Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 21. (21.5.1885)
- Date
- 1885-05-21
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 159 — Mtzte, wenn man ihm einen 3 ten anschnürt! Natürlich ist es ebensowenig vernünftig, ohne eine auf die Ursachen zurückgeheude Diagnose wegzuschneiden. — In dem Artikel: „Reorganisation der jüdischen Religionsschule x.“ in den jüngsten Nrn, unseres „Littcraturblatt's" ist von sehr sachkundiger Seite ein ernster Versuch gemacht, die Ursachen der Krankheit unserer Religiousschu le darzulcgeu, Dieser Artikel ist höchst sachlich gehalten, er tritt sogar im Schuürleibe von §8 aus, was wir natürlich nicht als tadelnswerth bezeichnen wollen, im Gegentheiie ist es gerade die nüchterne Sachlichkeit desselben, was seine Ucberzeuguugskraft erhöht, — Allein — so paradox dies klingen mag — der Artikel ist zu sachlich gehalten! Wen» der gesch, Verfasser desselben sich bloß daraus beschranken wollte, die sachlichen Ursachen des Verfalls unserer Religionsschule darzulegendann wollen wir mit Göthe sagen: „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meisters wenn er aber der Ansicht ist, daß dem krankhaften Zustande unserer Religiousschule nur sachliche Ursachen zu Grunde liegen — — bann müssen wir sagen: nein, cs sind auch persönliche Ursachen vorhanden! Um es kurz z» sagen: Unsere Lehrer-Seminare, namenrlich die Persönlichkeit der Direktoren derselben, sie tragen de» größten Theil der Schuld an der Misere unserer Rcligionsschulen, — Wir wollen mit einer allgemeinen Betrachtung den Erweis - für diese Behauptung einleiten, ■ Es ist schon wiederholt in unserem Blatte ausgesprochen! worden: das Judcnlhnm der Gegenwart besitze auf allen; Gebieten der Wissenschaft und der Kunst ein bedeutendes Cvntiiigcnt von Koryphäen ersten Ranges, In der Medizin hatien wir einen Traube, einen Waldenburg, haben wir noch : eine stattliche Reihe Sterne erster Größe; in der Philosophie habe» wir einen Lazarus, einen Sieinihal n, s, tu.; in der Naturwissenschaft hatte» wir einen Remak; in der Musik , «inen Meherbecr, Mcudelsohn u. j. w. — — wir nennen nur wenige Namen, die uns gerade nahe liegen, deren Anzahl leicht verzehnfacht werden könnte — und so auf allen Gebieten, : Aber ein Gebiet giebt es, aus dem wir auch nicht einen einzigen bedeutend en Namen zu verzeichnen haben und gerade auf dem Gebiete, wo man die Juden ' vor allen andicrn in erster Linie als Bahnbrecher und Leitsterne, als die Träger der ältesten und zugleich modernen, ewig moderncn, Cnltur erwarten sollte — auf dem Gebiete der Pädagogik, Man nenne uns einen einzigen jüdischen Namen, der in der Pädagogik von der Be- : deutung wäre, wie etwa Traube in der Medizin, Steinthal! für Sprachwissenschaft u, s, w,, n. s, w. j Wie kommt das? Das Judenthum, das in dem Ruhme I steht, für die Erziehung seiner Kinder die größten Opfer zu ' bringen; das in allen höher» Schulen das verhältnißmäßig größte Schüiercoiitingcnt stellt; das seit den ältesten Zeiten das D isscn aufs höchste schützte; das fast urmittelbar neben seinem “m TI i:\T7K TI SEW das -piS vernommen; für dessen größte Weisen nicht das Wissen, das 71I2^?T>, sondern das Lehren, das von jeher als höchstes galt; das sich als den Hohenpriester im Tempel; der Erziehung des M ensü engrschlr ch tes betrachtet das das ewig gültige 1277 "B Ss Ti'iS "pH vor Jahrtausenden gesprochen-das Judenthnm hat aus dem Gebiete der Pädagogik nicht einen einzigen Namen ersten Ranges zu verzeichne»! — Wir glauben, den historischen Grund hierfür in dem religiösen Idealismus der rabbinischen Gelehrsamkeit, wie er von den ältesten Zeiten bis vor wenigen Jahrzehnten herrschte, erblicken zu dürfen. Die rührend uneigennützige Ausfassung des „PIÖET? Lernens", das Lernen, „rein BW EffiS", hat einerseits den herrlichen Grundsatz