Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 27. (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9586215-9584842--5803-9584846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Poti 1× ep/1561185
OCR text
¥ — 220 — MMräumung des Chomez im Einzelnen zu sprechen in der Schule! Das überlassen wir dein Hause, dem Leben! Der Schulchan-aruch mag Richtschnur sein für das Leben im Hause, — für die Schüler und die Schule ist er es nicht. *j Und die Rcligionsgeschichle? Tic Wundererzühlungen in der Bibel? Wir erzählen sic, wie sie znm Berständniß des Zusammenhangs nothwendig sind. Wir verweisen unsere Kinder auf das Wart der Bibel. Aber wir werden diese Wundergeschichtcn nicht gecade als Belegstellen für religiöse Lehren wählen. Wir werden ebcnsawenig den Glauben und die „allzuwörtlichc" Anerkennung für diese Darstellungen der Bibel in diesen Beziehungen über Gebühr als Glaubenslehren unbedingt fordern, noch auch den Wunderglauben an und für sich verhöhnen oder auch nur stören! Es genüge, zu sagen, daß diese Geschehnisse und deren Darstellung uns zu ferne liegen und für die Religiosität im Grossen und Ganzen nicht bedeutungsvoll genug sind, um den religiös-sittlichen Gehalt der Religionslehrc und der Bibel merklich beeinflussen zu können. Auf Contrvverscn oder auch auf jene widerliche spielende Erklärung der Wunder werden wir uns als Lehrer »immermehr einlassen und überall, wo möglich, das zu vermeiden suchen, was die GemüthSruhe der Kinder stören könnte. Dem Lehrer sagen >vir damit nichts Neues. — Es kann nicht die Ausgabe dieser Abhandlung sein, in die allerdings hochwichtige Erörterung über diese Frage hier noch näher enizutreteil. Das Eine aber wissen wir: Der einsichtige und gewissenhafte Lehrer wird immer den rechten Ausweg finden. Er wird den Zwiespalt des Geistes und Herzens im Kinde nicht anskvmmcn lassen. Er ist Lehrer unschuldiger Kinder, er soll nicht Streit und Kampf Hervorrufen und den Frieden stören in dem Kinde selbst, in der Familie, iit der Gemeinde. Er ist auch nicht Lehrer einer religiösen Anschauung, einer Partei, einer religiösen Richtung! Er ist Lehrer der Religion Israels und für sein Thun und seine Lehre dem höchsten Richter verantwortlich. Er wird sich immer das Wort nnn 0"03n vor Augen halten, das wird ihn leiten und schützen vor Abwegen. Solche Erkenntnis thul uns Rotb. Und nun zum Schlüsse noch ein Wort von den Lehrern und für dieselben. Gerichte und Correlpondemer». Deutschland. Magdeburg. Wie das berühmte Wort des Kronprinzen, mit welchem er die ganze antisemitische Bewegung als eine „Schmach für Deutschland" bezeichnet, zu einem „geflügelten" geworden, so jetzt eine Acnßening desselben hohen, gcrechtigkeittiebenden Herrn über Stöcker. Die in Halle erscheinende „Saale-Zeitung", der wir die kleine Geschichte nacherzählen, erklärt, dieselbe von „zuverlässiger Seite" zu haben, niid nach den sonstigen Acufierungen des Kronprinzen über die Stöcker'sche Agitation hat man auch keinen Grund, die Richtigkeit dieser Mittheilung zu bezweifeln. Dieselbe lautet: Ein Geistlicher in dein Torfe B. bei Potsdam, der früher als Missionar in Amerika gewirkt hak, tvird von unscrem Kronprinzen hin und wieder besucht. Eines Tages fragt auch der liehe Herr, ob der Geistliche mit den kirchlichen Verhältnissen Tentichlands zufrieden sei. Freimüthig antwortet aber der Pastor: „Nein, Kaiserliche Hoheit! Verschiedene Bestrebungen, die seht in unserer Kirche *) Halt! Hier geht uns der geschabte Pädagoge aus lauter Friedensliebe etwas zu weit. Nur die Tbora, die schriftliche Lehre, zur einzigen Grundlage des Religionsunterrichts machen, hiebe die Kinder zu „Karäern" erziehen. Tic mündliche Lehre, die traditionelle Erklärung, muh mitberiicksichtigt werden. Ja ie weniger seht das Kind im Hanse die Religionsbränche üben sieht, desto mehr muh die Schule cs als ihre Aufgabe betrachten, dem Kitidc die nöthigen Eeretnonie» und die Sin Weisungen für die religiöse Praxis mitzugcben. Freilich damit stimmen wir mit dem H. Vers, überein, dah der Lehrer nur zu lehren und diejenigen nicht zu verdammen oder als Sünder hinzustellen bat, die all dies nicht beobachten. Er hat den Kinder» nur zu sagen: das und das lehrt unsere Religion, seht wie herrlich diese Lehren, tvie sinnig ihre Vorschriften sind. Heil dem, der allen ihren Ansprüchen gerecht zn werden vermag n. s. >v. — oder ähnlich. (hieb.) zu Tage treten, besonders das agitatorische Vorgehen meines Amtsbruders, des Hofpredigcr Stöcker, gefallen mir gar nicht: ich seltne rnich wieder in meine frühere» Verhältnisse zurück." Ein Lächeln zuckt über das edle