Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 23. (4.6.1885)
- Date
- 1885-06-04
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— 190 — zu fein und wer weiß, wie lauge wir auf das Gesetz über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Israeliten werden warten müssen, trotzdem schon vor vier Jahren das Ministerium eine Enquete-Commission zu dem Zwecke einberufen hatte. Es ist allerdings richtig, daß eine Schule, die sich ihren Wirkungskreis erringen soll, als öffentliche anerkannt zu werden streben muß, aber die Anerkennung muß nicht vorangehen; bestehen ja die Rabbiner - Seminare in Deutschland, ohne behördlich anerkannt zu sein und haben doch schon segensreich gewirkt. Es ist daher unsere Ansicht, daß die Schule zuerst ins Leben trete und sich bemühe, möglichst gute Leistungen auszuweisen, inzwischen mag sich das Comite um die ministerielle Genehmigung bemühen und wird jedenfalls besser daran lhun, einen Privat-Cursus zu erhalten, der für das Organisalionsstatut die nöthigen praktischen Ersahrungeu bieten wird, als mit einem volltönenden Programm in die Welt zu treten, welches sich vielleicht später als undur chsührbar erweisen wird, (Wir können diesem Borschlage nur beistimmen, Red.) Rußland. Petersburg, Die Ungunst der Geschäftslage läßt die gegen die Juden erlassenen Gesetze auch andere Kreise recht unangenehm fühlbar werden, Sv drückt das Verbot des Gutskausens und Pachtens die Preise des Gutes und vermindert den Hypothekarcredit, Jüngst wurde eine Besitzung von 1200 Dessialin mit Schloß und Park, die jährlich 14000 Rubel erlangt, für 63000 Rubel der Bank, die die erste Hypothek halt, zugeschlagen — 160000 Rubel spätere Hypotheken fielen aus! — Das statistische Amt hat nun nach den Antwvrten aus die Frage der Judenkommission sestgeslellt, daß 1881 in den 16 Gouvernements unter 25‘/2 Million Einwohner 2 930 639 Juden wohnten (ll,4°/0). Am stärksten ist das Berhältniß in Litthauen und Westrußland, Nach dem Süden und Osten wird es immer schwächer; von den südwestlichen Gouvernements ist es in Podolieu am größten. An Land besitzen die Juden 32,280 Dessiatin (35,266,213 Hektar) etwa 3°/0 des Bodens, — Mit dem Gepachteten bewirthschasten sie 6u/0- — Im Dorfe M u ch t anj a (Bezirk Wiathe) sollen Altgläubige (Sektirer) den griech, kathol,Geistlichen haben schlachten und sein Blut zu religiösen Zwecken brauchen wollen! Wir glauben die Geschichte nicht — sollte sie trotzdem wahr sein, so mag sie es erklären, weshalb die Blutbeschuldigung gegen die Juden immer wieder Glauben findet. Der kannibalische Zug ist im Bolke noch nicht geschwunden — und was man elbst zu lhun geneigt ist, traut mait auch Andern zu! In Ibilebsk sind im April 4 Juden nach 6 monatliche Hast von den Geschworenen sreigesprochen worden (der Bertheidiger, Herr Orossvw, will eine Brochüre über den Fall veröffentlichen), welche ein Dienstmädchen, das gestohlen hatte und seitdem vermißt wurde, ermordet haben sollten, Itugustow Ist auch überall die Lust zur Auswanderung sehr rege, so tritt sie hier besonders stark hervor. Fast täglich ziehen mehrere Personen fort. Am 30, u, 31, März verließen etwa 100 Leute die Stadt, um nach Amerika zu ziehen. Die Stadt verödet sichtlich. In New-Z)ork giebts ganze Straße», die von Leuten aus dem Bezirke Suwalk bewohnt und nach ihnen benannt sind. Aus eigenen Erlebnissen berichtet der Corresponvent, daß er vor 7 Jahren in einem »ach Hamburg eilenden Zuge eine Anzahl Männer ails Suwalk, Kalwarie und Angustow unter Leitung einer Greisin gesunden hat, welche schon 20 mal von und nach Amerika gekommen war, um „ihre Leute" herbeizuholen. Sollen doch in 4‘/2 Monaten der Winterzeit 4351 Juden in New-Uork gelandet sein, Palästina. Jerusalem, vr, H, Adler bereiste das heil, Land mit Herrn Benas aus Liverpool, Deputationen der seph, und aschkenas, Gemeinde Jerusalems begrüßten ihn an der Küste schon. Er besuchte die Ackerbauschule und Pessach-Tikwah, sowie den Montesioregarten bei Sarona und diese Tlempleransiedlung, die einem kleinen Eden gleicht. In Peff. Tikwah trafen sie Herrn Wisotzky aus Rußland, der im Aufträge des Vereins Chowetve Zion bereist. 