gezeitigt: >6i HB SnjmS mtffS Nvrn TK TC “BhP DYTO; daneben aber auch die naive Anschauung, daß die Absicht (NBVP) das einzig werthvolle Moment beim sogen. „Lernen" sei, daß cs also auch ein gottgefälliges Werk sei, wenn man ET sich mit dem religiösen Schriftthume beschäftige, auch dann schon, wenn man »och so wenig, oder auch gar nichts davon verstand. Wer von uns hat nicht Männer gekannt, die ihr ganzes Leben in Entbehrung zubrachten, um nur über der K723 sitzen zu können. Diese Männer wurden von allen talmudischen Größen aufs höchste wegen ihrer frommen Gesinnung geehrt und geschätzt, obgleich es unter uns allen ein offenes Gcheimuiß war, daß es darunter auch Querköpfe ersten Ranges gab, die nicht im Stande waren, auch nur ein Blatt X7Ö3 klar zu verstehen, — Wenn aber die gute Absicht genügte, so war eS natürlich, daß man sich um das Pädagogische und Methodische keine grauen Haare wachsen ließ. Der Schüler konnte ja in jedem Falle sein Ziel, daS höchste Ziel erreichen: ju (erneu, ob er etwas begriff oder nicht, — Wenn man darin nun auch nicht so weit ging, daß man solche leere Köpfe um ihrer guten Gesinnung willen zu Lehrern vorzugsweise anstcllte, so war doch diese Anschauungsweise der Grund, daß man bei der Wahl eines Lehrers mehr darauf sah, einen „großen paS", (Lcrner), als einen „guten IBTÖ" (Lehrer) zn erlangen. —■ Die Folge davon war, daß alles Wissen innerhalb des; Judenthums in höchstem Ansehen stand, sogar alle bloße; Beschäftigung mit Wissenschaft, aber, eben weil das letztere! der Fall war, die Form des Unterrichts, die Mei thvde, vernachlässigt und dem Ermessen des Einzelnen überlassen wurde. Die Pädagogik und Methodik dienen eben nicht der Wissenschaft, sonderndem praktischen Leben: : zum Theil sogar — den time is money, — der möglichst schnellen und leichten Erlernung und der Fruchtbarmachung der Wissenschaft, Da der talmudischen Gelehrsamkeit aber alle : eigennützigen Gesichtspunkte des praktischen Lebens fern waren und bleiben sollten, so führte naturgemäß die reichste Pflege ' des Lernens und Lehrens zu keiner Kunst des Ler-! nens und Lehren s, d. h, zu keiner Pädagogik und Methodik, — Die Hvchschätzung des naV^-Lernens ist leider bereits ' ein überwundener Standpunkt, aber diese Bernachläs sigung und Geringschätzung der Pädagogik ist — noch heute im Judenthum herrschend, selbst da herrschend, wo sie hauptsächlich bekämpft werden sollte, wo es sich um Ausbildung von Lehrern handelt, in unsere Lehrerz Seminaren, und daher der Verfall unserer Religionsj schule, —! Eine schwere Anklage, aber leider leicht zu begründen! j Worauf sieht man bei der Besetzung der Dircktorstelleu unserer Lehrer-Seminare? Auf nichts, als auf das Dr.< und Ra bbiner-D iplom! Ob der Mann auch ein Pädagoge ist? Darnach wird wenig gefragt. Eines unserer Lehrer-Seminare hat sogar einen Rabbiner ohne alle akademische, ja sogar ohne Gymnasial-Bildung zum Direktor, einen Mann, der ei» tüchtiger Talmudist ist, aber notorisch nicht correkt Deutsch schreiben kann. Einen bedeutenden Pädagogen sucht man vergebens an allen uusern Lehrer-Seminaren. Anstatt daß unsere Lehrer-Seminare in pädagogischer Hinsicht Musteranstalten sein müßten, iveil sie Männer auszubilden berufen sind, die unsere Religion gegen die doppelte Brandung des Materialismus unserer Zeit und des spezifischen jüd, religiösen Judifferenlismus in dem Boden des kindlichen Herzens ankern zu lassen die Aufgabe haben, stehen sie in pädagogischer Ausbildung der Lehrer für unfern Religionsunterricht unter dem niedrigsten Niveau der staatlichen Lehrer-Seminare, Selbst da, wo unsere Lehrer-Seminare staatliche Anerkennung haben, also Elemcntar-Lehrer ausbildcn, da wird in den bürgerlichen^ Disziplinen die methodische Ausbildung wohl mit Sorgfalt gepflegt, zum Theil freilich durch nichtjüdische