Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 28. (9.7.1885)
- Date
- 1885-07-09
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
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— 227 — ihrer dereinstigcn Lebensstellung Wille» müssen unsere Lehrer das Wissen und die Bildung haben, das man bei einem tüchtigen Volksschullchrer „mit weitem Blicke" voraussetzen darf, Daß sie gegen die übrigen Volksschullehrer, auch die besten, in keinem Punkte zurückstehen dürfen, das werden erst diejenigen recht verstehen, die, wie Schreiber dieses, an einer vielklassigen Gemeindeschule mit Lehrern aller Confessionen zusammen zu wirken haben, s'2' TOttOTl. Wir können nicht umhin, nochmals in einem Punkte einleuchtend und anschaulich darzustcllen, welcher Unterschied zwischen gelehrter und pädagogischer Bildung und unterrichtlicher Praxis ist. Der Gelehrte — und der Prediger auf der Kanzel — geht von einem allgemeinen Satze, vom Ganzen aus, und erläutert ihn durch das Einzelne, er verfährt (in den meisten Fälle») aualhtisch: er beweist das, was er in dem allgemeine» Satze ausgesprochen. Der Lehrer in der Schule darf Nichts voraussctzcn, was noch nicht dagewcsen ist. Er geht von einer bewußten Einzelerscheinung, von einer Anschauung aus und kommt durch das Zusammcnfassen solcher Einzelerscheinungen schließlich zu einem Allgemeinen, Er verfährt synthetisch, — Oder: Der Redner auf der Kanzel stellt cincn Bibclvers an die Spitze und erläutert ihn. Der Lehrer führt am Schlüsse seiner Unterrichtsstunde den Vers auf, um den Inhalt dessen, was er gelehrt hat, in demselben zusammcnzufassen. Darum muß in jeder Lehrerbildungsanstalt die berufliche Ausbildung eine pädagogische und der Unterricht in der Form im Ganzen selbst so sein, wie die Zöglinge einmal unterrichten sollen. Als der Schule in Deutschland — vor etwa einem Jahrzehnt — höhere Ziele gesteckt wurden und ein lebendiges Streben nach vorwärts sichtbar war, berief man darum an die Lehrerbildungsanstalten Dcntschland's, Männer mit seminaristischer Bildung, die „von der Pike auf" gedient hatten. Die bedeutendsten Pädagogen der Gegenwart (Or, Wicherd, Lange, Kehr, Dittes, Lüben u. v. A.) haben diese» Weg durchgcmacht. Das Andere — ist der evidenteste Beweis der Rcaction auf dem Schulgebiete, Täusche man sich darüber nicht, Unv wenn die Lehrer, und die Lehrer der Lehrer „in tausend Zungen predigten, wenn sie die berühmtesten Gelehrten wären und sic wüßten nicht, wie die Kindesscele sich entfaltet, und es fehlte ihnen der Sinn für die Arbeit in und am Kleinen, so wäre ihr Thun unfruchtbar! Sie wären nicht im Stande, im Jünglinge Begeisterung für den Lchrerberuf zu erregen, und ohne Begeisterung kann der Lehrer der Religio» Nichts wirken! Die Zukunft des Judcnthums hängt von den Anschauungen ab, die über Beruf und Bedeutung des Lehrerstandes im jüdischen Volke gepflegt werden! Wir verlangen, daß ein jüdischer Lehrerstand gepflanzt werde, der seine Aufgabe ganz und voll erfaßt und sich ihr mit Liebe und Hingebung widmet. Mit solchen Lehrern sind alle übrigen Hindernisse zu besiegen! Wir wollen, daß durch die richtige Lehrerbildung in dem einzelnen Lehrer das Bewußtsein erweckt tverdc, daß er einem Ganzen angchört — dem Lehrerstande; und daß dieser — der Lehrerstaud — wieder berufen ist, immer höheren Gesammtheiten: dem Judenthume. dem Vaterlande, der Menschheit zu dienen. Der Lehrer muß ausgerüstet werden mit der Kraft, die Leben schafft. Ob er an einer Volksschule oder an einer Religionsschulc zu wirken berufen wird — er muß zu beiden ausgerüstet sein und das Bewußtsein in sich tragen, daß er überall Volksbildner ist; daß die Lehrer die Träger sind der „Krone der Lehre" in all' ihrem Thun, vom Anfang an. Wir sagen dies nicht dem richtigen Lehrer; denn der fühlt es in seinem Herzen. Und wer's nicht fühlen würde, für den wäre unser Wort nutzlos, — denn er wäre kein Lehrer! — Wir sagen cs nicht denjenigen, die durch ihr Leben und Thun, durch Charakter und Beispiel bezeugen, daß sie wissen, was sie sind und tvas sie wollen; die „trotz alledem" die Begeisterung pflegen, die aus ihrem Berufe quillt; die nichts sein wollen, als Lehrer! Wir sagen es denjenigen, die, leider auch eine große Zahl, — vielleicht die größere — des Lehrers Wirken gleich schätzen der Arbeit des Tagelöhners. Diesen sei unser Schlußwort gewidmet! Berliner Briefe. Bon B.