Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 27. (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 221 Dieser Beschluss dürste besonders nach zwei Richtungen wohlthätigc Folgen haben. Lesters mussten junge Leute, die für die Ausbildung zum Eanlorat — die eine Aufgabe der Lehrcr-Bildungsanftalt — wohl befähigt und vorbereitet waren, wegen mangelhafter allgemeiner Bildung zurückgewiescu werden. Aber auch Aspiranten, die in Volks- und höheren Schulen sich eine allgemeine Bildung erworben hatten, erwiesen sich nicht genügend vorbereitet. Sie entbehrten der grade für ein Lehrer-Seminar und insbesondere für ein jüdisches erforderlichen Bvrbildung. Durch die neue Einrichtung ermöglichen die Gemeindebehörden beiden Kategorien von Aspiranten eine zielbewusste und gleichmässige Vorbereitung. Deshalb ist ihr Beschluß mit Freuden zu begrüßen. Aerki», im Juni. Aus vem kürzlich erschienenen Jahresbericht des Reichenhcim'schen Gemeinde-Waisenhauses pro 1884 entnehmen wir folgende Mittheilungen: Die Anstalt war während des abgelanfcnen Jahres von 70 Zöglingen, nämlich 46 Knaben und 00 Mädchen sreguentirt, deren Gesamml- Unterhaltnng re. 48008 Mk. 70 Pf., mithin pro Kopf 040 Mk. 65 Pf. absorbirte, unseres Erachtens Angesichts der großen Zabl der Zöglinge, die bekanntlich auf die Unterhaltung des Einzelnen günstig cinwirkt, ein etwas hoher Betrag, wenngleich schon geringer als im Vorjahre. Uns scheint dieses ei» Punkt zu sein, der die sorgsamste Erwägung der Verwaltung verdient, zumal der Anstalt ein nicht unbedeutender jährlicher, elatsmäßiger Zuschuß — pro Jahr .23400 Mk. — ans Gemeindemiltcln zuflicßt. Beispielsweise steht die Bekleidung mit 0638 Mk.—88 Mk. pro Kopf, Reinigung der Wäsche mit 2332 Mk. — 30 Mk. pro Kopf zu Buch, welche Betrüge unseres Erachtens Ersparnisse wohl noch zulasscn. Man halte sich stets vor Angen, daß jeder erübrigte Pfennig berechtigter Roth zu gute kommen würde. Der Anstalt sind auch im Berichtsjahre von Wohlthätern und Freunden unerhebliche Spenden und kleinere Stiftungen zugcflvsscn, so von Herren Moritz Laster in Golveston (Texas) unter der Bezeichnung „Eduard Laster - Stiftung", 625 Mark, deren .Zinsen alljährlich am 5 Januar — dem Sterbetage '<2. Ls. — einem strebsamen Knaben der Anstalt zufließcn sollen, von Herrn Geh. Sanitätsrath Or. Oestreich 3000 M. als Grundstock einer zu gründenden Aussteuer-Stiftung für weibliche Zöglinge; ferner 1200 Mk. von Frau Sanitätsrath Marcuse, deren Zinsen jährlich ei nein Zögling zufallen sollen. Circa 1200 M. in kleineren Posten zur Verthcilung an einzelne Schüler bezw. Ueberweisung auf deren Sparkassenbücher durch den Herrn Dircctor. Auch erhält jedes Kind an seinem Geburtstage durch die Güte eines ungenannten Menschenfreundes je 3 M. für sein Sparkassenbuch. An Geschenken fürRcise- und Gesundheitszwecke wurden 1410 M. insgesammt gespendet; an Gaben für Vergnügungen der Zöglinge und für außergewöhnliche Unterrichtszwecke, besonders Musik, ca. 1000 M., außerdem wird auch für einzelne Zöglinge, welche auf besonderen Wunsch höhere Lehranstalten besuchen, von einzelnen wohlthätigen Privaten das Schulgeld bezahlt. Von den im Laufe des Jahres aus der Anstalt entlassenen Zöglingen hat eine (17 Jahre alt) als Buchhalterin Stellung gefunden, die zweite die Schneiderei erlernt. Daß fünf entlassene Knaben sich sämmtlich dem Kaufmannsstande zugewandt l>aben, soll durch den Zusatz „den sonst befolgten und erstrebten Zielen zuwider" gewissermassen entschuldigt werden. Aus Hberschkellen 26. Juni. (Or.