Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 22. (29.5.1885)
- Date
- 1885-05-29
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 183 — die Herrlichkeit Gottes, sondern die Niedrigkeit der Erde, nicht der Geist, sondern das Elend soll die Gleichheit und Brüderlichkeit begründen. Natürlich tritt diese Bewegung am keckste» in Frankreich hervor, wo die Radikalen am vermessensten den Kampf gegen Gott ausgenommen haben. In Deutschland ist der Kampf nur »och latent; man berührt die heikle Frage nicht, — Ein Bruder glaubt, der Andere leugnet — ein Meister ehrt, der Andere lästert Gott — und doch meint man den Ritz verkleistern, überlünchcn zu können! Dagegen hat England wieder sich zum Champion aufgeworfen. Die Großloge von England, deren Protektor der Prinz v. Wales ist, hat alle Verbindung mit dem Groß-Orient von Frankreich abgebrochen. Auf die Forderung des Herrn Cousin, diesen Beschluß aufzuhcben, hat der Oberst Clarke int Aufträge des englischen Kronprinzen geantwortet: Der Glaube an das Dasein Gottes ist ein Grundprincip der Freimaurerei. Da dieses vom Groß-Orient von Frankreich nicht anerkannt wird, kann keine Verbindung mit ihr unterhalten werde»! So sehr wir aller Intoleranz abhold sind, so sehr müssen wir diesem Beschlüsse unsere Anerkennung zollen. Denn daß nichts so intolerant und verfolgungssllchtig, fanatisch und schrankenlos ist, wie der Nihilismus, der Atheismus, das haben die franz, Radikalen schon sattsam gezeigt. Sie wollen jeden Gottesgläubigen außerhalb des Gesetzes stellen, auch die Büchcrcensur einführen, um Gottes Rainen auszumerzen! Ließe man sie ungehindert gewähren, so würden die Logen Brutstätten dieser Feindschaft gegen Gott werden! Darum begrüßen wir sreudigst die Bundesgenossenschaft der englischen und (hoffentlich auch der deutschen) Freimaurer im Kampfe für Gott! (Daran knüpfen wir die nie zu oft wiederholte Mahnung: Ihr GotteSgläubigcn, Ihr religiös Gesinnten, laßt ab von Hader und Zwietracht — der Feind stürmt an, ordnet gegen ihn die Reihen! Was soll der Streit, >v i c man Gott erfassen, w i e inan ihn verehren soll, wenn alltäglich kecker die Rufe werden: Es giebt keinen Gott!? Druni Frieden herrsche zwischen Allen, die Gottes Namen lieben — Frieden und Eintracht zunt siegreichen Kampfe für Gott!) Naris, Die Vorprüfungen für die Confirmation geben Arch, isr, Veranlassung, daraus hinzuweisen, wie bei dem geringen Matze des erforderten Wissens besonders eine Lücke sehr weit klafft, nämlich, daß nicht Kenntniß der religiösen Praxis die Voraussetzung in der Confirmation ist. «Lehr praktisch und auch für Deutschland, wo der Confirmandcnuntcrricht zumeist mehr leistet und in der angedeuleten Beziehung Ersprießliches bewirkt, beachtensiverth ist der Vorschlag , die Confirmandeu eine bestimmte Zeit zum Besuchen des Gottesdienstes anzuhaltcn. — Die katholische Kirche soll die Seeligsprechung des Pater Libermann, eines getauften Juden, vvrbereiten, der die Vereine des heiligen Herzens Maria gegründet hat, — Eigenthümlich berührte das Wiedcrwecken einer seit der großen Revolution vergessenen kirchlichen Feier einer sogenannten Hostienschändung (von 1290) hier in Paris in der Zeit vom 14,—16. April Das werden gebildete, wenn auch noch so fromme Katholiken nicht mehr leugnen, daß die Hvstienschändung jedesmal Judenmord gewesen ist. Seltsam also kontrastirt das niit den erfreulichen Symptomen, von der Bundesgenossenschaft aller Gottcsgläubigen, Haben ja 2 Bischöfe (die von Rnnes und Nancy) in Hirtenbriefen Sätze angeführt, welche Herr Ad.Frank in einem Vorirage gebraucht hat — und haben doch Geistliche denselben Herrn zu einem Vortrage beglückwünscht, in welchem er gegen den Atheismus und Positivistnus, wie gegen die philosophircnde Ziveifelsucht ankämpft. — Am 9. Mai hielt Herr Gaston-Paris (vom Institut) einen Vortrag ttt der Gesellschaft der jüd, Studien über die Parabel der 3 