Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 26. (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 212 — Freundschaft" Ms i» derselbe» herrschen »lögen, sich cm allen dcutschc» Logen, ja am ganze» Bruderbünde erfüllen, das; cs ihm gelinge, Israel immer näher der Lösung seiner grosze» messianischcil Aufgabe entgegen zu führen, zu werden D'i: “ns1? SV' n'lsS „zu cnici» Bundcsvolk, zu einem lcuchlendcn Borbild für alle Böller!" Werkln, den 18. Juni,;Or,-Eorr.) Sic haben, geehrter Herr Rcdacteur, einflußreiche Stiinmcn anfgefordert, sich über den Vorschlag des Herrn Lehmann aus Dresden bezüglich der isr. Allianz in Dcutschland vernehmen zu lassen. Ich bin keine einflußreiche Stimme. Ich bitte Sic aber, einem für die Interessen des Jndenthunls wart» schlagenden Herzen Ansdruck in Ihrer gesch. Zeitung geben zu lassen, Herr Lehmann verlangt, den Sitz der Alliance israelite universelle nach Berlin zu verlegen und führt, den Patriotismus dafür iu's Treffe», Gerade den Patriotismus sollte man nicht so oft au ungehöriger Stelle ausspielen und ihn für bessere Gelegenheit anfbcwahreii. Der Patriotismus ist die denkbar leichteste Waffe, weil dann der Gegner dieser Ansicht kein Patriot ist und mit einem solchen braucht man nicht zu ralhcn. Ich begreife nicht, >vie man einen» rein äußerlichen Umstand cmc so große, gar patriotische Bedeutung beilegt. Wenn der Verein ein Verein für Künstler oder Gelehrte wäre, dann könnte der Nationalstolz sich sträuben, den Sitz des Vereins in Paris zu lassen. Er ist in diesem Falle ein Wvhlthätigkeiisverci» und nicht zu Gunsten der Franzosen, die auch nach Kräften beisteuern, sondern fremder Unglücklicher. Die Wohlthätigkeit ist eine internationale Tugend, die von keiner Nation allein gepachtet wurde, ein Feld, dessen Cultivirung ein jeder dienen kann, wer ein tiefes Gemüth und eine offene Hand hat. Warum sollte man sich beengt fühlen dadurch, daß der Verein zufälltg den Sitz in der franz. Hauptstadt hat? Eine wie große Tugend der Patriotismus sicher ist, seine maßlose Uebertrcibung ist ebenso gewiß eine Untugend. Zudem hat Paris gewissermaßen einen Anspruch ani diesen geringen Vorzug, Ein einflußreicher Franzose hat den Verein gegründet und ihn mit seiner Autorität getragen, so lange er lebte. Er hat beit Grund gelegt zu dem mächtigen Baue, der er einst werden soll, Run heißt cs aber, cs erregt Aergerniß, Aber das wird mit Unrecht behauptet. Wo der Sitz des Vereins ist, das ist jedem gleichgültig, nur seine Existenz erregt Aergerniß, Was aber a» unS Juden in gewisser Leute Augen nicht? Wir selbst sind der größte Stein des Anstoßes, wir müßten unS selbst erst aus dem Wege räumen. Nur Uebelwollende können darin etwas Verbrecherisches finden. Daß Frankreich der geringen Mitgliederzahl wegen den Vorsitz nicht gebühre, ist ganz unbegründet, Gar nicht hierher gehört die Erinnerung, daß die Zecken sich geändert und Deutschland die führende Rolle übernommen hat. Das ist ja eine Bcgriffsverwechselung mit der Politik, Danach müßte der Zweck des Vereins ein politischer sein. Warum sollte man sich nicht den Sitz desselben ebensogut in Kopenhagen, oder Hamburg denken? Aber auch die Behauptung, Frankreich hat nicht so viel Mitglieder als Deutschland ist nur absolut richtig, Frankreich liefert 4700 und Deutschland 15000, Man muß doch aber einen allgemeinen Maaßstab für Dinge anlcgen, die man in Vergleich bringen will, Deutschland hat bei 600,000 jüd. Einw, 15000, Frankreich bei 7600 — die Colonicn können nicht in Betracht kommen — 4700 Mitglieder, Deutschland also 2,5 °/„, Frankreich aber 6,18°/„ der Seelenzahl, Der Herr Redactcur hat bereits gefragt, welche Männer in Berlin an der Spitze des Vereins stehen könnten. Die der Herr Lehmann angeführt, sind ja steinreiche Leute, einer sogar adlig. Die öffentliche Meinung weiß nur das von ihnen und Reichthum und äußeren Adel, >vie schön sie sind, sind noch kein so hohes Verdienst. Es giebt gegenwärtig noch keinen einzigen Mann in Berlin, der bei hoher socialer Stellung oder irgend einer anderen bevorzugten, wie allen anderen Großstädten, sich den Interessen