—g. Es muß jeden um die Zukunft besorgten Freund des jüd, Religionsunterrichts freuen, zu sehen, wie - man seit einigen Jahren bemüht ist, denselben durch deiiProfangegcnständen entlehnte, methodische Behandlung innerlich zu heben und durch Wachrufung alles Interesses für das Judeuthuin und Erinnerung an seine große Vergangenheit die allgemeine, ihm gebührende Theilnahme wieder zuzuwenden. Dieses Bestreben zeigte ja auch die vorjährige Rabbinervcrsaiumlung und es ist der Grundton, der aus periodisch wiederkehrenden Versammlungen jüd, Lehrer hervvrklingt. In Ostpreußen hat die Regierung den ernsten Bemühungen der Rabbiner und Lehrer, die jüdische Jugend zum Erbe ihrer Väter zurückzuführen, den energischsten Vorschub geleistet durch die Mahnung an die Ellern, auf dieses erste aller Unterrichtsfächer ihre besondere Aufmerksamkeit zu richten. In der That war dieser Hinweis von solcher stelle, wie man den diesjährigen Berichten entnimmt, von, besten Erfolge begleitet. Auch an sehr vielen anderen Orten ist der Religionsunterricht zum Gegenstände von Erwägungen geworden, und wenn eine Besserung nicht gleich merklich wird, so werden sie doch nach und nach zum Ziele führe». So hört man von kleinen Städten in dieser Hinsicht manch Erfreuliches, Um so mehr muß man seine Verwunderung darüber äußern, daß die Reichshauptstadt so wenig Antycil nimmt an der Wiederbelebung des religiösen Sinnes und der religiösen Institutionen, Der Seltenheit der Nachrichten in jüd. Zeitungen nach, könnte man mit befriedigendem Stillschweigen darüber vorübergehen, Es ist dem aber keineswegs so, Ueber die thatsächlichen Zustände des Religionsunterrichts hiecselbit kann nicht genug gesagt und geklagt werden, denn sie entspreche» durchaus nicht der Wichtigkeit desselben für die Kcnntniß des jüdischen Lebens, die hier größer ist als in kleinen Städten, In letzteren haben nur Leute, die gänzlich mit der Religion gebrochen, die Beobachtung der jüd, Sitten aus dem Hause verbannt, die große Mehrzahl hält an dem von den Ahnen überkommenen Gute fest, der eine mehr, der andere minder. Der Einfluß der Gemeindemitglieder aufeinander ist nicht zu verkennen, jeder fühlt für das Wohl der Gemeinde und das Bestehen ihrer Anstalten zu sorgen sich mehr verpflichtet, als hier in der Riesenstadt, wo er seine eigenen Wege wandelt und der wohlthätigeu Einwirkung seiner Gemeindegenossen entbehren muß. Wer möchte bestreiten, daß letzterer Umstand ohne Folgen bleibt für die religiöse Erziehung? Hier überläßt jeder die Sorgen um das Gemeinwohl einem andern. Das religiöse Leben ist aus dem Hause verdrängt, selbst Leute, die die alte» heil. Einrichtungen theoretisch verehren und lieben, üben sie nicht, weil das weltstädtische Treibe» Hindernisse darin bietet. Während das Kind wo anders die Sitten und Gebräuche miterlebt und mitthut, muß es sie hier erlernen und kommen ihm wie eine fremde Welt vor, dort kennt es das religiöse Leben aus religiöser Praxis, hier soll es das Kind aus der Religionslehre kennen. Selbstredend ist die Religionsschule in letzterem Falle von größerer Bedeutung. Welch unglaubliche Erfahrungen man hier macht, die bezeugen wie wenig jüdischer Sinn in den Familien herrscht, wird den Kleinstädtern nicht begreiflich scheinen. Ein Beispiel aus der Erfahrung sei erlaubt: Ein 13 Jahr alter, ohne geringste Borkenntnisse zur Vorbereitung für die Lar mizwa übergebener Knabe, wußte nicht was eine Synagoge ist, hatte noch nie eine gesehen. Daß 13 jährige Knaben die Namen der Erzväter nicht kennen, ist nichts so außergewöhnliches.