Ringe. Wir kommen darauf zurück. In der Generalversammlung eines Israel. Wohlthätiglettsvereins hob der Vorsitzende unter den Spenden mit besonderem Nachdruck die hervor, welche der Militärarzt, Herr Drcyfuß aus Anlaß seiner Erhebung zum Ritter der Ehrenlegion aus Tonkin gesandt hat, — Einem WohlthätigkeitSvereine hat der Kassier 400 fr, verbraucht, bevor er sich entleibt hat. — In L u n e v i l le ist der Schammes Hesse, der länger als 45 Jahr das Factotum der jüd, Gemeinde gewesen ist, unter Theilnahme aller Kreise der Bevölkerung beerdigt worden, Uermischte und neueste Nachrichten: Kalle a. S, Auf eine Eingabe des hies. Vorstandes an die Regierung in Merseburg wegen Theilnahme der jüd. Schulen am Religionsunterricht, erfolgte folgender Bescheid: „Wir erklären uns infolge des Berichtes vom 28. Februar er, Nr. 2139 damit einverstanden, daß die dortigen jüdischen schulpflichtigen Kinder dem Unterrichte in der von der dortigen Synagogengemeinde eingerichteten Religionsschule beizuwohuen haben, wofern nicht nachgewiesen wird, daß diese Kinder anderweit und genügend in ihrer Religion unterrichtet werden," Meminge«, 12. Mai. Gestern fand hier vor der Strafkammer 1 l, die Verhandlung statt in dem Beleidigungsprozeß, welchen der Magistrat und die jüdischen Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung zu Berlin gegen den Oberförster Cochius angestrengt hatten, C, hatte in der seltsam bekannten Manier antisemitischer Winkelblütter über die „Juden" in der Berliner Stadtverwaltung raisonnirt und wurde wegen öffentlicher Beleidigung der jüdischen Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung zu 100 Mk, Geldbuße verurtheilt. In Betreff des Magistrats konnte nicht erwiesen werden, daß derselbe vom Angeklagten gemeint sein müsse, Westpreußru. Auf der Internationalen Ausstellung in Budapest erhielt ein Israelit aus unserer Provinz, Herr S a l o m o n in Hohenhausen, den Staatspreis von 10,000 Fl, für Gesamnttleistung auf dem Gebiete der Viehausstellung erhalten. Zkaris. Dem Vernehmen nach will das Centralcvnsistorium, nachdem 10000 Frcs, für den Unterhalt der Zöglinge des Rabbinerseminars von Den Kammern gestrichen worden sind, die Zahl der Schüler verringern, indem keine Aufnahme stattfinden soll, bevor nicht eine bestimmte Anzahl entlassen ist, Petersburg. Ein Werk des Uhrmachers Etieser Leiserowisch erregt großes Aufsehen, Es ist eine Uhr mit 8 Zifferblättern, welche die Zeit von 8 europ. Hauptstädten angcben. Das Werk besteht aus 97 Theilen, in welchen etwa 300 Stifte, von denen viele mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Die Uhr geht 3 Wochen — 2 Jahre lang hat der Meister daran gearbeitet — der Preis ist 800 Rubel. Petersburg. Außer Herrn Samuel Poliakoff sind auch Baron Günzberg und Anwalt Bank zu Stadträthen gewühlt worden, Herr Jacob Poliakoff wurde zum wirkt. Staatsrath ernannt, Joppe, Ein Antisemit, der hier gelandet tvar und nach Jerusalem wollte, ließ sich eiuen Wagenmeister rufen: „Besorge mir einen Platz aus ement Wagen, doch darf weder ent jüdischer Kutscher noch ein jüdischer Passagier, noch sonst irgend etwas Jüdisches darauf und daran sein! Mit tiefem Bückling ertviderte der Wagenmeister: Es thut mir leid, mein Herr, daß ich ihrem Wunsche nur in einem Stücke Nachkommen kann: die Pferde werden sicher keine — Juden sein. Jerusalem, Das hier erscheinende hebr. Blatt „Hazwi" protestirt energisch „um der Wahrheit willen" gegen die Beschuldigung des „Hameliz", daß Chalukaleute die Regierung veranlaßt hätten, die Thore des Landes vor den Kolonisten zu schließen. Im Gegentheil wäre selbst von ihnen Alles aufgeboten worden, diese Verfügung rückgängig zu machen. Auch die Berliner „Jüd. Pr,", meint das jerusalcm, Blatt, hat wohl geträumt, als sie berichtete, daß im Adar in Jerusalem Schnee gelegen habe — oder sie hat sich verlesen? und Blllthenschnec der Mandetbäume in Winterschnce verkehrt.