Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 20. (14.5.1885)
- Date
- 1885-05-14
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 153 — Posten ausgeharrt und es verstanden, die Sympathien des größten Thciles seiner Gemeinde zu gewinnen. Die Bürde der Jahre — H, Alexander ist 76 Jahre alt — hat ihn in letzter Zeit die Würde seines Amtes als eine schwere Last empfinden lasse». Dies hat ihn veranlaßt, sein Amt niederzulegen und den Rest seiner Tage im Kreise seiner in Berlin ansäßigen Kinder in Ruhe zu verleben. Die Gemeinde ließ ihren würdigen Beamten nicht aus ihrer Mitte scheiden, ohne ihn und sich durch Beweise der Sympathie zu ehren. _ Eine solenne Abschiedsseier wurde vor einigen Tagen veranstaltet. Fast die ganze Gemeinde bctheiligtc sich daran, Biele Mitglieder gaben durch crnilc und heitere Tischreden^ihrer gemischten Empfindung, ihrer tvchmüthigsrcudigen Stimmung Ausdruck, Daß diese Kundgebungen aufrichtiger und liebevoller Thcilnahmc den greisen Prediger tief beivegtcn, braucht nicht erst gesagt zu werden. Aus der Mitte seiner früheren Schüler ging die Anregung hervor, dem einstigen, verehrten Lehrer auch'ein sichtbares Zeichen der Erinnerung bei seinem Scheide» mitzugcben, Freutidc und Gönner thatcn sich zusammen und überreichten ihm als Liebesgabe der Schüler einen größeren, namhaften Geldbetrag, welchen er sofort zu einem 21!2 N2N, zu einem Legate für die Genieinde Pleß bestimmte mit der Bedingung, dereinst nach seinem Ableben am Jahrzeittage die Zinsen der Legatsumme seinen Wünschen entsprechend zu vcrlheilen. Der Gemeinde Pleß gebührt die Anerkennung, daß sic von der Indolenz ihrer Nachbargcmeinden sich nicht in's Schlepptau nehmen ließ. Obgleich sie ihrem cmcrit Beamten eine angemessene Pension zu zahlen hat, ist sic sich doch sofort darüber klar gewesen, nicht eine übel angebrachte Bescheidenheit und Genügsamkeit bekunden zu wollen. Die Nachbargcmcinden Nicolai, Rybtiik, Los lau haben auch nicht entfernt daran gedacht, nach dem Scheide» ihrer Geistlichen für angemessenen und ausreichenden Ersatz Sorge zu tragen. Sie haben die Abschiedsstunde abgcwanet, um nach menschlicher Voraussicht nie wieder einen Rabbin'e r an die Spitze ihrer Gemeinden zu berufen. Man seufzt und ächzt und stöhnt über die anhaltend schlechten Zeiten und bedauert mit Achselzucken die geringe Leistungssähigkcit der total verarmten und kolossal belasteten Duodezgemeinde, die unter den obwaltenden Umständen den Luxus oer Anstellung eines Rabbiners sich nicht gestatten könne. Ueber die nnvcrmetvlichen Folgen dieses Verhaltens mache ich vielleicht ein anderes Mal interessante, obgleich wenig erbauliche Enthüllungen, Mit um so größerer Genugthuung heben wir den Entschluß der Gemeinde Pleß hervor, unter namhaften materiellen Opfern einen zeitgemäß gebildeten, tüchtigen Rcligionslehrer und Prediger anzustellen. In aller Sttlle ist bereits diese wichtige Gemeindcangelcgenhcit geregelt. Die Wahl fiel auf Herrn Ör. M, Braun; wir können der Gemetnde Pleß zu dieser Wahl nur Glück wünschen, (Schluß folgt.) Hver-Ingelheim. 1, Mai, (Or.