Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 28. (9.7.1885)
- Date
- 1885-07-09
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 226 Die jüdische Presse hat die doppelte Pflicht, in dem Kainpfc, den wir Juden gegen unsere Feinde zu führen haben, vor Allein den Weg der Wahrheit und der Gerechtigkeit nicht zu verlassen. Auch den Gegnern gegenüber müssen wir gerecht sein und uns nicht in dieselbe Ungerechtigkeit > stürzen, deren sic sich gegen uns schuldig machen. Ist es! die Pflicht jedes einzelnen Juden, stets eingedenk zu sein,! daß für sein Thun die Gesainmtheit, wenn auch ungerechter j Weise, verantwortlich gemacht wird und er deshalb jeden > Anlag zu Chillul haschem vermeiden muß, so mutz die jüdische 1 Presse sich ihrer Verantwortlichkeit nach dieser Richtung hin um so mehr bewußt sein. Seien wir dankbar gegen die göttliche Vorsehung, wenn sie den Rath unserer Feinde und Verleumder zu uichte macht; aber vergessen wir niemals den Spruch des weisen Königs, daß wir uns über den Fall unserer Feinde nicht freuen sollen. Bielefeld. Metz." Der hochgeschätzte Herr Einsender wird uns nicht der Jndiscretion zeihen, wenn wir auch aus seinem Privatbrief an uns folgenden uns aus dem Herzen gesprochenen goldenen Worten hier eine weitere Verbreitung geben: „Den Antisemitismus unserer Zeit werden wir, wie zu allen Zeiten, am Besten durch Achten auf uns selbst, durch ruhiges bescheidenes Ausharren, nicht durch Wüthcn und Stürmen bekämpfen. Das alte Wort Mosc's: „Der Herr wird für Euch streiten" — gilt auch für unsere Zeit. Gerade in den Processen Tisza-Eßlar, Neustettin und Stöcke r hat sich dos Walten der Vorsehung vor aller Welt kund gethan und wieder sich bewährt das: *1ÖW stv" xbl Dir üb im In allen dreien hat nicht jüdisches Verdienst die Entscheidung herbeigeführt. In Ungarn war es der wackere Staatsanwalt, in Neustettin ein an sich gleichgültiger Formfehler, bei Stöcker sein eigenes Verhalten und zwar meistens in Dingen, die »ns nichts angingen." Was thnt uns Noth? Hiu Wort über Kekigionsunterricht. Von I. Klingcnftein in Lbcr-Jngelhcim. V. Es ist für mich, in der Schule wie im Leben, stets verletzend, wenn die kleinen und großen Kinder ihre kritische Weisheit gegen die Bibel auskramen und die Wundererzählungen oder dergl. mit einigen abgedroschenen Phrasen bemängeln, die der Herr Realschüler oder die „höhere Fräulein Tochter" irgendwo aufgelesen. Derartiges wird der rechte Lehrer nicht beantworten und gegebenen Falles mit ernst strafender Rede abweisen. Man wolle uns nicht verkennen. Wir wollen, daß der Lehrer ein wcann fester Ueberzeugungen sei, frei im Denken, frei im Handel. Wir gehören sicher auch nicht zu denjenigen, denen das Wunder „des Glaubens liebstes Kind" ist. Wir haben uns am wenigsten in unserem Leben mit jenen müssigen Fragen beschäftigt, wie die Wunder „natürlich" zu erklären sind. Wir haben gar nichts übrig für derartige vft selbst „sehr wundersame, thörichte Deutungen." — Das Judenthum, die jüdische Lehre und das jüdische Religionsgebot beruhen nicht auf dem Buchstaben- und Wunderglauben") nicht auf unvernünftigen oder gar wider vernünftigen Dogmen.**) Mit all dem hat sich die Schule nicht zu beschäftigen; sic darf *) Letzteres betont bekanntlich auch Maimonides. **) Die Vernunstgemäßheit unserer Religionslchrcn hebt schon Moses als besonderes Charakteristikum des Jndenthums hervor: NT! '2 conaanes nicht. Es ziemt sich nicht, daß wir die Autorität der Bibel mit unserer eigenen Autorität zu decken suchet,. Wenn wir in den biblischen Geschichten, in den Weisheitssprüchen dieses der Menschheit aller Zeiten heiligen Buches, in den begeisterten Anrufungen eines Jesaias, Jeremias oder Joel, eine schöne, ewige menschliche Bedeutung