Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 27. (2.7.1885)
- Date
- 1885-07-02
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 218 — daß ein Jndiffcrentismus und Pessimismus in den Gemüthern Platz ergriffen Hatz der sich keinem Unternehmen, welches dem Wahle des Judenthums, speciell des deutschen Judenthums, gewidmet ist, förderlich zeigt. Es ist nicht zu leugnen, daß daran auch zum großen Theile die allgemeine geschäftliche Misere Schuld ist, welche Muth und Vertrauen geraubt hat, und tvclche für ideale Zwecke den Sinn fast ertödtet und — de» Geldbeutel verschlossen hat: denn, auch die größten Verächter des „schnöden Mammon" werden zugcben müssen, daß ohne die uothwcudigc materielle Unterlage selbst Bestrebungen, welche lediglich den höheren Aufgaben der Menschheit dienen, heute tvenig Erfolg und Dauer versprechen. Auf der andern Seite hält die Besorgniß, den antisemitischen Anklagen und Anfeindungen neuen Nahrungsstoff zu geben, viele davon zurück, solchen Anregungen zu folgen, die an sich ja den Interessen des Judenthums dienen sollen, aber von den Feinden desselben als weitere Mittel zur Förderung der „egoistischen, herrschsüchtigen Aspirationen" des Judenthums angesehen und verdächtigt werden können, und dies ist ein Factor, der in Rechnung gezogen werden muß, man mag noch so sehr auf dem Standpunkte stehen, daß in inner» jüdischen Angelegenheiten dergleichen Rücksichten auf Außenstehende nicht maßgebend sein solle». Wenn wir also auch den Bemühungen um Herstellung eines festeren Verbandes der deutschen Juden volle Anerkennung und die höchste Sympathie cntgegcnbringen, so sind wir dennoch der Ansicht, daß cs nicht zweckmäßig, nicht opportun ist, im gegenwärtigen Zeitpunkte diese Sache in Angriff zu nehmen, sondern daß wir warten müssen, bis die Verhältnisse in Deutschland dafür günstiger geworden sind, bis Handel und Wandel sich gehoben und damit mehr Zuversicht und Unternehmungsgeist in den Gemüthern wieder eingekehrt sind, bis die antisemitische Hochfluth sich verlaufen und in den autoritären Kreisen Deutschlands die Stimmung für die Juden eine etwas tvohlwollenderc geworden ist. Ehe das letztere nicht eingctreten ist, wird auch keine „israelitische Allianz in Deutschland" im Stande sein, zu Gunsten bedrängter Glaubensgenossen im Auslande irgend welchen Einfluß auszullben. Daß aber so lange, bis dies geschehen, die Juden in andern Ländern, wie Frankreich und England, wo sie trotz ihrer Minderzahl in den höchsten Civil- und Militürümtern thütig sind, und wo ihre Stimme auch bei den vorurtheilslosen Landesregierungen ein bedeutendes Gewicht besitzt, die Geschäfte der Alliance israeliie zu leiten berufen sind, ist ja ganz natürlich. Wenn erst in dieser Beziehung Deutschland hinter jenen Ländern nicht mehr zurückstehen wird, dann werden die patriotischen Empfindungen nicht länger in den Hintergrund zu treten brauchen vor Gründen der Zweckmäßigkeit, dann wird es auch in Deutschland und speciell in Berlin nicht an Männern fehlen, die mit Umsicht und Geschick die Leitung des Ganzen in die Hände zu nehmen verstehen werden. Wenn uns also ein Mißerfolg unter den heutigen Umstünden fast unvermeidlich zu sein scheint — was der Sache des deutschen Judenthums nur schaden könnte — so hoffen wir dagegen von der Zukunft das Beste und wünschen nur, daß ein Jeder in feinem Wirkungskreise diesem Ziele thatkräftig und unermüdlich entgegenarbeiten möchte. Daß dieses Ziel in nicht allzu langer Zeit erreicht werden wird, dafür bürgt uns der gesunde, praktische und doch auch höheren, idealen Bestrebungen zugängliche Sinn der deutschen