-Corr.) Jüngst wurde in der „Wochenschrift" die Thatsache berührt, daß dem Rabbiner in Schildbcrg, als einem nicht naturalifirtcn Ausländer, von der Behörde jede amtliche Funktion untersagt wurde. Ein ähnliches Verhängnis; droht einer oberschlesischen Groß-Gemeinde, deren Wahl vor etwa 10 Monaten ans einen nicht naturalisirten Ausländer fiel. Wenig- ,teils hat die Regierung bisher die Bestätigung versagt, obgleich sehr einflußreiche Personen an höchster entscheidender Stelle wiederholt auf das Nachdrücklichste sich interessirt haben, einen günstigen Bescheid der Regierung in Oppeln herbeizuführen. Man verspricht sich von der der hohen Behörde übersandten Rede dieses Rabbiners, welche er am Geburtstage des Kaisers gehalten und welche seine patriotische Gesinnung in das schönste Licht setzt, einen günstigen Erfolg. Gegen andere Cultusbeamten ist die Behörde bereits sehr entschieden vorgegangcn. Seit Monaten fnngirt z. B. in Rybnik ein Cantor und Schächter nur provisorisch, weil dem Gemeindc-Cantor und Schächter jede amtliche Thätigkeit untersagt wurde. — Sehr sonderbar ist es neulich dem Gesammt-Vorstandc der Gemeinde Kattowitz ergangen. Er wurde ans eine Denunciation hin in Anklagezustand versetzt und hatte sich darüber zu verantworten, warum er einen nicht naturalisirten Ausländer als Gemeinde-Beamten fnngiren lasse. Dieser Fall bezieht sich auf den zweiten, aus Galizien stammenden Schächter. Der erste ist schon seit Monaten nicht mehr im Amte. Jedes Mitglied des Vorstandes wurde mit einer Geldstrafe von 60 Mark belegt, weil der Schächter schon einige Zeit vor der Anmeldung bei der Behörde amtlich thätig war. Dem zweiten Schächter ist nunmehr aufgegeben worden, im Laufe der nächsten Woche seine Naturalisation zu bewirken, falls er weiter im Amte verbleibe» dürfe. In derselben Stadt sind in den letzten Tagen 13 ans- Russisch-Polen eingewanderte Familien ansgewiesen worden. Diese Familien rccrutiren sich zumeist, wenn nicht gar ausschließlich, ans Glaubensgenossen. Einige derselben wohnen schon seit 10 Jahren und darüber in Kattowitz, woselbst sic mir gutem Erfolge Geschäfte betrieben und sich auch sonst Nichts zu Schlilden kommen ließen. Die Ausweisungs-Ordre kam so plötzlich und wurde so schnell vollzogen, daß Manche ihre geschäftlichen Angelegenheiten nicht gehörig regeln konnten. Ihre Ueberraschung und Bestürzung war keine geringe. A. L. Dresden. 26. Juni. (Or.-Corr.) Vorgestern feierte das Rechtsanwalt Emil Lehmann'sche Ehepaar das Fest der silbernen Hochzeit. Seit Jahrzehnten in echt freisinnigem Geiste in hervorragend-erfolgreicher Weise thätig, nicht nur im engen Rahmen der Geineinde und Stadt, der er angehört, sondern aus dem weiten Gebiete einer neuzeitlichen Gestaltung der Gemeindeorganisativn überhaupt, ihrer Institutionen, ihres Verbandes, wie ihrer Rechtsstellung, zur Seite eine hochgebildete, wohlthätige, allgemein verehrte Gattin, wie konnte eS da fehlen, daß die Theilnahme an diesem Familienfeste eine überaus rege war. Geschmackvolle, reiche Geschenke, bestehend in Silber, Kunstwerken, Handfertigkeiten, ein wahrer Blumengarten, sich unaufhörlich ablösende Gratulanten, zahllose Briefe, Karten und Telegramme gaben hiervon Zcugniß. In beredteren Worten, als die Feder des Schreibers es vermag, verliehen die Sprecher der Deputationen ihren Gefühlen Ausdruck. Der Gemeinderath (Sprecher: Oberrabb. vr. Landau, Vorsteher Jos. Bondi und Deput. Mchrländer) überreichte Namens der Gemeinde einen werthvollen, reichhaltigen Silberschrank und ein künstlerisch ausgeführtes Album mit den CabinetportraitS sämmllicher Betheiligten. Die Deputation der Loge „Zu den 3 Schwertern und Asträa zur grünen Raute" (Sprecher: Der Meister vom Stuhl, Herr Hofschauspicler Walther) brachte Rosen in prächtiger Form: die des isr. Frauenvcreins (Fr. Cl. Hirsch mann) 1000 Mark zur Begründung einer Hermine-Stiftung, einen prächtigen Teppich und eine überaus kunstvolle Widmung; die Gcmeindebeamten (Sprecher: Oberkantor Bend irrer). „Der Brllder-Berein," dessen Ehrenmitglied der Jubilar ist, (Kaufm. Josky) eine kalligraph. schöne Adresse, desgleichen eine von dentsch-israel. Gemeindebunde und von Familienmitgliedern. Von den zahlreichen Ehrengaben heben wir hervor: 2 Lehnsessel (vom Herrn Oberrabbiner), ein großes Oelgemälde, Lorbeer- und Myrrhenbäume, kunstreiche Handarbeiten, eine Compositivn vom Oberkantor Wolssohn. — Es fehlten auch Gratulanten anderer