Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 26. (25.6.1885)
- Date
- 1885-06-25
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 211 — ziehung sehr lehrreich. Denn nicht mir die von Herrn E. Lehmann gekennzeichnete Jgnorirung des einigen Deutschland, die so weit geht, daß nicht einmal die deutschen Staaten hintereinander aufgesuhrt werden, daß vielmehr beispielsweise Anhalt und Baden durch die asiatische Türkei getrennt, zwischen Bayern und Braunschweig, Bosnien und Brasilien eingeschoben sind — nicht nur die höchst auffällige Unterlassung, neben den Cabinettcn von Paris und London auch das von Berlin uni seinen mächtigen Einfluß zu Gunsten der verfolgte» Juden im Orient anzugehen, muß die deutschen Juden frappiren, noch peinlicher berührt es uns, wenn (Seite 27 des Berichtes) der Erfolg der Bemühungen des Ccntralcomilss der Allianz für die rumänischen Juden bei dem Berliner Congreß dem „Betreiben der französischen Regierung" zugcschrieben wird, während es doch feststeht, daß der Antheil des deutschen Reichskanzlers an diesem Erfolge mindestens ebenso groß ist, wie die der französische» Cvngrcßmitglicdcr. Es ist nicht nationale Eitelkeit, die uns veranlaßte, solche Kleinigkeiten und Acußcrlichkcitcn zu betonen, es soll hiermit nur gezeigt werden, wie leicht es den Gegnern des Judenthums in Deutschland gemacht wird, die israel. Allianz zum Angriffsvbjcct zu nehmen, und wie sehr den ängstlichen Gemüthcrn, welche allen nationalen Berdüchtigungcn auf das Vorsichtigste auswciche» zu müssen glauben, eine energische Betheiligung an den Zwecken und Zielen der Allianz erschwert wird. Liegt denn nun in der That in einer von dem Centralcomitö in Paris unabhängige» israel, Allianz für Deutschland eine so große Gefahr für das allgemeine Werk, wie von vielen Seite» behauptet wird? „Die Allianz theilen, hieße sie zerstören," sagt der Jubiläumsbcricht, Aber er kann doch nicht umhin, die hohen Verdienste der „Anglo- Jewish-Association“ und der „israel. Allianz in Wien" gebührend zu würdigen und lviderlegt hierdurch selbst die vorstehende Befürchtung. Wir möchten geradezu behaupten: Die Gründung einer Allianz für Deutschland wäre ein Segen für das gemeinsame Werk, da nicht nur eine wesent- Erhöhung der Mitgliederzahl, sondern — was noch wichtiger ist — ein regeres Mitarbeiten der deutschen Juden an den großen Ausgaben der Allianz die Folge hiervon sein würde. Eine vollständige Trennung braucht es ja nicht zu sein. Die Beziehlmgcn der deutschen Allianz, wenn sie auch ganz selbstständig anftritt, zu der Allianz in Paris tvürden gewiß sehr innige bleiben, und vielleicht ließe sich auch eine gemeinsame Institution, eine Art Groß-Comitd schaffen, aus Delegirteu sämmtlicher Allianzen zusammengesetzt, welches äußerlich das Band der Einheit repräsentirt und in wichtigen Fragen gemeinsame Berathung pflegt. So könnten durch eine israel. Allianz in Deutschland die bestehenden Allianzen einander näher gebracht und eine wirkliche Verbrüderung herbeigcführt werden. Die Pietät gegen die Gründer der Allianz, namentlich gegen den unvergeßlichen Cremicux, wird durch die Selbstständigmachung der deutschen Mitglieder keineswegs verletzt; denn wenn ihre Ideen hierdurch eine große Ausbreitung finden, die von ihnen erstrebten Ziele wirksamer gefördert werden, dann l«m' die Veränderung in der äußeren Form nicht als ein Act der Pietätslosigkeit öezeichnet werden. Vielinehr gebietet gerade die Pflicht der Dankbarkeit, das von ihnen begonnene Werk rüstig und in der zweckmäßigsten Weise fortzusetzcn und alle Hindernisse seines Gelingens zu beseitigen. (Vgl. die B. D.