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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-07-23 · N° 30. (23.7.1885) · p. Seite 243

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 30. (23.7.1885)
Date
1885-07-23
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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Die Lehrer sollen dem Rabbiner nicht ins Amt pfuschen und sich dadurch Blößen geben. Wir sind stolz aus unseren Beruf! Wir wolle» und können nichts Höheres, als — ein echter Lehrer zu sein! Wir haben wenig Achtung vor Denjenigen, die diesen Namen vertauschen gegen einen andere», ihnen besser klingenden. Möge man einst unserer gedenken mit dem Worten Er war ein Lehrer! Wir wollen kein höheres Lob, keine andere Bezeichnung. Und wie wir offen und ungescheut ausspreche», daß die Rabbiner im Allgemeinen nicht geeignet sind, Kinder im schulpflichtigen Alter zu unterrichten, nenn wir entschieden darauf bestellen, daß sie in der Lehrerbildungsanstalt nicht an der richtigen Stelle sind*), so wollen wir auch nicht, daß die Lehrer Miniatur - Rabbiner sein sollen, was ja nicht ausschließt, daß sie in Ermangelung eine-s Predigers einmal eine» in bescheidenen, volksthümlichen Grenzen gehaltenen Vortrag halten können! Jeder walte getreulich seines Amtes, thue, wozu er berufen ist! Bundes- und Kampfgenoffcnschast, — nicht Rivale» oder Concurrenten! Und nun nur noch rin Wort von den — Anderen; von der neuerdings wieder wachsenden Zahl der „Handwerker" ans dein geweihten Boden des Religionsunterrichts) von den verlorenen Seelen, die den Namen „Lehrer" usurpiren und eittchren. die Nichts sind und Nichts leiste», weil sie Nichts wissen und Nichts können. Fort niit ihnen! Wir sind nicht hart; aber für diese Menschen haben wir Nichts übrig. Fort mit diesen Nothhelfern, die vergiftend wirke» für die Heranbildung eines tüchtigen jüdischen Lehrerstandes, die ein Krebsschaden sür den Unterricht, für das jüdisch-religiöse Leben sind. Wir ivollen keine Gemeinschaft mit ihnen. Wir Lehrer allesammt, die wir aus den Namen Lehrer stolz sind, die wir durch unsere ganze Lebensführung, unseren Charakter, unser Strebet,, Wollen und Wirken bezeugen, daß in uns die Weihe unseres Berufes lebt — wir wollen uns nicht neben Leuten gestellt wissen, die ohne Bildung, ohne Charakter zu dem höchsten Berufe gegriffen haben, weil sie sonst zu gar keinem taugen. Sie gefährden die Zukunft der Religion Israels, wie die Zukunft des jüü. Lehrerstandes. Wem diese lieb ist und am Herzen liegt, der dulde nicht, daß sic gefährdet werde durch diese Nothheiser. Noch viel Verdienst ist übrig! Aber wir müssen schließen. Mögen die Leser, möge die Redaction dieser Blätter uns verzeihen **) wenn wir zu lange schon ihre Geduld mit diesem allerdings hochwichtigsten Gegenstände in Anspruch nahmen. Was uns Noth thut? Wir müssen in unsern Glaubensbrüdern und -Schwestern tvieder rege machen die Liebe und Hingebung für den Religionsunterricht, der dar¬ *) Wir verweisen in dieser Beziehung nicht aiicin aus das feststehende Urtheil Diestcrwegs u. A. m., sondern insbesondere noch auf die Vervil5iunflen be8 deutschen Seminarlehrertages in Hannover (1881) und auf die diesbezüglichen scharfen Reden des Seminaroberlehrcrs Hüttmann und des am 18. Jan. d. I. verstorbenen Scmiuardirektors Schulrath Or. Kehr, letzterer unbestritten einer der bedeutendsten Pädagogen und vielleicht der bedeutendste Methodiker dieses Jahrhunderts. (Vergleiche meinen Nachruf für denselben in „Rheinischen Blattern für Erziehung und Unterricht", 1885, II. Heft, 6. I—1U. Frankfurt a. M. Moritz Diesterweg.) Ll. t6l nirbo X1? sX2 pX. „Hier ist nichts zu verzeihen", wir —und mit uns sicherlich alle einsichtsvollen, denkenden Lehrer—fühlen uns lin Gegentheil Herrn Klingenstcin zu Dank fiir die Gründlichkeit und Ausführlichkeit verpflichtet, mit welcher er in seinen Artikeln die wichtigste aller jüdischen Tagessragen, die Lehrer- und Religionsunterrichtsfraae, IN ihren vielfachen Beziehungen