ausgedrückt sehen, so schöpfen wir für uns und unsere Kinder aus dieser Quelle, aus dieser Offenbarung des Gottesgeistcs, die ihre Wahrheit und Autorität in sich selbst hat. Wir wollen dann nicht, daß sie um ihrer Umhüllung Willen bekrittelt werde. Was sich aber für unser sittliches, geistiges und religiöses Leben unfruchtbar erweist, das übergehen wir mit gutem Gewissen. Damit genügen wir unserer Pflicht. Der Zwiespalt, von dem die Gelehrten sprechen, besteht nicht für den verständigen Lehrer. „Es wächst und erhält sich nichts Organisches ohne Schale und Rinde. Wenn einmal Mehl und Wein gemahlen und gekeltert vom Ackerfeld in Truhe und Faß sich ergießen, dann wollen wir auch „reinen Geist" pflanzen." ***) Es ist eilt anderes, wissenschaftlich zu lehre» und zu sprechen und wieder ein anderes Kinder zu belehren und zu unterrichten; sie zur Sittlichkeit, zur Religion zu führen. Und weil man nicht lehren kann, was man nicht genau weiß, darum verlangen wir, daß unsere Lehrer mit den Lehren, mit der Geschichte und dem Schriftthum unserer Religion, soweit diese für die Lehre bedeutsam, für die Gegenwart und Zukunft wirksam und inhaitreich sind, vertraut gemacht werden. Der jüdische Lehrer muß die heilige Schrift kennen; es darf ihm auch das spätere, rabbinische Schriftthum nicht ein „Buch mit sieben Siegeln" sein. Darum braucht und soll er deswegen doch nicht das sein, was er eben nicht sein kann: „ein rabbinisch Gelehrter!*)" Ermaß sie, die biblischen Schriften, aber auch unterrichtlich zu behandeln wissen. Darum wollen wir, daß der Religionslehrcr pädagogisch durch und durch gebildet sein. Nur der anschauliche, naturgemäße Unterricht wirkt erziehlich. Das Abrichten auf das Schulfach oder gar auf einen einzelnen Unterrichtsgegcnstand, wie es in vielen Lehrerbildungsanstalten noch üblich zu sein scheint, muß ein Ende haben, wenn die Lehrer ihrer Aufgabe genügen, Bildner und Erzieher des Volkes sein wollen und sollen. Nur die vollkommene Bekanntschaft mit dem Gegenstände verbunden mit erziehlicher und untcrrichtlicher Eckenntniß befähigt zu ersprießlichem Wirken. Die Pädagogik ist die Wissenschaft von der Entwicklung des Kindesgeistes, und so wenig ein Sämann Früchte zu erzielen vermag, wenn er die Natur des Bodens und die richtige Zeit zur Aussaat nicht beachtet, so wenig kann der Lehrer wirken, wenn er auch das sachlich beste Wissen hat, so lange er den Boden seiner Aussaat —■ die Kindesnatur — nicht kennt. Es giebt wohl verschiedene Methoden, die bei guter Anwendung gleich gut sein mögen, aber — sie müssen eben doch „Methoden," d. h. auf allgemein pädagogischer Erkenntniß und Erfahrung gegründet sein; und es giebt in Wahrheit nur eine Pädagogik: — richtige Erkenntniß der Kindesnatur und deren Entwicklung. Kenntniß der Individualitäten und Kenntniß der Unterrichtsobjekte, das sind nur die Strahlen dieser eine» Pädagogik. Wir können darum auch nicht zugeben, daß es genügend sein würde für den Religionslehrer, ihn bekannt zu machen mit dem Inhalte und mit der Methodik blo s des Religionsunterrichts. Wenn die religiöse Erkenntniß und deren Bethätigung im Leben „des Lebens und Wissens Krone" sein; wenn sie den ganzen Menschen, sein Denken, Fühlen und Wollen, erfassen soll, so muß der Religionslehrer ein durch und durch gebildeter, ein ganzer Lehrer sein! Schon um *) Wir haben denselben Gedanken einmal in einer Homilie also ausgesprochen: .. . So lange wir selbst nicht „reine Geister," sondern Geist lm Gesäße des Körpers sind, so lange werden wir den Geist der Religion nur durch dar Medium von Ccremonien und Symbolen erfassen; mmia m-nilCI nirrnn ranwwo „wenn die Formen zerbrochen werden, fliegt der Geist gleich einzelnen Buchstaben haltlos ln der Luft umher." <R°°.)