Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 26. (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- Seite 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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214 — lDärc.*) Ich bin wenigstens nicht im Stande, aus der offiziellen Maßnahme des Ausschusses — und darauf kann es a l l e i n ankomnien **) — ein solches Verfahren zu constatiren. Man braucht ja nicht mit allen Schritten des Ausschusses einverstanden zu sein — ich selbst bin z. Sö. gegen die Bcrathung und Feststellung eines Normalplans für den Religionsunterricht gewesen, weil ich von vornherein fürchtete, daß auf diesem Gebiete Reibungen zwischen den verschiedenen Parteien eintreten und doch auch ein practisch verwerthbares Resultat nicht herauskommen würde — allein ich habe einen solchen Umstand niemals für einen irgendwie ausrichtenden Grund gehalten, meine Thatigkeit — ich bin Bundesdelegirter — dem Gemeindebundc zu entziehen und seine Bestrebungen meine Sympathie zu versagen. Allerdings gehören zur Zeit, einschließlich des ostpreußischen Verbandes, erst gegen 270 jüdische Gemeinden dem Bunde an, allein unter diesen befinden sich gerade die größten Gemeinden Deutschlands, wie Berlin, Breslau, Hamburg, Frankfurt am Main, Cöln, Hannover, Königsberg, (?) Leipzig, München, Fürth und andere mehr. Wollte man sich der Mühe unterziehen, die Seelcnzahl der zum Bunde gebörigen Gemeinden zusammenzurechnen, so würde sich vielleicht Herausstellen, daß fast die Halste der Juden Deutschlands im Bunde vereinigt sind. Hierbei dürfen allerdings die Juden des Reichslandes nicht mitgezählt werden, da einerseits die Juden Elsaß-Lothringens durch die historische Entwickelung der übrigen deutschen Juden zu fern stehen, andererseits dieselben eine so vorzüglich geordnete, gesetzlich gewährleistete Organisation besitzen, daß für sie kein Bedürfniß vorliegt, sich dem Gemeindebunde anzusch i ießcn. Es ist ohnehin sehr anzucrkenncn, daß aus mehreren deutschen Ländern, in denen gleichfalls eine mehr oder weniger geordnete gesetzliche Regelung der jüdischen Angelegenheiten besteht, wie z. B. Baden, Würtcmberg, Hessen, Provinz Hannover, eine Anzahl Gemeinden und zwar die Hervorragendsten dem Bunde angchören. Dagegen glänzen Mecklenburg-Schwerin und Schleswig-Holstein durch ihre Abwesenheit und aus der sonst vielfach betheiligten Provinz Posen fehlen die beiden Hauptstädte Posen und Brvmberg. Es zeigt sich demnach, daß der Bund, trotz den für jeden Kundigen so nahe liegenden überaus schwierigem Verhältnisse, doch schon eine große Ausdehnung und Bedeutung gewonnen hat. (Schlich folgt.) Oesterreicb-Ungarn. Aus Mähren. (Schluß.) Die Gemeinden verwahrlosen immer mehr, über 20 sind ohne Rabbiner, weil die Halbbildung das Schlagwort von der Hierarchie aus die jüdischen Verhältnisse anwcndet, uni auch liberal zu sein und vergißt, daß ein armer Rabbiner (und es giebt in Mähren neben solchen, die 400 fl. Jahresgehalt beziehen, auch solche, denen man den Gehalt monatelang schuldig bleibt) froh ist, wenn man ihn leben läßt. So ist Olmütz, wo etwa 200 zumeist wohlhabende Familien wohnen, ohne Rabbiner, so har Znaim durch ein Urtheil des Verwaltungsgerichlshvfes sich dem behördlichen Aufträge, einen Rabbiner zu bestellen, widersetzt; eine andere Gemeinde mit einem Stiftungsvermögcn von mehr als 100.000 fl., von dessen Erträgnissen ein großer Theil für den Rabbiner bestimmt ist, läßt sich von dem Rabbiner einer Rachbargcmcinde, welchen sie bei der Behörde als Substituten angemeldct hat, den Empfang der ganzen Stistnngserträgnisse bestätigen, während er nur einen Theil davon erhält; der Rest verschwindet in dem Gemeindesäckel. *) Der gcjtf). «. Einsender schreibt, daß er dies „nicht sin den" kömic, aber N'XN ,11'K II'KN tO „etwas »ich, sehen, nicht sinden ist lein Beweis" — wir und noch Andere, sogar Mitbegriinder, Freunde und Förderer des D.-J. G.