-Correspondenz Berlin auf der nächsten Seite. Red.) Vogel st ein-Stettin. Berichte und Correspondenzen. Deutschland. Die Installation der ersten deutschen Rcichsloge. Werlin, 22. Juni. Der heutige Tag bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der Entwickelungsgeschichte des unabhängigen Ordens B’nai B’rith — an ihm fand Hierselbst die Jnstallirung der ersten deutschen Dislricts- oder Großloge mit eigener Jurisdiction für Deutschland statt. Dieser Orden, der sich die Hebung und Förderung des geistigen und sittlichen Charakters unseres Stainmes, die Pflege und Verwirklichung der edelsten, höchsten Principien echter Menschlichkeit zur Aufgabe gesetzt hat, ward von deutschen Brüdern in Amerika im Jahre 1842 HH. Julius Bien und Thalmessingcr — mit Hochachtung nennen wir ihre Namen — gegründet worden und hat daselbst durch die Macht der reinen, echtjüdischen Ideen rasch eine große Verbreitung gefunden, 845 Arbeitsstätten sind über das ganze Land verbreitet, welche sieben Dislricts- oder Großlogcn untergeordnet sind. Vor etwa 3 Jahren (am 20. März 1882) wurde hier in Berlin die erste Loge dieses Ordens errichtet, die „deutsche Reichsloge I.". Langsam aber stetig fanden die Ideen dieses Ordens i» Deutschland immer mehr Anklang und Anhang, die Schwesterlvgen in Halle, Kattowitz, Beuchen, Gleiwitz, Stettin, Breslau, Kreuzburg, Dresden, Magdeburg legen Zeugniß davon ab. Nunmehr stellte sich die Nothwendigkeit der Schaffung einer deutschen Spitze für die deutschen Logen heraus. Man verschloß sich in Amerika der Einsicht nicht, daß dies der Festigung der Organisation und Erleichterung der Ausbreitung des Ordens in Deutschland nur sördcrlich sein könne, und so hatte die am 1. März c. zu Philadelphia ack hoc tagende Constitutionsloge die Errichtung einer Großlogc in Berlin beschlossen. Man war sich der Tragweite dieses Entschlusses voll bewußt, und der hochwürdige Präsident der Constitutionsloge, Br. Julius Lien, unterzog sich selbst, trotz körperlichen Leidens, den Strapazen dieser beschwerlichen Reise und traf zu diesem Zwecke, begleitet von' dem Präsidenten der 6. Districtsloge Mr. Grünbaum aus Chicago und Mr. Hamburger vorige Wvchc hier ein. Die ursprünglich auf den 28. d. M. anberaumte Installation fand auf Wunsch der amerikanischen Gäste in feierlichster Weise schon heute Nachmittag 4 Uhr statt. Der erhebende, weihevolle Art, dem die Expräsidentcn und Repräsentanten der dazu berechtigten deutschen Logen anwohnten, währte bis ‘/27 Uhr. Zum Präsidenten der nunmehr constituirteu ersten deutschen Districts - Großloge — Nr. VIII — wurde Br. Julius Fenchel, zum 1. Vieepräsidenten Br. Jab lo nsky- Bcrlin, zum 2. Vicepräsidenteu Br. Blumenthal-Halle, zum Schatzmeister Br. Berget, zum Scerctür Br. Wolsf gewählt. Um 7 Uhr fand zu Ehren der hohen amerikanischen Gäste ei» Festessen im Hotel de Hamburg statt, an dem 80—90 Mitglieder der verschiedenen deutschen Logen thcilnahmen. Die Reihe der Toaste eröffnete Herr I. Fenchel mit einer herzlichen Ansprache an den Vater der B’nai B’rith, Präsidenten I. Bien; begeistert stimmten die „Söhne des Bundes" in das dreimalige Hoch ein, worauf Herr Bien mit Hinweis aus die kurz vorher bei der Installation von ihm gehaltene Rede über die Zwecke des Ordens mit einem Hoch auf diesen crwiderle, zugleich die Grüße des Präs. Br. Wolfs in Washington überbringend. Der Viceprüsident der Reichsloge, Br. Dr. Ma r etzky, hielt eine wohldurchdachte, treffliche Rede über die hohe Bedeutung des U. O. B. B. gerade in unserer Zeit und schloß mit einem Hoch auf die Ordensbrüder; Br. B erge l brachte den anwesenden Ladys (Frau Bien, Frau Grünbaum und Frl. Tochter) in englischer Sprache einen Toast, Br. Dr. H. Hildes heimer auf die amerikanischen Gäste, den Herr Grünbaum sofort in begeisterter Rede erwiderte, worauf Br. Dr. Rahm er aus Magdeburg dem Präsidium der ersten deutschen Großloge ein Hoch ausbrachte. Damit schloß die Reihe der offiziellen Toaste. Aus den hieraus noch folgenden Reden seien die des Br. Dr. R ei mann auf die Fidelitas, des Predigers Dr. Landsberger auf den dem Feste beiwohnenden Rechtsanwalt Br. Sachs, des Br. R.-A. Staub auf Präs. Fenchel und des Br. Stern auf die Damen. Nach 11 Uhr wurde die Festtafel aufgehoben. Mögen die Segensivünschc, die Herr Rabb. Dr. Rahmer in seinem Toaste der Großloge ausgesprochen, daß 7Q7« rrr“! aiSon mnxi „Liebe, Brüderlichkeit, Eintracht und