Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 29. (16.7.1885)
- Date
- 1885-07-16
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9586215-9584860--5819-9584862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 234 — klagt. Darum ist ecaus diesem Grunde wiederum Sache intelligenter, ihre Gemeinschaft liebender rumänischer Juden, welche trotz aller bitteren Erfahrungen dennoch de» Patriotismus in sich tragen, ohne den keinJude in seinem GeburtSlandc für seine Glaubensgenossen wahrhaft sorgen kann, zunächst unter sich zusammenzutrcten und die Mittel und Wege zu beratheu, welche nach ihrer Meinung Heilung bringen können. Wenn wir aber voraussetzen, dag sich das Geschick der rumänischen Juden wohl analog dem der sranzösischen, deutschen, englischen Juden entwickeln werde, dann müssen wir sagen, es sei das beste Mittel, das was uns von jeher beigestanden hat, den Kampf zu ertragen; mit festem Vertrauen in Gottes Güte, mit voller Anerkennung göttlicher Gerechtigkeit die Erlösung hoffen und den Druck erdulden, dabei von jedem Versuche fern zu bleiben, der dahin ginge, mit Mitteln der Gewalt Hilfe zu schaffen, oder sich an solche anzuschließen, welche fixe ihre Zwecke gewaltsam politische Umwälzungen hcrbciführen wollen. Bei allem Schuicrzc über mancherlei Gewalt muß dennoch die sittliche Stärke religiösen Pflichtbewußtscius sich bewähren und ebenso von unklugen, als unedlen Plänen, die nur der Verzweiflung entstammen, fernhalten. Eine derartige sittliche Einwirkung wahrhafter Frömmigkeit ist die erste Aufgabe zur Herbeiführung der Besserung. Alsdann können wohl verschiedene Wege sich empfehlen: Für Einzelne mag Auswanderung ebenso zweckmäßig sein, wie es für Einzelne in jedem Staate sich nvthwendig macht. In grösseren Massen ist sie für uns Israeliten unbedingt unrathsam. Das Hcimathland sieht darin eine Verneinung jeder Vaterlandsliebe, das Einwandcrungsland fürchtet eine politische oder soziale Last, die Transport- und Ansiedelungskosten sind ungeheuer und meistens nutzlos. Man hat ja die traurigsten Erfahrungen in dieser Beziehung bereits gemacht. Es bleibt darum nur die Reihe der Wege zu beschrciten, welche im Lande selbst zum Bessern führen. Und hier wird wohl lote in Deutschland, England, Frankreich, nur der Weg richtig sein, der der ethisch-religiös richtige ist! NX IttTTI "PSn D*1?© Heranbildung zu wahrem Vaterlandsgesühle. Die rumänische Nation mag noch so viele Mängel haben, das Staatswesen noch so viele Fehler, dies befreit nicht von der Pflicht der Vaterlandsliebe, sondern macht sie nur um so ernster und schwerer. Eine solche Heranbildung kann aber nur durch Schulen geschehen, in welchen die Kennt«iß rumänischer Landes- und Volksbildung, Sprache u. s. w. gelehrt und gepflegt wird. Die Volksschulen, seien sie nun confessionelle oder simultane, sie müssen in erster Reihe als Rcttungsmittcl angesehen werden für die Masse». An die jüdischen Volksschulen mögen dann auch jüdische Fachschulen, wenn es nicht anders geht, sich anschließen. Dazu sind aber auch Lehrer nöthig, welche von diesem Bestreben getragen, begeistert und treu dem Judcnthume anhängen und hingebungsvoll dem Vatcrlande dienen. Wie steht's damit in Rumänien? Wir möchten Herrn vr. Junius bitten, hierauf einmal sein Augenmerk zu richten und darüber Bericht zu erstatten. Erfurt. __ Krön er. Berliner Briefe. Von B.