Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 22. (29.5.1885)
- Date
- 1885-05-29
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 17S Sutten wir ein Bitd geben von den Gefahren, denen wir entgegen gehen, wenn nicht batd geholfen wird? Von den Schäden, an weichen unser Religionsunterricht krankt? Wohlan, es sei! Aber zuerst müssen wir reden von den schändlichsten Auswüchsen, damit daS Volk wisse, wie es in der That aussieht. Da sind zuerst die, die gar keinen jüdischen Religionsunterricht genießen, Wißt Ihr, was das bedeutet? Kennt Ihr die Folgen? Ties im Menschenherzen ruht das Gottesbewußtsein, die Sehnsucht nach dem Höheren! Jahre können vergehen, ehe diese- Gefühl lebendig wirbt aber dann, wenn das Lebensschifflein an einen Felsen gerathen nt, wenn es zu zerschellen droht, da jucht der Mensch nach dem, was ihm den Frieden des Herzens geben könnte: und, wenn er es nicht findet im eigenen Gute, greift er nach dem, was sich ihm zuerst bietet! Seht da die Quelle» des Abfalls! Soll ich deutlicher schildern? Fragt Euch, ivas aus den Kindern werden soll, die gar keinen Religionsunterricht genieße», der ihnen doch den sittlichen Halt geben müßte im Leben! Und fragt Euch wieder, was aus denen werden soll, die, o tausendfache Schmach, einen Unterricht mit genießen in einer Religion, die nicht die ihre ist, in der sie nicht geboren, zu der sie nicht erzogen, für die sie keinen Wiederhall finden im eigenen Herzen, der jetzt nichts für sie ist und im Leben nichts für sie werden kann! Das ist noch schlimmer als gar kein Religionsunterricht; denn eS ist eine Mißachtung des eigenen und des fremden Glaubens; eine Heuchelei, ein Schein, der der eigenen Religionsgemeinschaft wohl entfremden, aber das Herz nie zur anderen führen kann! Esgiebtkein religiöses Bewußtsein ohne Pietät, und die wird nur im eigenen Religionsbekenntniß rege und lebendig und ausdauernd! Ist das nicht ein frevles Spiel mit dem Heiligsten? Könnt Ihr von diesen Kindern, die Ihr nicht als Geschenke Gottes betrachtet, Liebe und Vertraue» erwarten, während ihre Religion selbst ihnen nichts ist — als eine Lüge? Nicht viel weniger schlimm ist's, wenn das Haus nur Gleichgültigkeit oder gar Spott hat für das, was in der Schule als Religion gelehrt wird, wenn die Mutter und der Vater von der Religion spreche» in einem Tone, der das Gemüth kalt läßt oder — seine Saugwurzeln ertötet; wenn sie ihre Kinder, wie sie sagen, frei erziehen wollen; wenn sie selbst sich erhaben dünken über alle Religion und die Lehre und den Lehrer der Religion verächtlich machen! — Und nun wollen wir reden von den Tausenden, welche einen Religionsunterricht genießen, der dem Geiste und dem Herzen des nach den Anschauungen und in der Weise unserer Zeit ausgebildeten Kindes nichts bietet, tveil er dem übrigen Wissen in Form und Inhalt nicht ebenbürtig ist; weil er sich nur an die Schale hält, während der Keru verschlossen bleibt; weil die Lehrer nicht im Stande sind, einen Geist und Herz bildenden Religionsllnterricht zu ertheilen, weil sie in Wissen und pädagogischer Kraft und Schulung unter den übrigen Lehrern, ja zuweilen im Wissen selbst unter den Kindern stehen: weil diesen Lehrern noch nicht die Ahnung ausgegangen von der Hoheit, Würde und Verantwortlichkeit ihres Berufes; weil sie in des Wortes doppelter Bedeutung Tagelöhner und Handwerker sind; — und diese Menschen sollen den Idealismus pflegen und die Kindesseele nähren und für das Höchste begeistern! — Auch von den Gemeinden