Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 22. (29.5.1885)
- Date
- 1885-05-29
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraha m's soll die Anstalt geleitet werden. Das wollen wir thnn, aber nicht in der Form, wie diese Herrn die Wissenschaft des Judenthnms anfsasse». Seit R. Mordechai Benets im Jahre 1829 erfolgtem Tode ist die Wissenschaft der Thora bei uns immer mehr zurückgegangen, und seil den fünfziger Jahren ist sie für die Jugend ansgestorben. Wir Alten muffen uns fragen, worin liegt das, daß wir, die bei einer Jugend voll Entbehrungen, bei einem Lebe» von Kummer und Arbeit immer mit idealster Liebe an der Thora hinge», nufere Jugend nicht dazu erziehen können, und die Antwort darauf ist, weil man, statt im Geiste unserer Vorgänger zu wirken, nur in ihrer Form wirken wollte, und sieh die Augen verschloß vor den Anforderungen der Zeit. Unter R. Mordechai Benet war der Pilpul auf der höchsten Spitze seiner Entfaltung. ES konnte nicht mehr so weiter gehen, daß man denjenigen verpönte, der ein deutsches Buch oder auch nur ein hebräisch-philosophisches Werk las: Unsere Jugend wurde in der Schnle nach ästhetischen und pädagogischen Grundsätzen gebildet und anderseits mnthete man ihr zn, die pilpulistischen Künste des für Wissenschaft und die talmndische Haggadah für Wahrheit zu halten. Hirsch, dessen Bedeutung ich nicht unterschätze, ist also ebensowenig nach dem Sinne R. Mordechai Benets als es Grätz ist. Wie sehr ich Recht habe beweist, daß nicht nur R. Mordechai Benet, sondern sogar seine Schüler, wie Salomo» Quetsch, R. Löb Berlin, R. Beer Oppenheim und andere Hirsch für einen Ketzer, für einen Am-ha-Arez gehalten habe», von denen einige mir und meinen Zeitgenossen dies offen und unverholeu ansgesprochen haben. Es ist also eine Sünde gegen das Andenken R. M. Benets ihn mit Hirsch auf eine Stnse zu setzen, und R. Abraham Plaezek, als seiner unwürdig anszuschließen. Was R. Nahum Trebitsch betrifft, so ist, bei aller Hochachtung vor dem Manne, dessen Schüler ich war, doch nicht zu leugne», daß er keine hervorragende Stellung eingenommen hat, daß er gerade derjenige war, unter dem die Thora in Verfall gerieth, und die Autorität des Laudesrabbiuats gesunken ist. Hirsch hat sich für unsere Heimath gar nicht schöpferisch erwiesen, er konnte die Verhältnisse nicht beherrsche», den Rabbinern galt er als religiös bedenklich, für die Privaten halte sein ganzes Wesen zuviel fremdartiges. Daß er dies selbst empfunden haß beweist der Umstand, daß er das Landesrabbinat verließ, um Rabbiner einer Privatgesellschaft zu werden. Wenn wir sein schriftstellerisches Anstreteu betrachten, so glaube ich nun nicht, daß matt in seinem Geiste junge Leute unterrichten kann. Um es kurz zu sagen. Im Sinne R. Mordechai Benets läge das Judenthum des 18. Jahrhunderts, das Jndentbum Jacob Emdens, Ezechiel Laudau's, und anderer großer Tal» mudisten, das heißt, wir müßten den Talmud in seiner dialektisch zugespitzten Behandlung zum ausschließlichen Gegenstand des Unterrichtes machen. Im Sinne R. Mvrdechai's dürfen wir also unsere Jugend nicht uuterrichteu. N. Nachum Trebitsch' Name war nur aus Gründen der Parteitaktik angeführt. In seinem Geiste können wir nicht unterrichten und im Geiste Samson Raphael Hirsch's wollen wir nicht unterrichten. Unsere Kinder sollen nicht solche Wort-Ungeheuer verschlucken wie „Machtmißbranchsvollbringer" (Ps. 928.) oder „der Träger der vereinenden Zeitmomente" wie Hirsch Ps. (90.1) übersetzt, sie sollen nicht solche Etymologien •erneu wie Hirsch zu I. M. 19.8 angiebt, daß mp das Sach von mp rufen abzuleiten sei, weil die gegeneiiiandergeneigteu