Judenheit. „Unsere jüdischen Lehrer-Seminare" so lautete ein Leitartikel, den wir in unserer Schabuothfest- Rummer vom 21. Mai c. brachten und mit den Worten einleiteten: „Was gäbe eS zum Feste der Religionsoffenbarung für ein geeigneteres Thema, als Wort über die Lehranstalten unserer Religion? Unsere Rcligionsschule liegt im Argen — daS ist eine These, die, wie selten eine, cinstimniig von Allen zugegeben wird. Unsere Rcligionsschule ist ein Uranker, und alle, Rabbiner, Lehrer re., die sich um Hebung derselben bemühen, sind die Aerzte, die sie heilen wollen." Im weiteren Verfolg führt der von sachkundiger Hand geschriebene, von heiligster Begeisterung für die Hebung der jüd. Religionsschnlcn dictirte Artikel recht gründlich aus, daß die jüd. Lehrerseminare selbst wohl den größten Theil der Schuld an dem Verfall unserer Religionsschulen hätten, die jüd. Lehrer lernten nicht Religion lehren, es mangle an tüchtigen jüd. Pädagogen. „Man nenne uns," so heißt es u. A. darin, „einen, der in der Pädagogik von der Bedeutung wäre, wie etwa Traube in der Medicin, Steinthal für Sprachwissenschaft u. s. w., u. s. w." Statt einer rein sachlichen Widerlegung jenes sicherlich zeitgemäßen Artikels erhielten wir durch Herrn Or. Stein, Scminardirigcntcn in Cassel, eine „Erklärung" von einigen jüdischen Seminardirectoren, eine Erklärung, die so nichtssagend ist und doch gar Vieles erklärt, daß wir sie — obwohl sie thatsächlich nichts berichtigt und darum einen berechtigten Anspruch auf Abdruck gar nicht hat, ja, wegen ihrer injnriösen Unterstellung eigentlich direct in jenen neben dem Rcdactionstisch stehenden unersättlichen Korb wandern müßte, von dem es keine Rückkehr gicbt, — dennoch, um beiden Theilen gleiches Recht werden zu lassen, dem Verfasser jenes Artikels in Nr. 21 zujandten, mit der Anfrage, ob er etwas dazu zu bemerken habe. Hier seine Antwort: „Von der Rcdaction erhalle ich nachfolgende „Erklärung" zugeschickt, um meine Bemerkungen dazu zu machen. Die Erklärung lautet: „Die gcbässigcn (?) Jnvectiven gegen nns in 9h'. 21 der „Israelitischen Wochenschrift" erwidern wir mit Berachtnng. Wir bedauern nur, dah ein jüdisches Blatt*) dem Ansdruck einer solchen unwürdigen (?) Gesinnung seine Spalten öffnet und dazu beiträgt, auch noch den legten Rest von Pietät im Judcnthum zu zerstören. Or, Stein, Dirigent des isr. Scnünars zu Kassel.**) •Dicin Gott, was soll ich dazu bemerken? Eine Satyrc möchte ich nicht schreiben, denn nun handelt es sich nicht mehr um die Sache, sondern um Personen, und neben!"IÖK steht auch 13HX 017211! Difficile est satyram non scribere — ich will sehen, ob ich dieser Schwierigkeit gewachsen bin. Ich bemerke also zu den vier Kraftausdrücken der Erklärung : 1. „Gehässige Jnvectiven" hat mein Artikel nicht enthalten, so wenig, wie man — si lioet parva componere magnis — dem Propheten Jesajas gegenüber von gehässigen Jnvectiven reden konnte, wenn er sagte: 01710 12 s'X 2’m 171 Sn °120. Er wollte heilen: das wollte ich auch. Die Kranken sollten den Arzt aufsuchcn: Die Herren Seminar-Directoren sollten in sich gehen. Namen habe ich nicht genannt. *) Ein jüd. Blatt, das die religiösen Interessen des Judenthums vertritt, und ein ganz besonderes Augennierk aus die jüdische Schule richtet, ist allerdings verpflichtet, alle Mängel, die ans diesem Gebiete an's Licht treten, als solche zu bezeichnen und Jedem, der Vorschläge zur Abhilfe bringt, das freie Wort zu gewähren. (Red.) **) Die Name» der anderen Herren fühlen wir uns nicht berechtigt, mit abzudrucken, so lange sic diesen Wunsch uns nicht direct mit eigener Unterschrift zu erkennen gebem (Red.)