Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 24. (11.6.1885)
- Date
- 1885-06-11
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 — uus Allen thcnren Cremieux, der doch wahrlich mit den Orthodoxen nichts gemein hatte. Seitdem haben wir wiederholt in Deutschland antisemitischen Mißverständnissen über die A. I. U. uns ausgesetzt gesehen. Diese selbst hat durch die Znwahl deutscher Borstaudsmitglieder dem Bcdürsnitz einigermatzen Rechnung zu trage» gesucht. Allein das genügt lange nicht. Diese Bvrstaudsmitglicdcr in partibus werden wohl von bevorstehenden Sitzungen in Paris benachrichtigt, es wird ihnen wohl Gelegenheit gegeben, schriftlich mit oui oder non zu votirc», aber au den entscheidenden Abstimmungen, an der Exccntivc können sie nicht theilnehme». Seit 1865 bin ich Mitglied der A. I. 11. Ich habe ihr stets und seit i Jahren (vcrgl. „Zu Chamukka" S. 280) das wärmste Interesse gezollt. Aber, wie sic der Anlehnung an die Regie- , ruiigen, der llntersilltzung durch diese, zu ihrer Culturmission in barbarischen Landern nicht eutrathcn kann, wie sie enti standen ist unter dem prsstige des Ismxirs framjais, so i mutz ihre Organisation auch den veränderten politischen Ver- , hältnisscn gemätz verändert werde». Heutzutage gilt cs für j die Deutschen jüdischen Bekenntnisses cbensoivohl als Ehrenj Pflicht, sich ihrer nothleidendcn Glaubensgenossen in barbai rischen Ländern anznuehmcn, wie als Bürgerpflicht, dies als Deutsche und im deutschen Sinne zu thu». Lassen wir uns durch die antisemitischen Lieblosigkeiten der letzten sieben Jahre den Blick in die Zukunft nicht trüben. Sie haben keinen denkenden Glaubensgenossen irre gemacht in seinen patriotischen Gefühlen, wenn sie ihm auch oft das Göthe'schc Wort nahe legten: „Wenn ich Dich liebe, was geht'S Dich an?" Der wahre Patriotismus, wie jede wahre Tugend rechnet nicht auf Lohn, handelt „lisolrrno." Wir appelliren und hoffen von den jetzige» übel gesinnten und übel bera- : thencn Machthabern auf die besser berathenen der Zukunft. Wir sind aber sicher, datz das Culturwerk der Alliance, das lange noch nicht in seiner vollen Bedeutung gewürdigt ist — denn die Schulen, die Handfertigkeitsunterrichte u. s. w. komme» nicht blos de» Juden zu Gute, sondern auch ihren dortigen Landsleuten, sei es direct wo sie am Unterricht theilnehme», sei es indircct, durch Vorbild und Beispiel, durch Heranziehung bildungs- und leistungsfähiger Menschen — soweit es diplomatischer Mithülfc und Forderung bedarf, und die in nöthig, der deutschen nicht eutrathcn kann. Und auch darum ist eine beut) che Organisation der Allianz, eine Wiederaufnahme der 1872 begonnenen, von den Orthodoxen gestörten Selbstständigmachung dringend erforderlich. Es ninunt sich! traurig genug aus, wenn der Iubilüumsbericht der Alliance S. 10 in seinem Mitglicdcrverzeichnitz Deutschland todtfchweigt. Er zählt folgende Mitglieder aus deutschen Ländern auf: Anhalt 23 Baden 602 Bayern 2522 Braunschweig 35 Elsaß-Lothringen 1365 Hessen 520 Mecklenburg 38 Oldenburg 20 Preußen 8887*) Sachsen 121 Wllrttenberg 404 14,537 dagegen aus „Frankreich und Colonien" (unter einer Rubrik) nur 4789. Bon den 30,310 Mitgliedern, welche die Alliance überhaupt zählt (blutwenig!) kommt also fast die Hälste: 14537 auf Deutschland (auch noch wenig genug von einer halben Million!) und die deutschen Mitglieder, die Hälfte der Gesammtmitglieder, sind dreimal so zahlreich, als die französischen mit Einschluß der Colonien. Und dennoch *) Ta der Jubiläninsbericht „Hamlmrg" nickt erwiilmt, ist anznnchmen, da» er ei mit Preußen anncctirt hat (L.) ist die Centralleitnng in Paris! Allerdings besinden sich unter den 24 Mitgliedern des Paciser-Borstands — mindestens den Namen nach — zur Hälfte Deutsche bez. Deutschösterreicher. Allerdings wird wohl auch andererseits anzncrkenncn, bez. zuzugestehen fein, datz die Beiträge der französischen Mitglieder sehr reichliche sind, datz Den fürstlichen Spenden des (aus Deutsch-Oesterreich stammenden) Baron Hirsch, den .reichen Gaben des Herr» S. H. Goldschmidt, des Herrn L. M. Rothschild — Alles sranzüsirte Deutsche, — jenes Pariser Mitgliedes, das (Jubilänmsbcricht 2. 