Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 28. (9.7.1885)
- Date
- 1885-07-09
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
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— 228 Wie gering die Theilnahme am Religionsunterricht in den Rcligionsschulen ist, laßt sich mit ziemlicher Genauigkeit ziffermäßig feststellcn. Die 1884 vorgenommenc Zählung der Schüler ergab 5100 jüdische, die 1000 die jüd. Gemcindeschule besuchenden Schüler und Schülerinnen nicht mitinbegriffcu. Demnach hatte Berlin 1884 6100 schulbesuchende jüdische Kinder. Dieser Zahl nach zu urtheilen müßten die 8 Rcligionsschulen vor Ueberfüllnng klagen. Wir wollen aber sehen, wie es in Wirklichkeit aussieht. Nur 2 Schulen, die Gemeindereligions- und Hildeshcimcrschc, haben je eine 200 übersteigende Schülerzahl; die anderen 6 nur durchschnittlich 60. Sämmtliche Religionsschulen werden etwa 900 Habens die 1000 der jüd. Gemeindcschulc dazu, sind in runder Zahl 2000. Daß vielleicht 2—300 im Hause Unterricht nehmen, ändert an dem Gcsammtresultat nichts. Von 6100 haben also nur 2200 jüd. Schüler Religionsunterricht, also nur ‘/3 der ganzen Schülerzahl und 2/s derselben entbehren ihn. ’/, der einstigen Judenhcit Berlins werden das Judenthum nur vom Hörensagen kennen. Gewiß, ungünstigere Verhältnisse werden in keiner Gemeinde anzutreffen sein. Wir Ivollen das noch von einer anderen Seite aus betrachten. Der Mangel am Religionsunterricht ist von um so schädlicherer Wirkung, je gehobener die von den Schülern besuchten Schulen, je geistig gehobener die Carrivre ist, der sie zusteuern. Von den 5100 Kindern gehören 2/a höheren Lehranstalten an.*) Es sind der Beispiele genug gewesen, wie gerade die hervorstechenden Geister die erste beste Gelegenheit ergriffen, um, den eigenen Ueberzeugungcn untreu, nur um vergänglicher Vortheile willen, den Glauben der Väter abstreiften wie ein Gewand. Wenn die kalte Erleuchtung des Geistes der Erwärmung des Herzens, des Organs der Religion, eintretcn soll, kann die Zeit andere als den Nutzen kalt berechnende Verstandesmenschen hervorbringen? Man hat die Unerträglichkeit und das Wetterwendische im Character eines solchen Kopfmenschen in Zeiten gesehen, wo an das warme Gefühl und die Pietät gepocht wurde und es galt, auf den winkenden Vortheil zu verzichten. Gegenwärtig geschieht es ja noch, daß, je wissenschaftlicher der einstige Beruf wird, die religiöse Gelte desto mehr vernachlässigt wird, statt daß alle seelischen Kräfte, also besonders Verstand und Gemüth, gleichmäßig zur Entwickelung kommen sollten. Dem Religionsunterricht ist es Vorbehalten, das Gemüth in idealster Weise zu bilden. „Woher kommt diese bedenkliche Erscheinung, aus der gewisse Leute Kapital zu schlagen suchen, nämlich, daß nur so wenige an dem Religionsunterrichte Theil nehmen", — fragte mich ein bedeutender Schulmann Hierselbst, von dessen einigen 80 jüd. Schülern nur einzelne den Unterricht genießen. Die Antwort darauf in meinem nächsten Briefe. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. Daß die antisemitischen Blätter und Vereine für den so „unschuldig" leidenden Stöcker mit größtem Eifer eintretcn, nimmt Niemand Wunder, sie können und dürfen den Führer so leicht nicht preisgeben, aber interessant ist das Verhalten, der sich noch immer national-liberal nennenden Blätter. Die verschämten Freunde des Herrn Hofprediger Stöcker, die Herren Nationalliberalen, scheinen ebenfalls in Sorge zu sein, der von ihm betriebene Antisemitismus möchte durch den „Fall Stöcker"(s?) zu Schaden kommen und vielleicht gar ganz versumpfen und versanden. Sie fangen daher auch schon wieder an, aufzuwiegeln. Ihr Mundstück, die „Nat.