Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 30. (23.7.1885)
- Date
- 1885-07-23
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
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— 242 — christliche auf ei» entsprechendes Avancement rechnen! Was also soll ihn aufrecht erhalten? Der Lehrer muß sich in seiner Gemeinde einleben, muß zu derselben gehören, mit ihren Gliedern in Liebe und Freundschaft verbunden, in der Gemeinde heimisch sein. Er darf nicht ein Zugvogel, ein Bild des „ ewig wandernden Juden" sein. Er muß für sich und seine Familie — wenn er eine solche zu gründen im Stande ist — auch ein ständiges Heim habe» und jenes Glück genießen, das in den freundschaftlichen Beziehungen zu andern Familien ruht: jene gemüthlichen Beziehungen , die die tiefsten Wurzeln im Herzen schlagen und den Boden lockern für die herrlichste Aussaat, für die heiligsten Gefühle, Wenn nicht das Staatsgesetz, das ja leider überall für uns Juden Ausnahmen schafft, so müßte das jüdische Religivnsgesctz in den jüdischen Herzen, das Gesetz der Gerechtigkeit und Bruderliebe den Lehrer schützen, daß er nicht dem Fluche verfällt, sein Leben als eine ewige Wanderschaft und darum als ein verfehltes zn betrachten. Sollen die Wurzeln seines Seins nie in den Boden dringen? Sollen sie immer iviedcr losgcrisscn werden — aus Böswilligkeit, aus Ungerechtigkeit, aus nichtigen und leichtfertigen Griinden, Es kann und darf den Eltern, welche Werth auf den Religionsunterricht ihrer Kinder, auf dessen Planmäßigkeit und Stetigkeit legen, nicht gleichgültig sein, wenn heute dieser und morgen ein anderer Lehrer kommt und die Fäden, die das Kindcsherz mit dem Lehrer verbinden sollen, immer wieder von Neuen: ausgerisjen und — vielleicht nicht wieder geknüpft werden: "p Dl1?» M mal« "Sil TIK pöS „Um meiner Brüder und Freunde (um unserer Kinder) willen, rufe ich Dir zu: Irieden!" Wir haben kein Vertrauen zu dem Lehrer, der seine Stelle wechselt, wie ein Kleid; wir haben noch weit weniger Achtung vor den Gemeinden, die ihre Lehrer aus vagen Gründen immer wieder ziehen lassen und in wenig Jahren ganze Dutzende verbrauchen. Wir meinen: statt „ziehen" müßte es „erziehen" heißen; d, h, auch Lehrer und Gemeinde müssen einander erziehen. Dazu aber braucht man Zeit und guten Willen! Wir sprechen an dieser Stelle absichtlich nicht von der materiellen Stellung der Lehrer; wir möchten unsere Betrachtung nicht herabzieheu in das Allgemeine! Wir dürfen dies umsomehr unterlassen, weil eine anständige Bezahlung nach Verdienst und Arbeit das erste und sicherste Zeichen der Achtung ist, die eine Gemeinde dem Lehrer zollt. Eine Gemeinde ehrt sich selbst, wenn sie weiß, was dem Lehrer gebührt, und es ihm gerne und willig giebt. Eure würdige Gemeinde wird ihren Lehrer schützen vor kleinlichen Rahrungssorgen, die das Gemllth bedrücken, Körper und Geist auf- ' reiben. Achtung und anständige Belohnung gehöre» zu-! summen, wie Leib und Seele. Und die Gemeinde darf das, j was sie dem Lehrer als Lohn für seine Arbeit, für die I Hingabe seines ganzen Lebens giebt, auch nicht als ein Geschenk betrachten, und darum verlangen wir vor allen Dingen, daß da-s erniedrigende Geschenkeunwesen durchaus ein Ende habe in den jüdischen Gemeinden Gebt dem Lehrer, was ihm gebührt, als Lohn, zahlt ihn nach Maßgabe der ausgewendeten Arbeitskraft! Er aber möge seineHan dreinhalten vom Geschenkenehmen. Wehe der Gemeinde, die ihre Religionsbcamten entwürdigt, indem sie sie zur Annahme kleinlicher Geschenke nüthigt*), Der rechte Mann läßt sich nichts schenken; der gebildete Mensch fühlt sich durch die Annahme solcher bettelhaste» Geschenke erniedrigt, oft beschimpft. Wenn die Gemeindemitglieder im Stande sind, den Lehrer durch Geschenke vor Mangel zu schützen, warum thun sie dasselbe nicht durch anständigen Gehalt? Wäre dies nicht weit ehrenvoller für den Beamten wie für die Gemeinde? Auch wenn das *, Daß damit Gratisicationcn für wirkliche Leistungen, Ehrengaben von Gemeinden oder größeren Kreisen nicht ausgeschlossen sind, ist selbstverständlich. Kl- Amt des Lehrers mit dem Cantorat verbunden ist — was wir, schon