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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-06-18 · N° 25. (18.6.1885) · p. Seite 206

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 25. (18.6.1885)
Date
1885-06-18
Page
Seite 206 (sequence 6)
Language
German
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— 206 — Cultus-Wahlen, in vielen Gemeinde» znm ersten Mal. Das könnte Manchen befremden, der weiß, daß in Mähren seit Jahrhunderten Juden wohnen, aber cs ist doch so, Dank einem jener avitischcn Zustände, an denen unser Vaterland so reich ist. Bis zum Jahre 1848 gab cs nämlich in Mähren nur 55 Orte, an welchen Inden in einem abgeschlossenen Stadttheile wohnen durften und innerhalb dessen sic auch politische Agenden, als Polizeiwesen, Steuercinhebung, Rekrutenaushebung u. s. w. zu versehen hatten. Der Völkcrfrllhling von 1848 fegte die Ghetto-Schranken hinweg, konnte jedoch nicht alle politischen Gemeinden auflösen, obwohl diejenigen, welche keinen besonder» Kataster hatten, nach dem neuen Gcmeindegcsetze nicht als Gemeinden für sich bestehen durften. TheilS fürchteten die Juden Vexationen von Seiten der neuen Behörde, welcher sic unterstehen sollten, theilS sträubten sich die Christen, die schweren Schuldenlasten mit zu übernehmen, welche die Juden in den traurigen Zeiten der Kriegscvntributionen sich anfgeladen hatten. Kurz, cs blieb beim Alten. In patriarchalischer Weise führte der Bürgermeister die Cultusageudcn neben seinen Amtsgeschäften. Da kam vor vier Jahren aus heiterem Himmel ein Statthaltcrei - Erlaß, der die Auflösung der politischen Judcngemcinden dictirtc, wofern die Gemeinden es nicht vorziche» sollten, freiwillig ihre Vereinigung mit den Nachbargemcinden anzubahncu. Die Vertreter der 20 politischen Judcngemeinden kamen in Brünn zusammen und faßten einmllthig den Beschluß, ihre Auflösung auf gütlichem Wege anzubahncu. Gleichzeitig sollten alle Cultusgemeinde» ei» Statut erhalten, welches nach einem vor 15 Jahren ausgearbciteten Musterstatut die spcciellen Verhältnisse jider Gemeinde durch einzelne Abänderungen berücksichtigen sollte. Für die Gemeinden war dieses Statut von besonderer Wichtigkeit, denn sic sind alle in kleinen Provinzialstädten, deren Bewohner auch in vormärzlicher Zeit ihr Geschäft in der benachbarten größeren Stadt oder in einem Dorfe ausübten, in welchen ihnen der dauernde Aufenthalt verboten war. Als die Ausnahmsgesctze aufhörten, verarmten die Gemeinden immer mehr, zumal da sie die Cultussteucr nur von den am Orte wohnhaften Juden eintrciben durften, die Juden benachbarter Orte aber zahlten, wohin sie eben wollten und häufig dahin, wo es am billigsten gemacht wurde. Nun, glaubte man, werde ein anderes Vcrhältniß eintrctcn, wenn jede Gemeinde ihren Sprengel zugcwiesen erhielte. Die Statuten wurden ausgearbeitct, an die Behörde geschickt, von dort aber nicht genehmigt, weil man die Sache bis zur Genehmigung des Gesetzes über die Rechtsverhältnisse der Juden, d. h bis zu den griechischen Calenden verschieben will. Die llrgirung der Angelegenheit sei nur nothwendig gewesen, um die politischen Agenden von denen des Cultus zu trennen und deshalb nillsfe ein besonderer Cultusvvrstand gewählt werden. Parturiunt monfces etc. Die ganze behördliche Action ist also eine Errungenschaft des Antisemitismus, der hinter der Judcngemeinde ein politisches Gespenst wittert, wie in Rußland hinter dem Kahal und in Deutschland hinter der Alliance. Noch wahrscheinlicher ist das Ganze ein Wahlmanövcr, weil man meint, die Juden, welche bisher deutsch wühlten, in's Lager der tschechischen Regierungsmajoritüt hinüberzuleiten. Jedenfalls haben die kleinen mährischen Orte einen Vertretungskörpcr mehr zu wählen und sind in der glücklichen Lage, jedem ihrer Mckglicder ein Amt verleihen zu können. Des Cnriosums halber sei noch erwähnt, daß die politische Gemeinde Preraunur 17, noch dazu zerstreute Häuser umfaßt und die CultuSgemeinde H a b i n g s nur ein am Orte wohnhaftes Mitglied zählt. Es ist also mit einem Worte