Gesicht des leutseligen Hcrrtl. „Bleiben Sie nur hier, Herr Pastor, Ztöckerschc Verhältnisse können »ich, ewig bestehen," lautete die tröstliche Mahnung des Kronprinzen. Wir bemerken, daß diese Worte deS Kronprinzen aus einer Zeit stammen, da Stöcker noch nicht mit dem gerichtlich erwiesenen Makel eines fahrlässigen Meineides behaftet war! Daß cs auch an Solchen nicht fehlt, die Herrn Stöcker in dem großen Leid, das über ihn gekommen, durch Beileidsadreficn und BertrauenSerklärnngen zu trösten und zu ermuthigen suchen, ist im Grunde selbstverständlich. Allein das Stärkste in dieser Beziehung leistet die Vertrauensmättner- Versammlung des christlich - socialen Bauernvereins für die Ostpriegnitz. In der von ihr veröffentlichten Erklärung heißt cs: „Wir erkennen in dem Herrn Hofpredigcr Stöcker einen Propheten der Wahrheit, wie unsere evangelische Kirche nnr wenige gehabt hat: wir lieben ihn als einen wahren Volksführer. der durch die Wahrhaftigkeit seinerGesinnung n s.w.wir bitten ihn nicht müde zn werden, auch wenn die Schlacht nm die Wahrheit noch Heister entbrennen sollte: wir geloben ihm unwandelbare Treue in diesem Kampfe für Ehristenthnm. Wahrheit, Freiheit. Recht und Ordnung." j Mehr kann mau billigerweise nicht verlangen.! Anders spricht sich die in hohem Ansehen stehende, vom Diaconus Just redigirle „Schlesische Kirchenzeitung" über den : Proceß Stöcker ans. Das Blatt schreibt n. A.: ) „Es ivar wahrlich kein schönes Charakterbild, das der weit-! liche (Gerichtshof von einem Manne entwarf, welcher sich so oft als den eigentlichen Beruhter des Ehristenthums geberdet hat, welcher von der brandcnbnrger Provinz'alnmode .nun Bieeprändcnten cr- > nannt wurde, der aus Pastoralconserenzen zu dem von (tfott legitimirten Parteiführer proclamirt wurde, in dem mau die gegenwärtig i herrschende kirchliche Richtung verkörpert zu sehen gewohnt ist. Der! (Gerichtshof constatirte. dast sich der Hofprediger Stöcker in kolossalen Widersprüchen bewegt habe, dast seine Behauptungen mit den er-! nüttelten Tbalsachcn nicht im Einklänge stünden: dast er Andersi gläubige wegen ihres Glaubens schwer gekränkt: ia einen evangü-! lischen Amrsbruder ans Rachsucht und verlegtem Ehrgeize habe deleidigen lassen: endlich, dast sein Auftreten vor Gericht mindestens j leichtfertig sei Ja, der Staatsanwalt mrist sogar erklären, dast Stöcker einen Meineid geschworen habe, wenn auch nicht einen! strafbaren. Dies alles znsammcngenommen, nnrst aus die Persönlich- > keil Stöckers trübe Schatten, die dadurch nicht gemildert werden, dast gesagt wird, es habe nicht der .Hofprediger, sondern der poli | tisck)e Agitator vor Gericht gestanden. Beides lästt sich nicht trennen.! Der Gerichtshof hat immer vom Hofpredigcr gesprochen, und Stöcker l selbst hat bei seinem öffentliche» Auftreten immer seinen Charakter als .Hofprediger Sr. Majestät betont. Bon einem evangelischen | Geistlichen verlangt man auch ans der politischen Arena ein anderes Auftreten, als von jedem Anderen, Wenn die Gesinnungsgenossen Stöckers dennoch fein Auftreten correct finden, ihn wegen des Procesfeö als Verfechter von Recht und Wahrheit preisen, ja, ibm zu Ehren geistliche Lieder anmmmcn und Stöcker daraus geistliche Ansprachen hält, in denen er sich als die verfolgte Unschuld, als das von der Welt verkannte Werkzeug Gottes ausgiebt, so beweist das eben nnr, dast bei ihm und seinen Anhängern das, was voll" tisch nügt. mehr gilt, als was sittlich gut ist: dast die Poti li filmen über die Neligion geht. Es fragt sich aber, ob nach solchen Vorgängen unsere hohe Kirchenbehörde der Ansicht sein wird, dast die politische Agitation Stöcker's unserer evangelischen Kirche Ruhen bringt: ob sie zulassen wird, dast die confervative Partei zum Schaden des geistlichen Standes sich ferner der evangelischen Geistlichen als Agitatoren bedienen darf. Rach unserer Ueberzengnng ist der Proceß Stöcker ein Gericht gewesen über daS politische Treiben der orthodoxen Geistlichen. In ihrem J-ührer sind sie gerichtet. Und daS ist das Gute an dein Prvecst'e." Und Hofprcdiger Stöcker selbst? In seiner aus das vom Antisemitcnbund ihm gesandte Zustimmungstelegramm an Herrn Picke»bach gerichteten Antwort sagt er u. A.: „Schon jetzt habe ich die Hoffnung, daß der widerwärtige Proceß der guten und großen Sache, welcher mir dienen, nicht schaden, sondern nützen wird." Welch' eitle SclbstoerölcnSung! Merkin, im Juni. (Or.-Corr.) Wie wir ans zuverlässiger Quelle vernehmen, haben die hiesigen Gemeindebchörde» beschlossen, mit der Lehrer-Biidungsanslalt in nächster"' Zeit eine Präparandenklasse zn verbinden. ■