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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-06-25 · N° 26. (25.6.1885) · p. Seite 210

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 26. (25.6.1885)
Date
1885-06-25
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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— 210 — Das Jndenthum und seine Feinde. Tisza Eßlar, Neustettin, Verhovai, Stöcker — das sind die gerichtliche» Trophäen des Judenthums im Kampfe gegen den Antisemitismus. Die Antisemiten haben kein Gliick bei den Gerichten. Wo sie mit dem Arm der Gerechtigkeit in Berührung kommen, da kommen sie nicht ohne ein blaues Auge davon. Und ein blaues Auge ist das wenigste, was sie bisher davon trugen: bisher ist immer der Pfeil, den sie auf Israel losdrückten, ans den Schützen zurückgeprallt, und hat diese» mit seiner ganzen Wucht getroffen. Mit wie vielem Geschick, mit welchem Aufwand von Raffinirtheit war nicht das Blutmärchen: Esther Solmossy auf der Bühne der ungarischen Gerichtsbarkeit in Scene gesetzt worden: der Untersuchungsrichter war mit einer von den geschickten Regisseure». Die erstaunte Welt sollte es erfahren, daß noch im 19. Jahrhunderte eine ganze Religionsgenvssenschaft einem kannibalischen Gottesdienst fröhne. Aber das Resultat war ein den Erwartungen der Regisseure entgegengesetztes! Die erstaunte Welt erfuhr, daß noch im 19. Jahrhunderte der Fanatismus in manchen Kreisen so stark ist, daß er selbst vor — einem Morde nicht zurückschrcckt, um ihn Andersgläubigen in die Schuhe zu schieben. Meineide, Verleitung dazu, Einschüchterung einer unschuldigen Kindesscele, Folter, Irreführung des Gerichts und .... Mord heftete sich für immer an die Rockschöße des Antisemitismus in dem Proccsse Tisza Eßlar! Nicht viel anders war es mit Neu stell in. Ihre eigene Synagoge sollte eine israelitische Gemeinde in Brand gesteckt haben, um — den Christen das Verbrechen der Brandstiftung in die Schuhe zu schieben. Das Resultat war für den Antisemitismus nicht weniger vernichtend, als Tisza Eßlar. War es in Tisza Eßlar Mord und Verleumdung, so >var es in Neustettin Brandstiftung und Verleumdung, was sich in den Auge» der öffentlichen Meinung als glänzende Perlen in die Krone des Antisemitismus nistete. Der Antisemitismus hat sich in beiden Processen als ein Brutnest der abscheulichsten Laster entpuppt. Verhovai, der Führer der ungaris chen Antisemiten, ist von den u ngarischcn Gerichten wegen Unterschlagung von Geldern, welche er zu einem patriotischen Zwecke gesammelt hatte, verurtheilt worden, und Stöcker, welchem die „Freie Zeitung" Lügenhaftigkeit vorgeworfen, hat gegen den Redacteur derselben eine Verurtheilung zu 3 Wochen Gesängniß erwirkt, weil der Borwurf in beleidigender Absicht und nicht in Wahrnehmung berechtigter Interessen erhoben wurde. Der Beweis der Wahrheit wurde vom Gerichtshof nicht nur sür^diverse Lügen, sondern auch für—wenigstens fahrlässigen— Meineid und für eigenmächtige Verwendung von Geldern, die zu wohlthätigem Zwecke, zur Gründung eines Jnvalidenfonds, gespendet wurden, als erbracht erachtet — eine Variation von Verhovai. — Nun, das Judenthum kann auf seine Feinde stolz sein. Das Judenthum könnte ob der Feindschaft solcher Männer jubeln, wenn das Judenthum selbstsüchtig nur an sich dächte. Aber nein, gemeine Rachsucht, rohe Gcnugthuung über die sittliche Verkommenheit seiner Gegner bleibe dem Judenthume fern. Ach, daß noch im 19. Jahrhundert die Humanität mit solchen Gegnern die Arena betreten muß, das ist tief betrübend, und