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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-05-21 · N° 21. (21.5.1885) · p. Seite 158

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 21. (21.5.1885)
Date
1885-05-21
Page
Seite 158 (sequence 2)
Language
German
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— 158 — Zn Schabuoth. Der Midrasch lehrt: NL2N ns r« „Jedes Volk ist grade so viel Werth, als cs eigenartige Weisheit zu Tage fördert." Heut zu Tage wachsen die Nationen wie Pilze aus i der Erde, urplötzlich besinnen sich in irgend einem entlegenen Winkel Europa's einige tausend seiner Insassen darauf, daß sie neben der gebildeten Sprache des Staates, dem sie angehören, noch für den Hausgebrauch ein armseliges Kauderwelsch besitze»; irgend ein romantisch angehauchter Gelehrter, der aus dieser Gegend stammt und natürlich seine Bildung der Kuitursprache seines Landes verdankt, erinnert sich in seiner Jugendzeit von alten Mütterchen oder junge» Mädchen einige Lieder in diesem Jargon gehört zu haben, die natürlich nur die allbekannten Gegenstände der Volkslieder behandeln und nur durch die Dürftigkeit und Unbeholsenheit des Ausdrucks originell erscheinen; er sammelt sie und dieses Volk von gestern hat eine Litteratur von heute und verfällt der Unkultur, indem cs sich von der großen europäischen Civilisativn und ihren Kuliursprachcn abschließt. Da meint denn der obenerwähnte, dem alljüdischen Schriftthum entlehnte Satz: nicht auf die besondere Sprache, sondern auf die besondere Weisheit kommt es an, durch die eiu Volkdasein:- berechtigt wird im Chor der Nationen. Bietet Juda noch heute den Völkern iolch eigcnthümliche Weisheit? Nun, uns Juden könnte cs in gewissem Sinne ganz recht sein, wenn auf diese Frage die Antwort verneinend ausfiele. Schon lange genug tragen wir unsere Weisheit zu Markte, das Buch, das sie enthält, ist in aller Händen, und so wäre es am Ende so wunderbar nicht, wenn dieses Buch nun auch in Fleisch und Blut der Menschheit llbergegangen wäre. Was könnte dem Juden mehr verwünscht sein, als wen» dadurch die Berechtigung seiner Existenz aufhörtc, weil seine Mission erfüllt ist! Aber dazu fehlt noch Vieles; und doch ist auch wiederum schon so viel erfüllt, um uns Vertrauen einzuflößen, daß auch noch die übrigen Theile der Verheißung sich verwirklichen werden. Mit Recht hat der in den Tiefen der Gelehrsamkeit wie auf den Höhen philosophischer Erkenutniß und Lebenstveisheit heimische Autor der „Gedanken einer Jüdin" daran erinnert, daß Gesetz und Lebensführung der civilisirten Nationen schon jetzt der heiligen Schrift sehr wichtige Momente entnommen hat. Es liegt eine große Wahrheit in dem Hegelschen Satze: „Israel sei das Volk des Gesetzes;" nur hat dieses Wort einen für uns günstigeren Sinn als denjenigen, welchen Hegel ihm giebt. Die Lehre von dein einen Gott ist im Judenthum Leben geworden; — wie das Nervensystem, das im Gehirn seinen Mittelpunkt hat, den ganzen Körper durchzieht, ivie vom Gehirn überallhin die elektrische Leitung geht, welche den Menschen belebt, so geht von der großen Grundlehre des Judenthums durch das ganze Geäder desselben Licht und Wärme hm. Und dies ist das allerwesentlichste. Die Einheit Gottes als Erklärung des Welträthsels ist vielleicht heut nicht mehr auf das jüdische Bekenutniß angewiesen, aber die Einheit Gottes als Grnndprincip des Lebens, der Moral, ist noch nirgendswo so wie im Judenthum verwirklicht. Hier wirö freilich uns entgegcngehalten: Sind denn die Jude» von