Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 25. (18.6.1885)
- Date
- 1885-06-18
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 205 — Welcher s. Z, in Karlsruhe mit der Wandcrkost fiirlieb nehme» mußte, verspricht weitere 300 Pfund zu schicken, wenn nur sein Wunsch auch verwirklicht werde. Die beiden Summe» (10,000 M.) werfe» aber leider nicht genug Zinsen ab und cs müßten scha» nach Andere sich dem gegebenen Beispiele auschließcn, um das Vorhaben ausfuhren zu können, Weiköurg, Die hier am 25. Mai c. stattgehabtc „Erste Eonserenz der jüd, Rcligionslehrer des Rabbinats - Bezirks Weilburg war ziemlich gut besucht. Die jüngern Lehrer waren alle erschienen, Auch aus dem Rabb.-Bezirke Ems war ein Gast anwesend: Herr Lehrer Lomnitz aus Dietz, — Bon Herrn Lehrer Singer in Frankcnihal in Baiern tvar in Folge der Notiz der Jsr. Wochenschrift eine briefliche Gratulation cingegangen, von welcher die Eonserenz dankend Kenntniß genommen hat, — Die von 10'/, Borm, bis l1 2 Nachm, und Nachm von 3—5 Uhr dauernde Sitzung wurde ganz von dem ersten Bortrage des Vorsitzenden Hrn. vr, Gold schmidt ausgefüllt: „Das Gebete - Uebersetzen in unserer Rel,-Schule, wie es ist und wie es sein soll," Rach einer eingehenden Darlegung der bisherigen Methode beim Gebete-Uebersetzen, wurde der Nachweis geführt, daß der erziehliche und untcrrichtliche Werth desselben bisher bis aus wenige Ausnahmen nicht nur 0, sonder» womöglich noch unter 0 sei, indem der glühendste Erguß des Menschenherzens: das Gebet, zu einem gedankenlosen Memorirstoff herabgedrückt erscheine, und solch inhaltsloser (?) Wortkram dem Kinde als Gebet präsentirt und als höchst wichtig und gottgefällig dargestcllt werde, — Im 3. Theilc wurde gezeigt, daß das Gebetbuch vollständig geeignet sei, als Religionsbuch behandelt zu werden, und im 4, Theile die Methode, nach der es so behandelt werden könne. Die Verthcilung auf die einzelnen Schuljahre Müsse nach den psychologischen Rücksichten auf den Geisteszustand des Zöglings geschehen, und so ein Aufsteigcn vom Leichten zum Schweren stattfinden, und zwar sowohl was das Sprachliche, als auch de» Gedankeninhalt betrifft. Es müsse endlich die beste Reihenfolge festgestellt werden, und als Ausgabe für die nächste, schon zu SuccoS stattfindende Lehrerconfcrenz wurde ausgestellt: Die Auswahl der für das erste Jahr des Unterrichts im Gebeteübersetzen geeignetsten Gebetstücke, — Zum Schlüsse wurde die Gründung einer „Pensionskasse für die Wittwen und Waisen der jüdischen Religions-Lehrer des ehemaligen Herzogthums Nassau" beschlossen, und der Vorsitzende, sowie Lomnitz- Dictz und Oppenheim-Hadamar als Comits zur Ausarbeitung der Statuten gewählt. Der 2. angckündigte Vortrag „lieber den Unterricht in der Bibl, Geschichte" mußte für die nächste Eonserenz zurückgestellt werden, Oesterreich-Ungarn. O, Mie». Auch wir haben also jetzt eine Antisemitenpartei im Reichsrath und zwar aus vier Männern bestehend, darunter einer aus Wien, vr, Pattai, der Sachwalter aller Antisemitcnprocesse, derselbe Mann, von dem ein angesehener christlicher Bürger gerichtlich deponirte, daß er an seinem Stammtische sich das unschuldige Vergnügen gönne, allabendlich einer Puppe, die einen polnischen Juden darstcllt, allen Schabernak anzuthun, zwei andere, der bekannte v. Schönerer und ein Wiener Gymnasiallehrer Herr Fiegl, aus dem übrigen Riederüsterreich und ein vierter aus Troppau, also alle aus rein deutschen Gegenden. Ueberdies kann man die Partei der Demokraten, eme Wiener Specialität, auch zu den Antisemiten zählen, von denen sie die wesentlichste Unterstützung erhielt, denn sie besteht aus jenen Schichten der Bevölkerung, denen durch moderne Productionsweise ein großer Theil ihrer Nahrung entzogen wird und welche daher alle Schuld auf die Juden, als Repräsentanten ,des Capitals, schieben. Endlich sind die clericalen Vertreter der Alpenländer aus confessionellen, die slavischen Abgeordneten aus nationalen Gründen Gegner des Judenthums und erhalten darin noch Succurs von liberaler Seite, wo die