um dem oft unwürdigen Dünkel der Cantorenvirtuosenthums überall ein Ende zu bereiten, sehr wünschen — muß der Lehrer jene bettelhaftcn Gaben für angebliche Leistungen, die eigentlich keine Leistungen sind, entschieden abweisen, **)Fort mit diesen verwerfliche» Gebräuchen, die so recht zur Erniedrigung der Gememdebeamten ersonnen zu sein scheinen, und sie von der Gunst und Ungunst Einzelner in kleinlichen Dingen abhängig machen. Der Lehrer ist ein Arbeiter, und seine Arbeit gehört nicht zu den leichten. Er bedarf einer langen, eingehenden Vorbildung, Darum gönne man ihm seinen Ehreusold, zahle ihn in ehrenhafter Weise nach Verdienst und wenn durch glückliche Umstände der Einzelne unter ihnen einmal etwas besser gestellt ist, so vergönne man ihm dies nicht und vergälle ihm sein Leben nicht durch kleinlichen Neid, durch Mißgunst und Mißachtung, Muß denn der Lehrer, wenn er sich die Gunst erhalte» will, ein armer Schlucker, ein gedemüthigter Mensch sein und bleiben? Es wird noch viel, sehr viel in dieser Beziehung gegen die Lehrer gesündigt! Eine aufrichtige Prüfung dieser Verhältnisse wird jeden Redlichdenkenden zu der Ueberzeugung bringen, daß lvir nicht Unrecht haben. Alle Stände streben nach Besserstellung, — Warum soll der jüdische Lehrer wohl geistig fortschrciten und doch nicht auch eine entsprechende Lebenserhöhung erringen? Sagen wir es nochmals offen und ungeschcut: Es würde besser werden mit dem Religionsunterricht, wen» die Vorstände und Gemeinden das Amt der Lehrer besser zu schützen und zu würdigen sich bestrebten; und auch bei uns gilt das Wort unseres größten deutschen Meisters der Schule: „Die Lehrer wären besser, wenn es ihnen besser erginge," — Und wenn die Gemeinden sagen: Wir können nicht, so ist das Flunkerei in den meisten Fällen, Sie mögen an „andere Sachen" denken. Wir glauben, daß wir nicht nöthig haben, hier auch von dem Verhältnisse der jüdischen Rel ig i o ns leh rer zu den Rabbinern viel zu sprechen, insoweit diese die Jnspectoren des Unterrichts und die ersten Beamten in der Shnagogen- Gemcinde sind. Wir wissen leider nur zu gut, daß in den meisten Fällen die Rabbiner heutzutage in gleicher Lage mit den Lehrern sind; auch sie leiden — am Jndifferentisinus, an der Gleichgültigkeit der Gemeindemitglieder. Lehrer und Rabbiner sind Kamps- und Leidensgenossen Und wenn die Rabbiner den Religionsunterricht Pflicht mäßig bcaussichtigen, so ist das zum Besten der Lehrer. Für gar viele — auch Vorsteher — sind auch beide — Rabbiner und Lehrer — nur nothwendige Hebet. Warum also eine» Gegensatz hcraufbeschwören, der bei uns durchaus nicht dieselbe Berechtigung und Begründung hat, wie bei anderen Confessionen? Wenn es einzelne Rabbiner giebt, die sich dünkelhaft erheben über den Lehrer, — nun, es giebt auch dünkelhafte Lehrer! Man lasse sie laufen — alle beide! Bon den Leberbegießern reden wir überhaupt nicht; die Lehrer, die mit diesen gemeinsame Sache machen — sind eben für uns keine Lehrer, Sie arbeiten nicht für das fortschreitende Leben, sondern für das langsame Absterbeu. Lassen wir sie ruhig ihre scheinheiligen, schlüpfrige» Wege gehen, so lange sie wollen. Lassen wir ihnen die Genugthung, in „frummen" Spendenlisten die Figuranten zu spielen, — Diejenige» Rabbiner, die pflichtgemäß **) Im Gegensatz zn den obigen mannhaften Worten , denen jeder charactervolle Cultusbeamtc zustimmen wird, wurde uns die Nr. 2t eines für die Interessen der jüdischen Kantoren eintretenden Blattes zugesandt, in dessen erstcin Leitartikel der Fortschritt beklagt wird, „der den Kultusbeamten hinsichtlich des nervus rerum ein Rückschritt geworden ist." Es werden hierauf all' die Geschenke aufgczählt, die der „Chasan" bei „ciUeit Anlässen von der Wiege bis zum Grabe" ehedcni za erhalten pflegte, und znm Schluß wird solgetider Appell an die Herren Kantoren gerichtet: „Hiernach College», seid im Nehmen nicht fortschrittlich, d, h. nehmt, so lange man Euch giebt!" Müssen solch- Worte jedem anständigen jüdischen Cultusbeamten nicht die Schamröthe ins Antlitz treiben? — Wir verweisen zum Uebcrfluß ans den Spruch Salomoms: itit nun» «m (Red. d. I. Wh J