Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 22. (29.5.1885)
- Date
- 1885-05-29
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 182 — und Halbcrstndts, sodann aber auch für weitere Kreise von hohem Interesse erscheinen dürfte. Die Broschüre betitelt sich „Der polnische Resident Behrcnd Lehmann, der Stammvater des isr, Rcligionsgemeinde zu Dresden, von seinem Ur- Ur- Urenkel Rechtsanwalt Emil Lehmann" (zur bevorstehenden silbernen Hochzeitsfcier (am 24. Junil hcrauSgcgeben. Die Schrift verfolgt die Geschichte der Dresdner Inden bis in die ältesten Zeiten und soweit geschichtl, Nachweise lieferbar, bis zu ihrer Vertreibung, noch welcher 2—3 Jahrhundert dahingingen, che wieder eine Genossenschaftsbildung zu verzeichnen ist. Von dem Stammvater der jetzigen, blühenden Gemeinde, von seinem Ahn, weist der Verfasser viel des Rühmlichen zu berichten; er thnt cs auch mit viel Pietät und berechtigtem Selbstgefühl, denn, wenn irgendwo, gilt hier im vollsten Maaste das alte Wort des weisen Königs: „Ein Schmuck sind Ahnen ihren Enkel», wenn die Kinder die Ehre ihrer Voreltern sind," Jni Anhang befindet sich eine Stammtafel, die ebenso, wie der Gesammtinyalt, sorgfältigste und liebevollste Studien von staatlichen wie städtischen, Gemeinde-, wie Familienarchivcn vcrräth, A, Lnd. Dresden, Mitte Mai. Den soeben erschienene» Verwaltungsbericht der hies, Gemeinde entnehmen wir einige auch weitere Kreise interessirende Einzelnhcitcn, Die Ge- ' meindc zählte Ende v. I. 436 stimmberechtigte Mitglieder (neu: 36), Im Bureau gelangten zur Anmeldung (dieselbe ist freiwillig) 40 Geburten (18 Knaben, 22 Mädchen) 11 Heirathen und 38 Todesfälle, Ein im Princip wichtiger, ja gefährlicher Beschluß ist c-s, daß der Gemcindcrath die frühere Ausgabeposition für das Francnbad gänzlich gestrichen hat. Aus Wunsch des Obcrrabbiners übernahm dieser nunmehr die Verpflichtung gegen Entgelt von 200 Mk, (unter Wegfall der Position: Frauenbad, Lulab, Laubhütte) allein für diese rituellen Angelegenheiten zu sorgen; jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß weder direct noch indirect ein Zwang zur Benutzung des Frauenbades geübt werde. — An Mojes Montesiore wurde s, Z ein Glückwunsch-Telegramm gesandt, dem ältesten Gemeindemitglicd, Herrn Vorst, Jos, B o n d i, gelegentlich feiner silbernen Hochzeit eine Votivtafel mit Dichtung überreicht und der jungen Gemeinde Plauen i. V, eine Thora schenkungsweise überlassen, — Die ReligiouSjchule besuchten 133 (71 Knaben, 62 Mädchen) Zöglinge (eine ziemliche 'Anzahl genießt privaten Unterricht oder in den Instituten, denen sie angchören, durch isr, Religions- Lehrer), Außerdem weist der Bericht noch den Stand der II Wohllhätigkeilsanstalten auf und bringt zum Schluß den Cassenbericht, dem sich derjenige des Lehrer-Pens ionsfonds (Mk, 12201,20) anjchlicßt; die Einnahmen des erstcren beziffern sich auf 36533,00, (darunter 510 Mk, Zuschuß vom Eultusministcrium); die Ausgaben ans 35238,76, (darunter für den Chor 2941 Mk,). Der Bestand ist 42533,70, natüraußcr den Gebäuden und Grundstücken, Leipzig, Der Verwaltungsbericht des Vorstandes der isr. Gemeinde pro 1884 liegt uns vor und gewährt einen Einblick in den ganzen Haushalt und die Entwicklung der Gemeinde sowie aller ihrer Institutionen. Das Wachsthum der Gemeinde erzieht sich aus folgenden Zahlen: Sie zählte Ende vor, Jahres 894 Steuerpflichtige, welche 30189 Mk, steuerten, und hatte 60 Todesfälle (darunter 16 Männer), 82 Geburten und 15 Trauungen zu verzeichnen. Die Gesammteinnahmcn und -Ausgaben beliefen sich aus 41291 Mk,, unter ersteren: für Vcrmiethung von Shnagogenplätzen 8768 Mk, und ein Beitrag der Stadt Leipzig (wohl als Ablösung der jüd. Armenpflege) 600 Mk, Aus den Ausgaben sind zu erwähnen: 16,000 Mk, für Gehälter, 1700 Mk, als Subvention für den Synagogcugcsang, 900 Mk, für Miujan, die Schechita kostete 1360 Mk. und brachte nur ein 570 Mk,, Armenkasse 1200 Mk,, doch hat