des Judenthums voll und ganz hingeben würden, B. T. Magdeburg, 14. Juni. Wir erhalten folgende erfreuliche Mitthcilung: Dürkheim, 12, Juni, Mit aufrichtiger Freude will ich Ihrem in der jüngsten Cvnferenz der iSr, Cultusbeamten Mitteldeutschlands geäußerten Wunsche willfahren und schon von der nächsten Nr, niemer „Spcndcn-Verzeichnisse" an eine ständige Rubrik für einen isr, Bcamtcn-Pensionsfond eröffnen. Ich gebe mich der angenehmen Hoffnung hin, diese Rubrik von allen Cultusbeamten fördern zu sehen, und zwar nicht bloß durch Veranstalten von Sammlungen bei passenden Gelegenheiten, sondern noch weit wesentlicher durch Erhalten regulärer Jahresbeiträge und Gewinnen von Legaten von edlen jüdischen Männern und Frauen, denen ein gütiges Geschick die Mittel dazu in reichen, Maße verliehen hat. Die gesammelten Fonds werde ich, soweit k e i n e E i n s p r a ch e Seitens der E i n s e n d e r (resp, nähere Bestimmungsangabc) erfolgen sollte, dem „Deutsch-Jsr. Gemein deb und e" und anderen Lehrer- und isr, Cultusbeamten - UntcrstützungSkasscn zur Verfügung stellen. Br, A. S a l v e n d i. Won Kessen, 18. Juni, (Or.-Corr.) Wiederum liegt ei» eklatanter Fall von dem unbefugten Eingreifen eines Lehrers in rabbiuischc Funktionen vor. Die Klage darüber ist alt und oft wiederholt worden; aber dennoch zeigen sich nirgends Zeichen der Abhülfe. Auch über diesen Fall wirb man zur Tagesordnung übergehen und Alles blciven, wie es vordem war. Auch mir hat der besprochene Fall Vorgelegen; ich habe meine warnende und abrathende Stimme nicht zurllckgchalten, — indes; ohne Erfolg, Ich wundere mich nicht; ganz Westfale» iit seit Jahren ohne Rabbiner, selbst in großen Gemeinden dieser Provinz wirken seit Jahren ausschließlich Lehrer, Gemeinden und Vorstände zwingen die Lehrer zur Vollziehung rabbinischer Funktionen, für welche sie weder Fähigkeit »och Befngniß haben, — und die Lehrer lassen sich zwingen, anfänglich vielleicht nicht ohne Widerstreben. So kam jüngst ein Lehrer meines Bezirks, ehemaliger Schüler, zu mir, um sich Anweisung für eine Grabrede zu erbitten, die er zu halten habe. Der Todesfall war sogar ein außergewöhnlicher, welcher ein großes Lcichcnbegräbniß mit confessionell gemischter Bethcilignng voraussetzen ließ. Ich hatte nichts dagegen, daß auch der Lehrer rede, da er Lehrer des verstorbenen Kindes gewesen, und gab ihm Anweisungen hierfür, aber ermahnte ihn gleichzeitig, nicht den Rabbiner vertreten zu wollen. Er meinte, daß' er den hierzu erhaltenen Auftrag nicht zurückweisen könne, ivcil auch der benachbarte Lehrer es so thue, und er gegen diesen weder zurückstehen wolle noch dürfe, da er sonst als Unfähiger in der Gemeinde gelte. Er sprach am Grabe ohne mich, und öffentliche Blätter, aber aus jüdischer Feder, verkündeten, daß der christliche Ortsgeistliche stolz sein könne, wenn er so gut spräche, w>e der jüdische Lehrer, Der christliche Geistliche schwieg, aber er wird doch für sich einen Beweis jüdischer Ueberhebung darin gefunden haben. Bald darauf wurde ich zu einer Grabrede nach demselben Orte berufe». Der Lehrer stand, wie ich hörte, nicht mehr gut mit dem Vorstande; daher bat mich dieser, dem Lehrer das Wort nicht zu ertheilen. Ich sprach darüber privatim mit dem Lehrer und bat ihn, im eigenen Interesse von einer Rede abzustchcn, Als ich kauin vollendet hatte, trat der Lehrer dennoch an mich heran, laut bittend, daß ich auch ihm zu reden gestatten möge. Ich lhat dies, um nicht gegen den Lehrer mit dem Vorstände gemeinsame Sache zu machen. An diesen mißlichen Zuständen tragen vielfach auch die Lehrer mit Schuld, aber wahrlich nicht zuerst und nicht allein. Die erste und Hauptschuld tragen unsere Vorstände, die es so wollen, utidvielfach aus falschen Sparsamkeitsrücksichien.vderauch um ihre Macht nicht mit dem Rabbiner zu thcilen; in keinem Falle aber zum Vortheile Israels und seiner Religion. Vielfach werde» unkundige und indifferente, oft auch ungebildete, stets aber allmächtige Vorstände berufen, Hüter im Weinberge des Herrn zu sein; sie sind, um mit der Bibel zu redeit, meistens „die Füchse, welche ihn verwüsten."