Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 29. (16.7.1885)
- Date
- 1885-07-16
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 236 — Auch hier ist Herr Stöcker derjenige gewesen, der zuerst mit leichtfertigen Behauptungen vor die Welt getreten ist. Er hörte von einer israelitischen Allianz sprechen, und da er von der Boraussetzung ansgeht, dag Alles was israelitisch ist, auch verrucht sein muß, so construirtc er sich selbst ein Bild von den Zwecken, welche diese Allianz verfolgen mag, dachte sich diese Zwecke als eigennützige, ehrgeizige, gegen die bestehende Gesellschaft feindliche, und schob nun sein Phantasicbild ohne Weiteres der Wirklichkeit unter. Die israelitische Allianz ist ihrem Wesen nach eine wohlthätige und gemeinnützige Gesellschaft. Die Hauptaufgabe, welche sie sich gestellt hat, ist die, den intcllectucllen und moralischen Zustand der Juden in den Ländern des Morgenlandes zu hebe», und das vorzüglichste Mittel, dessen sie sich bedient, ist, daß sic dort Schulen gründet, Elementar- Schule» für den ersten Unterricht, Handwerksschulcu, um die Liebe zum Handwerk zu wecken, deren Mangel man den Juden häufig zum Vorwurf macht, daß sie Ackerbauschulen gründet und in jeder Weise zur Verbreitung von Bildung beiträgt. Auf diese Schule» dcsOrienlsverwendet sie den größten Theil ihrer Mittel. Wo sie eine solche Schule gründet, dahin bringt sic einen Strahl der Civilisativn des Westens. Sic tritt dem einseitigen talmudistischcn Unterricht entgegen, den sic ausdrücklich als einen „engen und ungesunden" bezeichnet, und läßt die Kinder nach den Grundsätzen der modernen Pädagogik unterrichten. Wo eine andere Schule begründet wird, er» eckt sic nicht allein die geistigen Fähigkeiten, sondern auch das Gefühl der persönliche» Würde, den Sinn für Ordnung und Sauberkeit. Diese jüdischen Schulen stehen auch den Kinder» aus christlichen Confessionen, die sich im Orient häufig in nicht minder verkommener Lage finden, offen. Sic erleichtern es den Kindern, sich ihr Fortkommen in würdiger und gesitteter Weise zu sichern. Es gehört in der Thal ein ganz verkehrter Standpunkt dazu, Bestrebungen dieser Art oder die aus diesen Bestrebungen hervorgegangcnen Erfolge zu bemängeln." — Wir fügen hieran folgende uns zngcgangene „Erklärung": Dreskau, 10 Juli. Ich thcile vollständig die Ucberzcugung meines hochverehrten, lieben Freundes, des eurer. Laudrabbiners Or. A d l c r, ausgesprochen in Nr. 28 dieses BlatteS, daß die Absonderung einer deutsche» Alliance von der Alliance israölitc universelle nur unheilvoll wirken kann. Seine Worte sind mir aus der Seele gesprochen. Der überhandnehmende Jndiffercutismus innerhalb der Judenheit, der bis zur Apostasie führt, hat seine Wurzel i» der Vereinzelung und Zersplitterung der Judenheit. Dieser centrifugalen Neigung, welche in der deutschen Judenheit besonders einheimisch ist, will die Alliance durch die Verbrüderung cntgegcnarbciten. Und sie hat in ihrem kurzen Bestände bereits segensreich gewirkt. Sie hat bewiesen: concordia res parvae crescunt. Wer es ehrlich mit dem Judenthum meint, muß energisch die Kräftigung dieses Bruderbundes fördern und jede Lockerung desselben verhüten. Nur keinen Rückfall in den Separatismus. Prof. Graetz. Sondershaliseu, 8. Juli. (Or.-Corr.) Unsere Stadt und nicht minder unsere Gemeinde haben einen schweren Verlust erlitten. Unser in jüdischen wie christlichen Kreisen gleich verehrter Vorsteher, Herr Justizrath Dr. Max Czarnikow, ist nicht mehr. Gestern haben tvir ihn zur letzten Ruhe bestattet. Er war am 31. August 1829 hier geboren, besuchte hier und in Cassel das Gymnasium und studirte die Rechte auf den Universitäten Heidelberg, Berlin und Jena. Nach bestandenem ersten Examen beim Appellationsgericht in Eisenach, zweitem großen Staatsexamen begann er hier seine Advocatur und gewann im Laufe der Jahre eine bedeutende Praxis. Cz. war ein großer Förderer und Freund des Vcreinslebens; so war er Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender des Turnvereins und der Feuerwehr re. Durch das ehrende Vertrauen seiner Mitbürger wurde ihm das Amt eines Stadtverordneten übertragen, dem dann jahrelang der Vorsitz im