das Judenthum soll nicht jubeln, wenn der Genius der Menschheit sein Haupt trauernd verhüllen muß. Das Jndenthum muß sich dessen bewußt bleiben, daß die H n manit ä t noch nicht gesichert ist, so lange das Jndenthum Grund hat, über solche Feinde der Humanität zu triumphiren, wie die Koryphäen des Antisemitismus sind, und das Jndenthum soll in allen seinen Theilen in den vordersten Reihen stehen, nicht nur, wo der Kampf um die verletzte Humanität entbrennt, sondern auch da, wo die feindliche Wirksamkeit im Dienste der Humanität ihre Banner entfaltet. DaS Judenthum beherzigt auch gegen den Antisemitismus stets die Gesinnung des vom Antisemitismus viel verlästerten Talmud, die sich in der Deutung des Psalmwortes äußert: ,““ixn JJ2 D'Ktan 1SÜT □'Ktin xbx "lös: X1? □'»Bin nicht der Sturz der Bösen soll unser Triumph sein, sondern der Sturz und die Verminderung der Bosheit. — Stöcker hat Urlaub genommen! Man betrachtet das als den Vorboten seiner Demission. So berichten die Zeitungen mit Jubel. Das Jndenthum muß über solche persönliche Triumphe erhaben sein. Nur wenn mit Stöcker ein Stück des durch Stöcker repräsentirtcn Geistes von der Bühne der Geschichte auf Nimmerwiedersehen verschwindet, dann soll auch das Juden - thnm im Namen der Humanität in den Jubelchor einstimmen. Or. Gvldschmidt—Weilburg. Die israelitische Allianz in Deutschland. Dem in Nr. 24 der israel. Wochenschrift von der verchrl. Redaction ausgesprochenen Wunsche, daß noch andere Stimmen sich über die wichtige Frage der israel. Allianz in Deutschland vernehmen lassen möchten, komme ich gern nach, da eine öffentliche Besprechung dieser nunmehr dringlich gewordenen Angelegenheit nur zu ihrer Klärung beitragen kann. Herr Rechtsanwalt Emil Lehmann hat den dankenswerthen Muth gehabt, das auszusprechen, was Viele schon seit langer Zeit empfunden, aber an die Oeffe»tlichkeit zu bringen sich bisher gescheut haben, weil sie nach den Erfahrungen vom Jahre 1872 nur geringe Hoffnung hegten, ihren Bedenken Rechnung getragen zu sehen, und weil sie fürchten mußten, möglicherweise das große Werk der Allianz zu schädigen, wenn sie Trennungsgelüste laut werden ließen. Der letztere Grund hat auch mich bis jetzt zu schweigen bestimmt, obwohl ich mir nicht verhehlen konnte, daß die Zahl der Mitglieder der Allianz sich aller Wahrscheinlichkeit nach in kürzester Zeit verdoppeln würde, wenn wir eine deutsche Centralleitung hätten. Ein großer Theil der deutschen Juden glaubt nämlich, sich von einem Vereine fern halten zu müssen, der, angeblich weil er seine Centralstellc außerhalb des Vaterlandes hat, vielfach die Zielscheibe feindseliger Angriffe gewesen ist und den Widersachern des Judenthums willkommenen Anlaß bietet, die patriotischen Gesinnungen der Juden zu verdächtigen. Ob es recht ist, sich aus solche» Gründen von der Betheiligung an einem so segensreichen Werke zurückzuzichen, darauf kommt es hier nicht an, genug, die Thatsache steht einmal fest, daß in vielen jüdischen Kreisen der Allianz aus patriotischem Selbstgefühle ein gewisses Mißtrauen entgegengcbracht wird, und daß man die französische Spitze sich nur ungern gefallen läßt. Von Seiten der Allianzleitung ist bisher auch nichts geschehen, was die patriotischen Empfindungen der deutschen Mitglieder hätte angenehm berühren können. Wo an Frankreich etwas herauszustreichcn war, da ist es in den Berichten sicher nicht unterblieben, Deutschland aber wird selten so rücksichtsvoll behandelt. Der Jubiläumsbericht ist in dieser Be-

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