-B., haben cs gesunden, sic haben ihrewarnendc Stimnic erst im Stille» erhoben, und darin eine große Gefahr für die Entwickelung des deutschen Jndenthnms erblickt, (Red,) **) Das trifft nicht immer ju: oft entziehen sich selbst ossiztelle Maßnalnnen der Qcffentlichkeit, und geradere! den unossizicllen treten die Motive, ans die cd ankominl, mehr zu Tage. (Red.) Noch trostloser sieht cs mit dem Lehrerstande aus. Als Religionslehrcr fungirt an einem Gymnasiuin ein alter Schochct, der nebenbei Mauthepächter ist und nicht einmal fehlerfrei sprechen kann, trotzdem aber für sein gemeinnütziges Wirken vom jüdischen Landesmassasonds subventioniert wird, an einem zweiten ein alter Melammed, der als Wollhändler verunglückt, sich dem Lehrcrstandc zu widmen beschlossen hat und dessen Pädagogik hauptsächlich im Krios-Schelten besteht, an einem dritten ein Lehramtscandidat, der durch den Antisemitismus von einer Lehrstelle in seinem Fache ausgeschlossen, sich dem Religionsunterrichte gelveiht hat, obwohl er ein ganz irreligiöses Leben geführt hat und in dirsoloZiois so unwissend ist, daß er nicht eimnal eine Haphtarah übersetzen, geschweige einen unvokalisierten Text lesen kann. An Volksschulen giebt es Religionslchrer, die kaum des Hebräisch- Lesens gehörig mächtig sind, ein Lehrer erhält sogar 200 fl. Gehalt für Religionsunterricht, der, mit einer Christin in Eivil-Ehe verheirathet, seine Kinder nicht hat beschneiden lassen. Von dem Charakter der Vorbeter und dem würdigen Benehmen der Tcmpeldiener zu reden, bleibt mir lieber erlasseti. Es ist ein altes llebel des Judenthums noch aus seinen bessern Zeiten. Unter solchen Umständen thäte es noth, ein sachkundiges Forum zu schaffen, das der Behörde berathend zur Seite stehen soll, aber aus die Eingabe der mährischen Rabbiner an die Statthalterei einen Landesrabbiner zu bestellen, ist bisher noch keine Antwort erfolgt. Erfreulich ist, daß die Statthaltcrei über Antrag des Rabbiners Or. Placzek, der provisorisch die Agenden des Landcsrabbinats führt, der Gemeinde Lomnitz untersagt hat, einen Stiftungslehrer für eine Talmud-Thora-Schule anzustellen, dem außer seiner Armuth jede Qualification fehlt. Zufälligerweise wird in dem betreffenden Stistsbriefe die Bestätigung des Landesrabbiners verlangt. Die Gemeinde aber, der es darauf ankam, einen Pfründner zu versorgen, hat gegen die berechtigte Einsprache Or. Placzeks recnrrirt, natürlich ohne Erfolg. Ein sonderbarer Proceß spielte sich in Eiwanowitz ab, wo ein Jude, Besitzer einer Malzfabrik, ein Grundstück zur Anlegung eines Wasser-Reservoirs erworben hat, auf welchem sich eine Marien-Kapclle mit einem wunderthätigen Brunnen befindet. Der Pfarrer veranstaltete sofort eine großartige Agitation gegen das versuchte Secrileg eines Juden, welcher übrigens erklärte, die Capelle und den Brunnen, obwohl sie nicht grundbücherlich festgestellt waren, in ihrem bisherigen Zustande zu belassen. Außerdem constatirte eine Commission, daß das Grundstück auf einem Jnundationsgebicte liege und gar nicht zu befürchten sei, daß dem heilbedürftigen Volke das wunderthätige Wasser entgehe» werde. Der Pfarrer hatte, während die Commission aus dem Felde beschäftigt war, alle Bäuerinnen der Umgebung aufgeboten, daß sie mit Töpfen in der Hand im Gänsemarsch zur Quelle kamen und hat, als die Entscheidung zu Gunsten des jüdischeti Fabrikanten bekannt wurde, sofort Recurs ergriffen. So kann Eiwanowitz ein Ort hervorragenden Interesses werden, was sich sein ehemaliger Rabbiner, der Großvater des Schriftstellers Gustav Karpeles, nicht hat träumen lassen, wenn er an Wochenmärkten Grünzeug aus dem Platze feil hielt. Im Städtebezirk Nikolsburg war bei der letzten Wahl dem Herrn Rudolf Auspitz, der diesen Bezirk schon Jett 12 Jahren im Reichsrathe vertritt, von ver czechischclericalen und antisemitischen Seite als Gegenkandidat der als Jude geborene Or. Moraivitz aufgestellt worden. Wenn nun von Seiten der czcchischen Organe der Jude Auspitz angegriffen ward, antworteten die deutschen Blätter: Or. Morawitz ist als Sohn des jüdischen Familianten Samuel Morawitz in Trisch geboten re. „Haust Du meinen Juden, hau ich Deinen Juden." Des Curiosums halber sei hier erwähnt, daß es kürzlich in Nikvlsburg eine Frau Chalizah gab, der ein Arm fehlte. Ihr Schwager war an beiden Füßen gelähmt. Der Chalizah-; Art wurde daher zweimal vollzogen. j