zum Leben, zur Gemeinde, zum Rabbiner u. s. w. behandelt hat. Wir wünschen, daß Herr Kl. zu diesen Fragen noch öfters das Wort in diesem Blatte nehme, er wird hier immer eine große Schaar aufmerksamer Leser finden. D. Red. niederliegt. Wir müssen fesfftellen, was dazu gehört und wie er ertheilt werden soll. Wir müssen die jüdischen Lehrer in pädagogischer Weise heranbilden für ihren Beruf, damit ein tüchtiger, geachteter, seiner l,eiligen Aufgabe bewußter Lchrerstand heranwachse und allüberall lehre und erziehe im Geiste des Judenthums und im Geiste unserer Zeit. Und dazu müßte der gesammte Lehrer,taud einig sein in seinen Gliedern, treu stehen zu seinen Berufsgenosseu. damit ihm lohne die Achtung, die Liebe, die Treue seiner Schüler nnd Gemeinde. Dazu müßte die deutsche Judenfteit allerdings noch haben, wovon wir nicht gesprochen haben, weil es selbstverständlich und so oft schon ausgesprochen worden ist: eine einigende Genossenschaft! Wir deutsche Juden senden alljährlich viele Tausende, ja Hunderttausende an unsere Glaubensbrüder in alle Welttheile. Und das ist recht, soweit es zur Eullur derselben wirklich beiträgt. Aber was uns am nächsten angcht, liegt im Argen: Ist das recht? Als am 26. April 1865 der Schreiber dieses bei einem Lehrerjubiläum eine Tischrede gehalten hatte, sprach dessen edler, unvergeßlicher Freund Or. Leopold Stein s. A.: „Schön gesprochen, aber nicht recht und gut! Der Missionar darf nie seine Mission vergessen und darum muß Klingenstein's letztes Wort stets sein: die Achawa!" So sei's und damit sei geschlossen: Gedenkt der „Achawa", der Lehrer - Wittwen - nnd Waisenuntcrstlltzungskasse, deren Sitz in Frankfurt a. M. ist, bedenkt sie reichlich mit Beitrügen, zersplittert Eure Kräfte nicht; was Ihr der Achawa zuwcndet, das thut Ihr für Euch selbst, für die Sicherstellung der Zukunft Eures Lehrerstandes! Berichte und Correlpondemen. Deutschland. Aerkin, 17. Juli. Dem großen Stöcker-Bäcker- Proceß ist gestern in kleinerem Rahme» ein Nachspiel gefolgt, das gleichfalls der interessanten nnd belehrenden Momente nicht entbehrt. Die Rollen tvaren zwar diesmal vertauscht) der Herr Hofpredigcr war nicht nur moralisch, sondern auch thatsächlich und formell der Angeklagte. Der Kern mar aber in beiden Verhandlungen derselbe; das früher entrollte Bild der Stöcker'schcu Agitation mit ihrem wüsten Hetz-, VerleumdungS- und Beleidigungs-Apparat ist nur durch einige weitere Züge vervollständigt worden. Der wegen Beleidigung des Fabrikanten Herrn Schmidt zu 150 M. oder 15 Tagen Gesüngniß — der Anwalt des Klägers hatte 3 Wochen Gesüngniß beantragt — verurtheiltc Hofprediger Stöcker wird sich damit trösten, daß ihm in diesen neuen Proceß nichts Anderes passirt sei, als was in dem früheren seinem Gegner, dem Redakteur Bäcker, begegnete. Aber wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe. Wer durch seinen journalistischen Beruf genöthigt ist, fortwährend im Kanipfe zu stehen, dem kann es nicht zur Unehre gereichen, wenn er ab und zu einmal über die Schnur haut und in der Wahl der Waffen nicht allzu zimperlich ist. Anders ein Hvfprediger, dessen Beruf die Verkündigung der Liebe und die Arbeit für den Frieden ist, und der sich dennoch von dem ihn verurthcilenden Richter sagen lassen muß, daß er „leichtfertig, ohne jeglichen Anhaltspunkt gröbliche und gehässige Vorwürfe mit den beleidigendsten Zusätzen" erhoben habe. Als strafmildernd wurde in den Gründen des Erkenntnisses hcrvorgehoben, daß Stöcker „seit vielen Jahren Beleidigungen von ähnlicher Schärfe gegen Mitglieder jeder freieren religiösen Richtung und der Gegenparteien geschleudert, ohne daß diese es für angemessen erachtet, ihn dafür verantwortlich zu niachen. Dadurch habe sein Bewußtsei n von der Rechtswidrigkeit seines Handelns bedeutend ab geschwächt werden müssen." Dieser Strafmilderungsgrund ist gerade nicht sehr schmeichelhaft für einen Priester der Wahrheit. Ebensowenig der Milderungsgrund bei

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