wollen wir sprechen, die für geringen Lohn einen s. g, Religionslehrer slichen und wählen — blos damit der Schein gewahrt werde; von den Vorständen, die ihre Schuldigkeit gethan zu haben glauben, wenn sie sparen und die vergessen, daß sie selbst eine schwere Verantwortung zu tragen haben für die Zukunft; daß sie gewisseriuaßen selbst — Erzieher sein sollen der Religionsgemeinde, Von den Eltern wollen wir sprechen, die das Beste wollen, aber doch ihre Kinder auch schonen möchte»; und da an der Zeit für Tanzen und Klavierspielen und fremde Sprachen nichts herabgemindert werden kann — soll es in Gottes Namen am Religionsunterrichte sein! „Es wird doch seine Thora noch lernen," heißt es da! Das sind die Gebrechen und die sollen geheilt, müssen geheilt werden. Und sie können geheilt werden, iDciin I h r nur wollt! Sehen wir zu, wie das fertig zu bringen ist. Die Mangel erken neu und den Willen habe» sie zu beseitigen, heißt sie schon zuin Theil beseitigt haben. Der JndifferentiSmus ist der Tod, Wissen und Wollen, was uns Roth thut, ist Leben; Nichts wissen und das Gute tticht wollen, ist der Tod. So suchet denn das Leben, (Fortsetzung folgt.) Aus Mähren. Es ist dies heute zum ersten Male in meinem Leben und bei der kurzen Zeit, die mir voraussichtlich noch gegönnt ist, wohl zum letzten male, daß ich in einer Zeitung auftrete und wenn Ihre an schriftstellerischen Erstlingswerken nicht gewöhnten Leser den Grund wissen wollen, so bin ich unbescheiden genug, zu sagen, daß ich meine, ich wäre einer der Wenigen, die über dieses Thema zu sprechen berufen sind. Der äußere Anlaß ist der Umstand, daß, kaum daß die Idee der mährischen Judenschaft, ein rabbinisches Proseminar ms Leben zu rufen bekannt geworden war, schon ein Organ der Orthodoxie der Sache einige Krokodilsthränen nachzutveinen sich verpflichtet glaubte. Nun ist dieses Blatt bei uns wenig gelesen und nur die Güte eines Freundes verschaffte mir die betreffende Nummer, Ich könnte es daher übergehen, wenn es sich einzig und allein um den Einfluß der Publication auf hiesige Kreise handelte. Anderseits hoffen wir nicht auf Zuspruch aus jenen Gegenden und werden uns begnügen, wenn die Jünglinge aus unserer Heimath hier den Ansporn erhalten werden, sich dem Studium der jüdischen Wissenschaft zu widmen. Aber der ganze Ton dieses Artikels, der thut, als hätten die Juden Mährens ihre Vergangenheit verleugnet, zwingt mich aus meiner Reserve herauszutreten. Noch keine einzige offizielle Enuntiation über das Wesen des zu gründenden Proseminars ist erfolgt, und schon fühlen die Herren Orthodoxen, daß es damit nicht ganz geheuer, „daß ich ganz sicher ein Genie, vielleicht gar wohl der Teufel bin," Ja, wenn es im Geiste R. Mvrdechai Benets, im Geiste eines Rachum Trebitsch und eines Samson Hirsch geleitet würde, dann könnten die Herren ruhig schlafen, so aber müssen sie mit srommeni Augenverdreheu die Befürchtung aussprechen, daß da nichts Gutes herauskommen werde. Zunächst ist cs ein schweres Unrecht, daß der Artikel-Schreiber im „Jeschurun" den Namen des jüngst verstorbenen Landes- Rabbiners R. Abraham Placzek nicht erwähnt. Dieser Mann war es, der in der Versammlung der Rabbiner, Lehrer und Vorstände, welche die Regierung im Jahre 1867 einberufen hatte, die Idee einer rabbinischen Vorbildungsschule auf das wärmste befürivortete, und mit Spott überhäuft wurde, weil er, der fronime Mann, verlangte, daß man aus dem Lsix "Ti unterrichten solle, und das ist doch gewiß nicht gegen die