heute zu dieser weltreformatorischen Mission besonders geschickt und geeignet? Die Juden von heute! Wer rcpräsentirt eine Ratio»? Niemals die große, breite Masse; Jesajas und alle die großen Propheten waren gewiß zu ihrer Zeit in der Minorität; die Zeit soll noch kommen, wo der Idealismus und die Begeisterung und die Selbstlosigkeit in einem Volke die Majorität hat. Dennoch, wird das Judenthum jener Tage von der blöden Menge reprüsentirt, die der Propheten unbequemer Mahnung überhörte, oder von diesen erwählten Geistern? Die Reden dieser Propheten sind das Vermächtniß Israels an die Nachwelt; ein Volk ist soviel werth als die Weisheit, die es zu Tage fördert, sagt der Midrasch. Diese Weisheit aber ist stets das Werk der kleine» Minorität, die oft im schwersten Kampfe mit der Mehrheit sich mühsam behauptet. Es tvärc ja freilich vortrefflich, wenn jeder Jude heute das Bewußtsein seiner göttlichen Sendung besäße und bewährte; aber wenn auch bei weitem den Meiste» dieses Bewußtsein fehlt, in so Biele» ist es vorhanden und die treibende Kraft ihres Lebens, so daß es der Mission Israels nicht au Missionäre» fehlt. In einem Punkte hat die jüdische Glaubensgemeinschaft sogar einen Borsprung vor der herrschenden Kirche; es hat auch seine Vorzüge, eine «aelssiu prssss, (eine unterdrückte Religionsgenossenschaft) zu sein. Wie viele unlautere Elemente aus unserer Mitte schließen sich, de» Lockungen weltlicher Vortheile folgend, dem herrschenden Bekenntniß an, und wenn sic in der einen Gemeinschaft zu Ansehen und Einfluß, uud wie das ja nicht selten geschieht, zu kirchlichen Aemtern aufsteige», so können diese nicht nur unkirchlichen, sondern auchunwahre» und unreligiöjen, Menschen nur schädlich wirken. Wir sind wenigstens durch unsere weltliche Ohnmacht vor solch schlauen Füchsen behütet. Der einfachste Israelit, der bei uns ausharrt, auch wenn er sonst nur weltlichen Geschäften obliegt und für die Ausbreitung des Gottesrcichcs gar keine Zeit übrig hat, bekundet schon durch seine Zugehörigkeit zu emer Gemeinschaft, die um ihrer Ueberzeuguug willen leidet, eine edlere Gesinnung. So erfüllt auch der schlichteste Jude eine höhere Mission, denn er bekundet den Andersgläubigen und am allermeisten denen, die das Judenthum verfolgen, daß er Gott mehr fürchtet, als die Mensche». Unsere jüdischen Lehrer-Leminare. Was gäbe es zum „Feste der Gesetzgebung", der Religionsoffenbarung, da uns die Thora ward gegeben als „theuerslcS Erbe für die Ge meinde Jacobs", für ein geeigneteres Thema, als ein Wort über die Lehranstalten unserer Religio». Unsere Religionsschulc liegt im Argen — das ist eine These, die, wie selten eine, einstimmig von allen zugegeben wird. — Unsere Religionsschnle ist ein Kranker, und alle, Rabbiner, Lehrer rc., die sich um Hebung derselben bemühen, sind die Aerzte, die sie heilen tvollen. — Der Arzt, wenn er diesen Namen verdient, muß eine Diagnose stellen, d. h. er muß nicht die Symptome, sondern die Ursachen der Krankheit zn beseitigen suchen.— Bisher haben die Aerzte unserer Religionsschule sich nur einer symptomatischen Behandlung derselben beflissen; äußerlich sollte, wo sich ein Mangel in den Resultaten der Religionsschule zeigte, ein Stück hinzugefügt, wo zu viel war — was freilich häufiger vorliegt, als cs von den behandelnden Aerzte», die nur einzugebcn, aber nicht zu amputiren wagen, zugegeben wirö — etwas abgeschnittcn werden. Als ob es einem, der mit 2 Füßen nicht gehen kann, ivas

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