—g. (Schluß.) In Berlin giebt es für die Frage, warum nur ein so geringer Procentsatz der jüd. Schüler am Religionsunterricht theil nimmt, zwei Gründe, einen inneren und einen äußeren. Der eine hervorragendere, ist die Bedllrfnißlosigkeit und der andere der Mangel an Untcrrichtsanstalten in einzelnen Stadtgcgenden. Der erste Grund wird überall eine Erklärung für diese Frage sei». Man kennt ja die Allsreden, weswegen man die Kinder ohne Religionsunterricht läßt. Wer wüßte nicht, daß er nicht mehr modern, milt unserem aufgeklärten Jahrh. nicht mehr im Einklang stehe, der Knabe keine Zeit zur Erlernung von im Leben nicht zu verwerthenden Dingen habe, der Arzt es verboten, wie ich ausdruckslos mehrere Male den Bescheid bekam, oder wie eine Mutter mir kürzlich sagte: „Meine Tochter soll lieber englisch lernen, das kann sic nachher brauchen!" Aus allem leuchtet die Sucht nach materiellen Gütern, was ja nicht unerlaubt ist, wenn man ihnen nur nicht das Heiligste opferte. Verständlich für Wesen und Bedeutung der Religion bemerkt man nur bei den Wenigsten, aber auch oft von diesen wird ihr der spätere Gewinn vorgezogen. In der That verdient eine Zeit eine materialistische genannt zu werden, in der man die Kinder nur das erhaschen läßt, was Profit bringen soll und Religion ist der uneinträglichste Gegenstand. Von dem Gros der Berliner ist es nicht zu viel gesagt. Es giebt wieder welche, die den Religionsunterricht ertheilen lassen, um den Wünschen der Eltern oder noch lebenden Großeltern gerecht zu werden oder im Geschästsleben sagen zu können, wie sehr man sich die allseitige Ausbildung seines Kindes angelegen sein läßt, ohne die Befriedigung eines Bedürfnisses darin zu erblicken. Wenn das Bedllrfniß da wäre, müßten doch die 8 Rel.-Schulen der mehr jüd. Bevölkerung als eine ganze Provinz bergende» Stadt Berlin wenigstens gefüllt sein. Dieselbe Bevölkerung in Provinzen zerstreut, würde 150 Rel.-Schnlcu die Existenz geben. Doch nun zu dem zweiten angeführten Grund. Es giebt große Stadttheile, in deren weitestem Umkreis eine Religionsschulc nicht vorhanden ist. Letztere sind, wo sie sonst sind, von Genieinden, die ihre Spnagoge haben, errichtet. Im erstgenannten Gebiete würde noch eine große Anzahl Schüler dem Unterrichte gewonnen werden. Aber einem ideal und materiell so wenig lohnenden Unternehmen will nicht gleich jemand seine Kraft leihen. Dem einzelnen Unternehmer fehlt aber auch das Zutrauen zu den Absichten, weil es ihm natürlich in erster Reihe um den materiellen Gewinn zu thun ist. Dieser Weg ist nicht geeignet, zu wirklichen Ergebnissen zu führen. Dagegen ist die Stimmung in weiten Kreisen so, daß die Gemeinde-Verwaltung sich des Religionsunterrichtes anzunehmen hätte. Man ist überzeugt, eine Thätigkeit ihrerseits auf diesem Gebiete würde viel erreichen. Man dcnkt sich dabei die Einführung des Religionsunterrichtes als obligatorischcti Unterrichtsgcgenstand in allen Schulen auf Grund von Vereinbarungen mit den Schulbehörden. Die anzustellendc» Rcligivnslehrer müßten von der Gemeinde besoldet werden. Ich bemerke ausdrücklich, daß hier nur Meinungen wiedergegcben sind, wie man sie sehr oft vernimmt und daß ein eigenes Urthcil ganz fern liegt. Das Gefühl, daß die Vertreter der Gemeinde, die berufensten Hüter, Erhalter und Förderer der religiösen Bildung sein müßten, und wenn sie es nicht sind, den Verfall derselben zum bei weitem größten Theil selbst zu verantworten haben, ist hier ein thatsächlich vorhandenes, und wenn es des scharfen Ausdrucks ermangelt, so ist es dem schwachen, nur gelegentlich laut _ werdenden, Interesse an allen Fragen des Jndenthums zuzuschreibcn. >W" 7