der bureaukratische Apparat vermehrt; für die Sache selbst ist nichts geschehen. (Schluß folgt.) Rußland. Aetersvurg. In Kiew werden die Austreibungen der nicht zum dort. Wohnen berechtigten Juden mit Dampfkraft getrieben. Hier sollen auch die Juden, welche nach dem Gesetze von 1874 beim Militär gedient haben, nicht mehr als „wohnuugsberechtigt" angesehen und die Frauen wie die Kinder wohnungsberechtigter Militärs ausgewiesen werden. — Jn Kowno ist vom Kriegsgericht ein Jude, welcher bei min;' Judenhetze (22. Juli 1884) einen Plünderer tödtlich verletzt hat, schwerer (4 Jahre Zwangsarbeit) bestraft worden, als selbst der Plünderer, der ein Judenwcib todtgeschlagen hat (2‘/2 Jahr Verschicken). Der Staatsanwalt hatte es so dargestellt , als ob die Plündcrungslust der Menge schon befriedigt gewesen ist und erst durch den Angriff der Juden von Neuem angcsacht wurde! —In Bohislow (Kiew) ist der Missionar Nissen Rappoport am 17. Mai verhaftet worden , weil er den auswanderungslustigen Juden 15 Rubel Reisegeld abgenommen hat und als Agent eines „Nachalas Israel,, genannten Vereins ini Begriffe war, von den Armen noch mehr zu erpressen. Palästina. Aerusalem. Den Getreidehandel haben hier seit alten Zeiten die Sephardim occupirt, ebenso wie das Bankgeschäft, mit Eßwaaren handeln die Aschkenastm. Die geistig sonst nicht hervorragenden Grusier und Kaukasier haben Griechen und Armenier aus dem Felde geschlagen und das Geschäft mit Webstoffen und gefärbten Kleidern an sich gezogen. Sie bilden den wohlhabendsten Thcil der jüd. Bevölkerung. Nur ein Jude ist Fellhändler, wenige handeln mit Schreibmaterialien, Glas re. Nur am Import haben Juden sich bisher ncnnenswerth bctheiligt und auch hierbei mehr en detail als en gros. Der Export liegt in den Händen von Griechen und Armeniern. Der Aufseher vom Samarin, fortan „Sichron Jacob" nach dem Vater des Herrn Erlanger genannt, meint, daß die Ansiedler bald die besten Ackersleutc im Lande seien und selbst den Würtembergern nicht nachstehen wü»ocn. Das ganze Gebiet ist entsteint und die Saat steht gut. Auch sind die Leute folgsam. Auch Ekron soll Aussicht haben, nach der Weizencrnte der regelmäßigen Unterstützung entbehren zu können. Ohne fremde Hilfe arbeiten sie, von ihren Frauen und Kindern unterstützt. Hier haben sie der schlechten Luft wegen Eucalyptus-Bäume gepflanzt. In Rischon le-Zion ist Weinbau und Obstkultur die Hauptsache. Nach Safet soll R. Samuel Schulmann aus Constantinvpel heimgekchrt und einen großherrlichcn Firman mitgebracht haben, der verheißt, daß sobald 500 Familien der Eingeborenen Ackerbauer werden, ihnen Land unentgeltlich zur Verfügung stehe und sie auch von Steuern frei sein sollen. — In Liberias sind fast 300 Kinder an Blatern gestorben. Uermischte und neueste Nachrichten. B. Schneidern ühk. (Or.-Corr.) Unter „Magdeburg" finden wir in der letzten Nummer d. Bl. eine der Preußischen Schnlzeitnng entnommene Notiz von einer an das Herrenhaus gerichteten Petition des Eonrectors Heise in Buszkowo, in welcher dieser Herr die Einführung einer allgemeinen Judensteuer für Preußen beantragt. Da war ich doch begierig, etwas über diesen neu am antisemitischen Horizont aufgegangcnen Stern zu erfahren, zumal wir in nächster Nähe damit beglückt sind und was höre ich? Dieser Conrector Heise hat sich auch hier durch seinen Judenhaß öfter bemerkbar gemacht, aber! — bei dem Königl. Amtsgericht Colmar i. P. ist das Entmündigungs-Verfahren wegen Geisteskrankheit gegen ihn ausgesprochen worden — sapienti aat. — Meine Anregung wegen des „Kol-Nidre" hat, wie ich aus den verschiedenen Zuschriften an dieses Blatt erfahre, viel Sympathie gefunden, neu war mir und gewiß auch vielen anderen Lesern, daß das „Kol-Nidre" längst schon in vielen Gemeinden theils umgeformt, thcils abgeschafft ist. Sie würden, g. H. Red., mancher Gemeinde einen Gefallen erweisen, wenn Sie die in Magdeburg eingeführte Formel in Ihrem gesch. Bl. abdruckten. ' (Soll gelegentlich geschehen. Red.)

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