außerdem der Armenunterstützungs-Verein für Durchreisende 1520 Mk, und für Bedürftige in der Gemeinde 8496 Mk, ausgegeben. Eine beträchtliche Anzahl von Wohlthätigkeits- und Unterstützungs-Vereinen, sowie die zahlreichen Stiftungen geben Zeugniß von dem in der Gemeinde herrschenden regen Gemeinsinn; niehrcre Stiftungen bezwecken Förderung des Handwerks, sowie der Kunst und Wissenschaft, Der Beamtcnpcnsionsfonds ist durch freiwillige Beitäge zu 18,177 Mk. angcwachsen. Ein Posten: „Geheimer (?) Fonds" ist unverständlich und sollte in einem jüdischen Gemeindeetat lieber garnicht figuriren, «Schluß folgt,) Oesterreich-Ungarn. Wie«, 22. Mai, (Or.-Corr.) Sie haben vollkommen Recht, Herr Redakteur, wenn Sie bei Gelegenheit der Frage des Kol-Nidrc-Gebctcs die Ansicht aussprcchen, daß wir uns nicht voll Judenfeinden zu Reformen drängen lassen müssen. Andererseits aber ist es ebenso gewiß, daß man in ruhigen Zeiten die Dinge gehen läßt, wie sie eben gehen; und ist schließlich auch ein Grund vorhanden, warum etwas anstößiges beibehalten, das sonst kein Anspruch auf weitere Conscrvirung hat, Zunz in seinen „Gottesdienstlichen Vorträgen" (S. 376) behandelt bereits dieses Thema und hier in Wien würde, wie G, Wolf in seiner „Geschichte der israel. Cultnsgcmeinde in Wicn"(S, 82) berichtet, vvnSeiten des Vorstandes in Ucbercinstimmung mit dem sel, Prediger Mannheimer am 8. Juli 1845 beschlossen, das Kol-Ntdre-Gebet abzustellcn. Es wurde nämlich zu jener Zeit die Aufhebung des Judeneides bei den Behörden betrieben *) und wollte man dadurch böswilligen Anschuldigungen und Verdächtigungen begegnen, Thatsächlich erhob sich damals, so viel bekannt, nicht eine einzige Stimme gegen diese „Reform", An Stelle desselben ist aus dem großen Bußgebete von Rabbcnu Nissim die Strophe vor 'tzxs b" iO bis Dm getreten, und wird dasselbe der Melodie von Kol-Nidre vorgetragcn, — Man soll den Tag nicht vor den Abend loben. Ich vertraue daher vorläufig nur so viel an, daß die Wiederwahl des Herrn v. Schönerer, des österreichischen Stöcker, in den Reichsrath auf starke Opposition stößt, Kraka«, fOr.-Corr) Die hies, Tempelgemeinde hat einen bedeutenden Verlust durch den Tod ihres Vorstehers I, Eibenschitz erlitten. Derselbe war ei» tüchtiger Lamdan, ein gediegener Hebräer, ei» sehr gebildeter Mann, conservativ und sehr wohlthütig, er imponirie sogar den Chassidim und war eine Zierde des Tempels, Mit Recht rief der Rabbiner Or, Duschak bei seinem Sarge: „Die Krone unseres Hauptes ist gefallen." Vor einigen Jahren machte ein einflußreiches Tcmpclmitglied den Vorschlag, das Kol-Nidre abzuschaffen, um unser» Feinden jede Anklage abzuschneiden. Herr Or, Duschak wollte cs nicht zugebcn, denn, unsere Feinde würden triumphirend sagen: Sehet, wir haben Recht, daß sic ihre Eide mit dem Kol-Nidre lösen, denn, weil sie dies fürchten, lassen sic jetzt von dieser Formel, (Wie wenig stichhaltig dieser Grund, beweist die vorstehende Wiener Correspondenz, sowie die Thatsache, daß dieser „trinmphirende Ruf der Feinde" in keiner der vielen Gemeinden ertönt ist, wo man Kol-Nidre, und "121 Dtp; ö"X und den Schlußtheil des Martyrologiums „Aw horachamim", ja sogar ffNLN ffLL? abgeschafft hat. Red.) Frankreich. Zkaris. In den Kreisen der Freimaurer wird zur Zeit lebhaft für und gegen „Gott" gekämpft. In Wahrheit ist es eine Grundlehrc der Maurcrei von allem Anfänge her, daß ein höchstes Wese» die Wett geschaffen habe, daß es einen Baumeister der Welt gäbe, den idealen Maurer, vor dem alle Menschen gleich sind. (So beruht auch nach dieser Lehre, wie nach der des Judenthums die Brüderlichkeit aller Menschen auf dem Glauben an einen einzigen Schöpfer.) Nun aber haben Atheismus und Materialismus sich ans Werk gegeben, diese Grundlage zu vernichten. Man will die Maurerei cntgöttlichen und sie materialisiren! Nicht *) Das Nähere hierüber befindet sich in der historischen Skizze „I. N. Mannheimer" des oben genannten G. Wolf.