Gemcinderath folgte. Hier hat Cz. als Ühcf der städtischen Vertretung sehr segensreich gewirkt; seiner Umsicht, Sachkenntniß und warmen Fürsprache verdankt die Stadt manch gute und nützliche Einrichtung. Von dieser allgemeinen Beliebtheit gab das heutige imposante Trauergefolge Zeugniß. Es folgte» in corpore eine Ablheilung uniformirtcr Feuerwehr, der Männerturnvercin mit umflorter Fahne und Vorantragung eines Lorbeerkranzes, die Vertreter der Stadt, geführt vom Herr» Oberbürgermeister Rath Laue, der Minister Reinhardt, der Hofmarschall des Fürstlichen Hauses, der Chef des hiesigen Bataillons mit einem Theil des Osficiercorps, sämmtliche richterliche Beamte, sowie ein aus den besten Gesellschaftskreisen bestehendes, nach Hunderten zählendes Gefolge. Auf dem Friedhofe angelangr, wurde die Leiche durch Musik „Es ist bestimmt in Gottes Rath", ausgeführt von Mitgliedern der Fürst!. Hofcapelle, empfangen. Hierauf ergriff Herr Professor Rabbiner Heidenheim das Wort und schilderte in tiefbewegten, ergreifenden Worten die Verdienste dieses edlen Mannes, der noch lange im Andenken seiner Gemeinde, wie der Vaterstadt überhaupt fortleben wird. K O. Schneidemühk, 2. Juli. (Or.-Corr.) Vorigen Sonnabend hat wiederum in unserer Synagoge durch unser» Rabbiner die Einsegnung von zwei taubstummen Kindern, einem Mädchen und einem Knaben, stattgefunden. Auch diesmal war die Feier eine sehr erhebende und machte auf die zur Andacht versammelte Gemeinde einen tiefen Eindruck. Mit voller Sicherheit beantworteten die beiden Confirmanden alle Fragen, die an sie in Religionslehre und biblischer Geschichte gerichtet wurden. Sie übersetzte» auch einige Stücke im hebräischen Gcbctbuche und sprachen recht deutlich mit sichtlicher Erregung das Glaubensbekeuntniß und Gelöbniß aus. Wie sich von selbst versteht, ist dieser Act nur der Abschluß vvrhergegangcner Einrichtungen, welche i» der hiesigen Provinzial-Taubstummenaiistalt, seit ihrer Uebersiedelung von Posen nach der hiesigen Stadt, vorhanden sind. So lange die Anstalt in Posen mar, ist für die religiöse Erziehung der jüdischen Zöglinge nichts geschehen. Als sie aber hierher verlegt wurde, ist es unserm Rabbiner in Verbindung mit dem derzeitigen ersten Gemeinde-Vorsteher, dem fei. Dr. Davidsohn, gelungen, bei der ständische» Commission zu bewirken, daß die jüdischen taubstummen Kinder bei anständigen jlldischen^Familien in Kost und Pflege gegeben, und denselben 2 «tunde» wöchentlich jüd. Religionsunterricht ertheilt werden. Den sehr mühevollen Unterricht crtheilt unser Rabbiner mit segensreichem Erfolge. Es ist damit auch der Unterricht im Hebräisch-Lesen und Uebersetzen einiger hebräischer Gebetstllcke verbunden, sowie die Vorbereitung der dreizehnjährigen Knaben für das Anlegen der Tefillin. Die Anstaltsdircctoren benehmen sich dabei sehr human; sic beschaffen die erforderlichen Bücher, überwachen den regelmäßigen Besuch des Religionsunterrichts, dispeusiren die jüdischen Kinder auf Verlangen des Rabbiners an Festtagen vom Schulbesuch, und cs wird kein Zögling ans der Anstalt entlassen, ohne vorhergcgangene Einsegnung. Gr. jMen, 7. Juli. (Or.-Corr.) Am 2. Juli fand die Einweihung unseres neuen Friedhofes, der sich dicht neben dem Commnnalfriedhvf*) — getrennt durch eine Hecke — befindet, in sehr feierlicher Weise statt, in Verbindung mit der Beerdigung der ersten Leiche. Es war diese die des Herrn Bankier Simon Hirschland, eines sehr geachteten Bürgers der Stadt und Vertreters der jüdischen Gemeinde während eines fast halben Jahrhunderts, theils als Vorsteher, theils als Repräsentant. Er war der Vater unseres jetzigen, auch in d. Bl. öfter erwähnten, s.hr fähigen ersten Vorstehers *) Zur;jcit haue, wie sich manche Leser erinnern werden, dieZnd. Gemeinde des der Zladwertretung beantragt, ibr einen besonder» Theil des Commnnalsriedhvses zu überlassen, was aber abgclehnt worden war, mit der Motivirung, daß cs den Inden freistche, den allgemeinen t!ommnnalsriedhos zn benutzen. Rach einigen Berhandlnngen aber hat die Stadt in entgegenkommender Weise ein Stüek Land neben dem tkommnnalsriedhosc sür einen sehr mäßigen Preis der jnd. Gemeinde zur Anlegung eines Iricdhoses überwiesen.