nationalste Gruppe unter den Deutschen der „Berjudung" (!) mit aller Macht entgegenarbeitet. Jüdische Abgeordnete besitzt das Parlament 12, wenn nicht die Zahl noch durch uns unbekannte Rainen ergänzt werden muß. Davon hat Wien entsendet einen (vr, Jacques), dieBrünner Handelskammer zwei (v, Gomperz und v, Neuwirt h), die Städtegruppe Nikolsburg hat Auspitz, die Handelskammer vou Czernowitz Popper, die von Brody v, Kallir, der böhmische Großgrundbesitz Herrn Freiherr v.Oppenheimer in den Reichsrath gewählt. Diese sieben gehören der liberalen Partei an. Ihnen steht zunächst ein Italiener Rafael Luzzatto aus Triest, außerdem weist die czechischc Partei zwei Juden auf, ein Novum in der Geschichte des österreichische» Parlaments, sie sind: P o l l a k, Abgeordneter der Budweiser Handelskammer und Prof, Zucker von der czechischen Universität in Prag, Abgeordneter der Städtegruppe Lcytomyschl; auch die Polen besitzen zwei Juden in ihrer Mitte, Rappvport aus Lemberg und vr, Bloch aus Kolomea, der mit nur wenigen Stimmen Majorität über den offiziellen Candjdaten des Polen-Elubs, den jüdischen Advokaten Or. Byk siegte. Nicht viel hätte gefehlt, so besaß Wien noch einige Antisemiten, darunter einen Juden, den bekannten Gemeinderath Or, Mandl, jedenfalls wäre Letzterer eni Curiosum gewesen. Dem Bevölkerungs- Verhältnisse (4,5 "/,) entsprechend, niüßten von den 353 Abgeordneten 16 Juden sein, llebrigcus ist nur einer als Jude gewählt, das ist vr, Bloch, für dessen Wahl die Weiber beteten und fasteten. Ob aber dem Judenthum damit gedient ist, ist leider sehr die Frage, (Wir lassen die hier folgende Beweisführung uns. gesch. Corresp,, sowie die Charakteristik B.'s nach seinem Vorleben, theils als zu unwichtig, theils als zu persönlich, fort. Red.) Aus Zfest wird der „Köln, Ztg," geschrieben: Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß der Antisemitismus, der in Wien noch in Blüthe steht, in Pest und in Ungarn überhaupt im Niedergänge begriffen ist. Ich will damit nicht sagen, daß die ungarische Gentry und der deutsche Bürger in Pest den ihnen nicht zu Gesicht stehenden Juden über Nacht liebgewonnen hätten; aber es läßt sich nicht leugnen, daß die Ungar, Landesausstellung zu dem Ergebinß geführt hat, daß die jlld. Industriellen einen bedeutenden Autheil des Erfolges für sich beanspruchen können, und daß auch der jüd, Grundbesitzer in der Ackcrbauhalle beachlenswerlhe Erzeugnisse ausgestellt hat. Es ist heute eine handgreiflich erwiesene Tharsache, daß die Ungar. Juden nicht allein auf dem Handelsgebiele mit Erfolg und mit Nutzen für die Handelsinteressen Ungarns wirken, sondern daß sie auch an der Spitze jener gewerbthätigen Kreise stehen, denen Ungarn seine Fortschritte auf diesem Gebiete verdankt. Diesen Thatsachen gegenüber steht dann eine andere Thatsache im Vordergründe der hiesigen polit, Ereignisse, nämlich die Auflösung der antisemitischen Reichstagspartei, eine Folge der Zerfahrenheit und Unfähigkeit jener poln, Gruppe, die vom Volke berufen wurde, den Antisemitismus im Parlament und im Lande officiell zu vertrete». Um gerecht zu sein, muß man gestehen, daß nicht allein die Verschiedenheit der Anschauungen oder der Umstand, daß die Mitglieder der Antisemitenpartei den verschiedenen Parteischatiirungen angehören, das einträchtige Wirken der Antisemiten im Abgeordnetenhause unmöglich gemacht haben; aber letztere lebten in der Ueberzeugung, daß sie in dem Kampfe, den sie im Parlament beginnen wollten, in allen Parteien auf geheime Bundesgenossen rechnen dürfen. Das aber war eine Selbsttäuschung, denn die Judcnfrage ist für Politiker und Publikum äußerst langweilig geworden. Die antisemitischen Zeitungen und Schriften blieben unbeachtet. Die Christen wollten sie nicht lesen, und die Juden auch nicht mehr, während letztere früher den größte» Procentsatz der Leser der ancisemit. Litreratur ausmachten. Hierzulande verläuft der Antisemitismus im Sande. Aus Mähren, I. Juni. (O,-Corr,) Unter großem Geräusch vollziehen sich gegenwärtig in den mährischen Gemeinden die