-Lib. Corresp.", schreibt: *) Gerade hier thut er am meisten Noth und wird er aiu meisten vermißt. „Die Erörterungen über den Proceß Stöcker nehmen mit Recht nach immer die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch. Es ivärc aber zu wünschen, daß die heilsamen Lehren, welche aus demselben zu entnehmen sind, etwas objectiver und tiefer gewürdigt ivürdcn, als eS im Allgemeinen der Fall ist. Nur zu natürlich ist es ja, daß die überaus herausfordernde Weise, in welcher Herr Stöcker vorgcgangen ist, seine Gegner jetzt in erster Linie ein persönliches Rachebedürsniß befriedigen läßt. DaS ist indeß nun wohl zur Genüge geschehen, und cs durfte sür die ernste ('?!) Pnbl icistil an der Jeit sein, den Fall mehr in seiner allgen,einen Bedeutung zu fassen. Wir haben diejenigen politischen Bestrebungen, durch welche Herr Stöcker seine ihm cigcnthümliche Berühmtheit erlangt hat, niemals gebilligt, aber wir können uns einen Standpunkt vorstellen, von dem aus auch ein sittlich-ernster Mann diese Bestrebungen bis zu einem gewissen Grade sür berechtigt hält." Dieser Wink mit dem Zaunpfahle ist wohl deutlich gcnug. Und so werden wir denn an den nationalliberalen Blättern wohl bald wieder den frischen, fröhlichen Antisemitismus weiter anbahnen sehen und die Erfahrung an Herrn St. machen, „den Bösen sind wir los — die Bösen sind geblieben". Nun wissen wir aber auch, weshalb der Heerbann Bennigsens im Siegen er Kreise noch im letzten Jahre den Herrn St. zu einem Mandat verholfen hat, woran die nationalliberrale „Köln. Ztg." jetzt erinnert. „Uns genügt blos die Thatsache," bemerkt dazu die „V. Ztg.", »daß die „Köln. Ztg." eingesteht, im vorigen Jahre von Herrn Stöcker noch eine so gute Meinung gehabt zu haben, daß sie ihn zu einem Sitze im Reichstage für geeignet gehalten hat. Wir sind neugierig, wie lange die jetzige schlechtere Meinung Vorhalten und ob sie wohl die im Herbste bevorstehende Wahlbewegung überdauern wird." Nach den »bigen zarten Andeutungen der „Rat. - Lib. Corr." sind wir über die Haltung der Nationalen in dieser Frage nicht mehr von Neugierde geplagt. Auch hat sich gewissen Leuten gegenüber, und deren sind nicht wenige, Herr St. noch lange nicht so abgewirthschaftet, daß sie auf ihn verzichten und ihn fallen lassen sollten. Gerade diese Art politischer „Größen" sind ja nicht leicht zu ersetzen. Moralischer und politischer Niedergang decken sich selten genau und „Gottes Mühlen mahlen langsam", wie es im Sprllchwort heißt. Vor der Hand wird das, was bei dem Handel Stöcker- Bäcker herauskommen wird, sich wohl so ziemlich mit dem decken, was die Getreuen Stöckers hier in Magdeburg — der hiesige conscrvativc Verein — in ihrem Schmcrzcnstelegramm in die Worte faßte: „Bei allem Schweren, welches die letzten Tage gebracht, ist cs uns Herzensbedürsniß, Ihnen unser vollstes Vertrauen und unwandelbare Verehrung zum Ausdruck zu bringen. Gott stärke Sie zu weiterer gesegneter Arbeit! Der Vorstand des Conservativen Vereins Magdeburg." Das hätte die „Rat. - Lib. Corr." auch telegraphiren können. Aus Wiesbaden geht uns „zur Frage der israelitischen Allianz in Deutschland" folgende beachtenswerthe Meinungsäußerung mit der Bitte um Aufnahme zu, die wir gern gewähren: „Alle Achtung vor Herrn vr. Lehmann in Dresden und seinen sonstigen Bestrebungen. Daß aber derselbe die Trennung der deutschen Mitglieder von der Alliance Universelle wiederum anregt, ist sehr zu bedauern. Schon die Verhandlungen hierüber, die Begründung für und gegen, sind von großem Nachtheil oder können doch leicht nachtheilige Folgen haben. Ich möchte dringend anrathen, davon abzulassen und unsere Alliance zu lassen, so wie sie ist. Von den politischen Motiven abgesehen - mit unserer Alliance als einem rein Culturzwecke verfolgenden Verein hat die Politik nichts zu schaffen — spricht schon der Umstand dagegen, daß die jetzige Alliance Universelle besteht und in ihrem Fortbestehen gesichert ist, während bei Ausscheidung sämmtlicher Mitglieder in Deutschland dieses Fortbestehen in Frage stehen oder doch deren Wirksamkeit jedenfalls verringert wird, und ob eine