300 Pf, Strl, (6000 M,> aus dem russ, Fonds brachte vr, Adler den Colonisten mit und ließ sie durch Herrn W, vertheilen. In Jehudis überreichte man dein „Kohen den Zehnten" von großen und schönen Kartoffeln, Am nächsten Tage (27, April) berührte man ans der Reise nach Jerusalem die Colonie Rischon le Zion, vr. A, erzählte, daß der greise Sir Moses gern selbst »och nach Jerusalem gekommen wäre. Am 28. wurde die Stadt umgangen, die Westmaner des Tempels besucht — dann Visiten gemacht, auch dem Pascha, der angeblich spontan die Reisenden seinen Untergebenen besonders empsohlen und versprochen hatte, daß er den Colonisten in Peff, Tikivah das Fertigstellen der angefangenen Häuser gestatten werde. Der Leiter des russischen Palästinavereins, Fürst Mansuros, ist hier angelangt und soll 1 Million Rubel mitgedracht haben. Großartige Bauten vor der Stadt hat dieser Verein errichtet und damit eine „Russenstadt" hergestellt. In Hebron beim Haine Mamreh, bei Jericho hat er gebaut, auch eine Kirche aus dem Oelberg und eine Ansiedelung an der Seite des Berges ist sein Werk! Nun kommt iteuer Impuls. Vermischte und neueste Nachrichten. A. Magdeburg, 1, Juni, (Or,-Cvrr,) Gestern und vorgestern tagte hier die 4, ordentliche Generalversammlung der deulschenReichssechtschule;siewar sehr zahlreichvonden Vertretern aller VerbändeDeutschlands besucht. Da aus ihr das,, Grundgesetz" für das 1, Reichswaisenhaus in Magdeburg zur Berathung gelangte, hielt es unser Rabbiner für seine Pflicht, zur Wahrung des interconfessivnellen, richtiger paritätischen, Charakters dieser Anstalt den Verhandlungen von 11 Uhr Vormittags bis 6 Uhr Nachmittags eontinuirlich beiznwohnen. Er hat auch eineil glänzenden Erfolg zu verzeichnen. Seine vorgelegten beiden Anträge zu § 1 (Zweck des Waisen Hauses) waren von principieller Bedeutung. Alinea 2 lautete nämlich im Entwürfe: „Tic Sliifunl)»»' dcr Waisen geschieht ohne Unterschied des rclig. Bekenntnisses" —hierzu beantragte Dr. Rahmer den Zusatz: „ihre Erziehung aber mit Berücksichtigung desselben," Alinea 3 lautete im Eutwurs: „Tic Kinder Ivcrden zur Kirche und Schule angehaltcn," — Dr. Rahmer beantragte folgende Aeinderung: „Die Kinder wcrdcn zur Schule und zum Gottesdienste ihrer Confcssion »»geholten," Beide Anträge wurden nach erfolgter, schlagender Motivirung seitens des Hrn. vr, R, mit fast an Einstimmigkeit grenzender Majorität angenommen. Da dieses „Grundgesetz" zum Musterstatut für alle andern Reichswaisenhäuser in Deutschland gelten soll, so begreift inan die Bedeutung des ersten Paragraphen in seiner jetzt angenommenen Fassung, — Als hierauf bei der Wahl von 8 Mitgliedern für das erste Reichswaisenhaus auch Hr. vr, Rahmer in Vorschlag gebracht wurde, wurde von süddeutschen Vertretern geltend gemacht, daß es im Hinblick auf die ultramontanen katholischen Geistlichen vielleicht rathsamer sei, keine Geistlichen zu wählen und man deshalb lieber dem Herrn Oberstabsarzt vr, Rosenthal von hier die Stimme geben solle. Diesen Einwand beantwortete die Generalversammlung damit, daß sie nicht nur Herrn Or, Rahmer mit nahezu 4000 Stimmen Majorität wählte, sondern auch Herrn vr. Rosenthai, Magdeburg. Die „Preuß, Schulztg," schreibt: Wir müssen noch einer sehr auffälligen Petition aus Lehrerkreisen gedenken, die beim Herrenhause eingegangen ist, in der Konrektor Heyse zu Buczkowo bei Kolmar i. P. eine allgemeine Judensteuer beantragt. Die Kommission hat sich beeilt, dieser Petition das Zeugniß auszustelle», daß sie gar keine Beachtung verdient. Der betreffende Beschluß lautet: „Die Pe-