfällen beanspruchen. Der deutschäsr, Gemeindebund hat den Confercnzbesuchern eine theilweise (etwas karg bemessene Red.) Reiseentschidigung von 125 Mark überwiesen. — Ein wahrer Unstern waltete diesmal bezüglich der angemeldeten Referate, indem die Referenten durch Krankheitsfälle in ihren Familien am Erscheinen verhindert waren. Die in Aussicht genommene Drucklegung eines vorjährigen Vortrages durch den D,-J, G,-B ist von diesem mit der Motivirung abgelehnt worden, daß für solche Zwecke verfügbare Fonds nicht vorhanden seien, auch durch Gewährung ein Präzedenzfall geschaffen werde, der unliebsame Consequenzen nach sich ziehen könne,**) Der Bericht über die Kasscnverhältnisse des Vereins bot wenig Erfreuliches, weil auch in diesem Jahre leider größere Beiträge und letztwillige Zuwendungen nicht eingegangen sind. Das Vermögen betrug am 1, Januar er, Mk, 52.390,44. An einigen concreten Beispielen machte der Vortragende klar, wie erheblich die Leistungen der UnterstützungSkasse gegenüber den geringfügigen Beiträgen sich gestalten und knüpfte daran eine eindringliche Mahnung an die mit ibrem Beitritte säumenden, besonders die jüngeren Lehrer. In Folge dessen meldeten sich sofort 2 neue Mitglieder, und stellten mehrere ihren baldigen Zutritt in Aussicht, — Hatte man schon im vorigen Jahre den Rückgang in der Höbe der einzelnen Quoten im Interesse der Lehrcrwittwcn und Waisen lebhaft zu beklagen, so mußte leider bei der diesmaligen Abmessung eine weitere Reduktion des Einheitssatzes auf 45 Mark — gegen 60 resp, 57 Mk, der zwei letzten Jahre — vorgcnommen werden. Solle bei den naturgemäß sich immermehr steigernden Anforderungen an die Kasse ein iveiterer Rückgang vermieden werden, so müsse mau auf Abhülfe ernstlich bedacht sein. Der Verein würde, wie der Vorstand bereits im jüngsten Jahresbericht ausgeführt, gern bereit sein, das Kaddisch-Gebet an den Jahrzeittagen zu übernehmen, Sache der Lehrer wäre es, bei vorkommenden Gelegenheiten dahingehende Anregung zu geben. Ferner möchten doch die College» bei festlichen Veranlassungen, z, B, Hochzeiten, Beschncidungen, bei Purim, Cyanuckah- und Simchas-Thvra-Feier unserer Kasse eingedenk sein. Wo der CultuSbeamte dabei nicht persönlich auftreten könne, fände sich wohl immer ein wohlthütig gesinntes Gemeindeglied, das die nöthige Anregung übernehme. Einige Mitglieder der Kasse haben dieser den Rabatt des Verkaufs von Schulbüchern überwiesen. Es gebe überhaupt noch viele Gelegenheiten — der Vortragende nennt ^solche — wo bei dem erforderlichen Interesse für die Sache schöne Erfolge zu erzielen wären. Im Laufe der hieran sich knüpfenden Discussion wird der Antrag von Spier-Bocholt einstimmig angenommen: „der Vorstand des Vereins möge bei den Oberpräsidien der beiden Provinzen die Genehmigung zur Abhaltung einer Hauscollecte zu Gunsten der llnterstützungscasse nachsuchen." Es meldete sich eine ausreichende Anzahl von Collcgcn, die im Falle der Genehmigung sich zur Abhaltung der Collckten in den ihnen zuzuweisenden Bezirken bereit erklärten. Die hierauf folgende Vorstands Wahl ergab die Wiederwahl der Ausscheidenden, Als Vorort der nächste» **) Die HH. Lehrer ersehen auch hieraus wieder, daß sie ihre Hitse nicht dei Andern suchen dürfen 1NV2N 7>K), sondern sich immer mehr gewöhnen müssen, sich aus eigene Füße zu stellen. Es dürfte ein Leichtes sein, wenn särnrntliche isr, Lehrervereine alljährlich die aus de» Consercnzen gehaltenen Borträge und Referate in einem „Jahrbuchc" erscheinen ließen. Der Absatz unter den Mitgliedern würde die Kosten schon decken, iRed.) /