Dachsparren sich zu rufen scheinen. Wenn der Herr Artikel-Schreiber das wahre Wissenschaft nennt tnt Gegensatz zu der falschen des Breslauer und Pesther Seminars, so danke ich für die wahre Wissenschaft und bleibe schon lieber bei dem alten Pilpul. Unsere Kinder sollen im Geiste Mordechai Benet's unterrichtet werden. Das, was uns heiliger Ernst ist in unserer Religion sollen sie lernen, sie sollen die Bibel, sollen den wahre» Geist des rabbiuischen Judenthnms kennen lernen, nur soll mau ihnen nicht eine Karrikatnr des Judenthnms als Wahrheit seiner Erscheinung anpreiien und verständigen jungen Leuten zumutheu, das für Verstand zu halten, was unverständig ist. __ Mir war ein einziger Lohn von t Kindern geblieben. Ich wollte ihn, wie mein Vater mich, nach dem Ansspruche R. Nehorai's (Kidduschin) ausschließlich der Thora widmen und übergab ihn einem Rabbi in Nikolsburg, der ihn lehrte, daß Körrig David thatsüchlich nur 60 Athemzüge in jeder Nacht gethau habe, wie es die talmndische Haggadah lehrt, (Bereich. 36), der ihm die Anweisung gab, wie man die Schedirn von den Fingerspitzen verbannen müsse, wenn mau des Morgens sich wasche. Dadurch wurde mein Sohn der Thora entfremdet, da er in dem kritische» Alter rationalistischer Zweiselsucht am allerwenigsten geneigt war, derartiges auszunehmen. Hätte er aber mit dem jungen Manu verständig die Bibel gelernt, hätte er ihm aus der Einleitung des Maimonides zum 11. Abschnitte von Sytchedriu die richtige Meinung über talmndische Haggadah beigebracht, hätte er ihm jene Theile des Talmud zugesührt, die durch allgemeine Rechtsanschaunugen klassisch sind, so wäre mein Sohn, wie viele andere junge Leute, der jüdischen Wissenschaft erhalten geblieben. Er hätte mindestens eine Achtung vor dem Geiste des Judenthnms bewahrt, das ihm in der tradirten Gestalt höchstens ein Curiosum sein konnte. Zum Schlüsse noch eins: Wir alten Familienväter Mährens, die wir für unser Judenthum die schändlichsten bureaukratischeu Plackereien erdulden, die Familientaxe, Verzehrungssteuer bezahlen, die gerechtesten Ansprüche des Lebens von seilen Beamten erkaufen mußten, wir, die unter großen Opfern Sabbath- und Speisegesetze beobachtet haben, wir, die wir nach unserem Verstände für den Unterricht unserer Jugend mit schwerer Mühe gesorgt haben, wir haben es nicht uöthig von Herrn, die ans nicht näher zu erörternden Gründen ihr Rechtglüubigkeit in alle Welt ausposauuen, Belehrungen anzunehmeu, über das, was Judenthum heißt, wir brauchen uns nicht von denen au unsere Vorfahren erinnern zu lassen, die selbst, wo das Parteiinteresse heischt, gegen deren Beispiel handeln. Ich will nur erinnern, daß wir erfahren haben, Mädchen einer orthodoxen Religiousschule wären in Münnerkleidnng bei einer Schülerakademie ausgetreten. Mein Zweck war nur Darlegung des Standpunktes, wie ein alter mährischer Jude sich die Zukuust des jüdischen Unterrichtes denkt und das ist allerdings mehr im Geiste deS selige» Zach. Frankel, als im Geiste Samson Hirsch's. Kanitz, am 1. Tage der n^>2:n '2° '1 Ö045 17. Mai 1885. Jissachar Bär Deutsch. Berichte und Corresponden;en. Dcutscbland. Magdeburg, 26 Mai. (Or.-Corr.) Gestern und heute tagte hier der Verein isr. Culturbeamten Mitteldeutschlands, zu welcheii 36 Theilnehmer (Rabbiner, Prediger, und Lehrer) sich angemeldet hatten; der deutsch-isr. Gemeindebund ehrte die Conserenz durch eine Delegation von zwei Vertretern, H ausdorss-Leipzig und Leszynsky-Berlin. Zum Sitzungssaale hat der Magistrat die schöne Aula der jüngst erbauten Lutherschule — die in der Nähe unseres Tempels und der jübischen Religionsschule liegt — bereitwilligst überwiesen.