10) allein so viel beiträgt, als 12000 Mitglieder (vermnthlich wieder Baron Hirsch?) auch nur annähernd gleiche Spenden unserer Deutschen Finanzgrötzen nicht zur Seite stehen. Eine Deutsche Allianz wird hoffentlich nicht vergeblich an die Herzen der Familien Rothschild, Bleichröder. Sch.vrbacher ic. appelliren. Ihr werden die Beiträge deutscher Glaubensgenossen zahlreicher als jetzt zuflietzc», sie wird, und wenn nicht heule und morgen, so doch einst, so doch in nicht allzuferner Zukunft Gehör finden im deutschen auswärtigen Amt, das für die französische Allianze begreiflicherweise minder zugänglich ist. Mutz es nicht unser deutsch-vaterländisches Gefühl verletzen, wenn >vir S. 19 No. 18 des Jubiiäumsberichtes lesen, wie unsre englischen Glaubensgenossen ihre Anglo-Jewisk-Association in connexion wifch the Alliance israelite universelle, die österreichischen ihre „isr. Allianz" zu Wien, die nordamerikamschen ihren Board of Delegates, ihre Bnai Brith und Kesher shel Basel. Nur die Deuts ch cn Glaubensgenossen, die Hälfte sämmtlicher Mitglieder der Ä. I. 11, sollen kein Verlangen nach selbstständiger, deutscher Bereinigung habe»? Der Jubilüumsbericht streift S. 8 die hier berührte Frage — nicht der Treu n n»g, sonder» der nationalen Selbstständigw erdnng. Aber er tviderlegt sein eignes Argument: „Die Alliance thcilen, heißt sie zerstören" — durch den Hinweis auf jene englischen, österreichischen, amerikanischen Schwestcrbllnde. Nein! In nationalen Abtheilungen, die getrennt marschiren, um vereint die Humanität zu fördern, wird das Ziel der Alliance mehr gefördert, als unter der — unseren deutschen Stammesgenossen anderen Glaubens mißliebigen, uns selbst nicht eonvenirenden französischen Fahne. Ihrer, der damaligen Machtstellung Frankreichs und dem alten Cremieux danken wir die Gründung des Werks, nun giltS, der jetzigen Machtstellung Deutschlands würdig Rechnung zu tragen. Heutzutage wäre Berlin weit berechtigter als Sitz der Alliance, wie Paris.*) Aber wir beanspruchen nicht die Oberherrschaft, nur die Gle ich berech lig u ng und Selbstständigkeit der deutschen Alliauzfreunde. Jln Interesse unserer leidenden Glaubensgenosse» in der Ferne, in Hebung unserer eigenen patriotischen Verpflichtung, in wahrhafter Förderung der Alliance israelite, deren Ziele und Zwecke auch die uusrige», deren Mittel und Wege aber uns fremde sind, müssen wir Deutschen jetzt endlich das vor 13 Jahren in Angriff genommene Werk fortsetzen und wie Abraham zu Lot, sagen: „Gehst Du zur Rechten, geh' ich zur Linken, getrennt im Weg soll doch ein Ziel uns blinken." (Emil Lehmann.) (Mögen noch andere einflutzreichc Stimmen sich über diese tvichtige Frage vernehmen lassen. Red.) Berichte und Correlpondenien. Deutscbland. Breslau. (Die VII. General-Versammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen.) Sonntag, de» 24. Mai Abends 87, Uhr, eröffnete Herr vr. Samuelsohn als Vorsitzender mit freundlichen Begrü- *) Wen» Ulli Herr Lehmann nur die Berliner Männer nennen wollte, die an der Spitze dieser deutschen Allianz z» stellen dernscn. tvären.