-Corr,) (Schluß), Ist eine Pensionsanstalt, wie die von jeneni oder jenen Herrn gedachte, eine Nothwendigkcit? Ich sage mit Entschiedenheit: Mein! Die Gesellschaft hat die Pflicht, dem Rothleidenden deizujpringcn; insbesondere, wenn diese Roth gleichsam die Beigabe zu einem öffentlichen Amte ist! Alle Versicherungsgesellschaften sind sehr wvhlthätige Anstalten; sie bilden jedoch die Aufgabe derjenige», die sich versichern wollen, nicht gegenRoth, sondern zurVerbessernng ihrer Lage; die Wohlthätigkeit der Gesellschaft kommt dabei nicht in Betracht. Ist die Gründung einer solche» Pensionsanstalt für jüvijche Lehrer auch nur eine Möglichkeit? Ich sage ebenfalls: Rein! und bedaurc lebhaft, damit auch dem wohlgemeinten Plane des Herrn vr, Weinstein entgegen treten zu müssen. Daß man sich ein solches Werk so leicht vorstellt! Ich will durchaus von Hcmmungeti absehen, die in der Natur der jüdische» Lchrerverhältnisse liegen, will davon absehen, daß die Cigarrenabschnitte und die Staniolchampagnerhülsen gar zu vielseitig in Anspruch genommen werden, aber die Wirklichkeit, die nackte Wirklichkeit, die böse Mathematik und die noch bösere Welt! Die hessischen Volksschullehrer, zu denen ich gehöre, zahlen alljährlich zur Lchrerwittwenkasse 42 Mark, und ei,, Aufnahmegeld von 60 Mark, alsbald bei der definitiven Anstellung, Die Kasse hat ein Kapital von einer Million, erhält jährlich Zuschüsse von 16—20000 Mark aus den s. g, Vacanzen und der Staat ist zum Zuschuß von 25000 Mk, verpflichtet. Dabei ist der Beitritt für jeden Lehrer obligatorisch und dafür erhält die Wittwc — 450 Mark jährlich, Waisen werden nicht berücksichtigt; sic fallen, wenn sic mittellos sind, der Landeswaisenanstalt zur Last! Ferner: zum PensionSfvnd zahlt jede Lehrerstelle jährlich 20 Mk, Es sind etwa 2000 Lehrerstcllen im Lande, darunter drei Hundert Vicariatc, Vicare erhalten keine Pensionen; der Beitrag muß von der Gemeinde jedoch bezahlt werden! — der Staat zahlt dazu über Hunderttausend, wie ich erfahren, 195000 Mk, jährlich!*) Zu einem Grundstock kommt diese Kasse nicht! Wollen mir die Herren, die so gut ins Blaue rechnen, angcben, wie viel jüdische Lehrer ihres Landes jährlich 62 Mark entbehren können für diese Zwecke? lind welcher Faktor an Stelle des Staates einrllcken könnte, um Garantie zu bieten und das Deficit zu decken? — Kennen die Herren die Geschichte der verwichenen — Rabbiner- Wittwcn- und Waisenkasse? Und diese Kasse hatte B, H. Goldschmidt s, A. in Frankfurt a, M., einen jener seltenen, edlen, aufopferungssähigen Juden, deren Zahl sich stets vermindert, der „Mcchutton" Willy von Rothschilds zum generösen Kassier! — Ja, aber das Projekt der bayrischen Lehrer, die „Pflichtrheilc"! Ich wiederhole, nur diejenigen, denen wir Nachweisen, daß eine Unterstützung bei ihnen übel angebracht ist, werden ausgeschlossen. Es sind, seit dem Bestehen der Achawa, noch nicht 10 gewesen. In den letzten 4 Jahren meines Wissens 2, Wittwen seit vielen Jahren nicht eine! Die aber, die in solcher Weise um 25 oder 30 Mark jährlich, die sie besten Falles bekommen könnten als Pflichttheil, den Grundcharakter der Achawa antasten wollen, die mögen getrost bleiben, wo sie sind! Ist es denn wahr, was die Herren Collcgcn als Grund ihres Nichtbcitritts Vorgehen? Ich behaupte mit Entschiedenl)eit: Nein! Nicht ein Dutzend läßt sich von diesem Grunde zum Nichtbeitritt leiten. Es sind weit traurigere — Charakterfehler der Lehrer, die sie vom Eintritt zurückhalten. Es ist die Gleichgültigkeit, das Cliquewesen; es ist der Mangel an Corpsgeist und noch vieles Andere! Sehen Sie sich die Liste der Gaben für Ercz Jisroel an; da stehen ganze Reihen von Lehrernamen, die für jene „uncontrollirbaren" Sammlungen wirksam thätig sind, die aber die Achawa nicht kennen. Was soll man zu diesen Scheinheiligen sagen? Da müßte man ja seinen ganzen Zorn ausschlltlen, —■ ich habe heute keine Lust dazu; s'2' ^©am. Für „in die weite Fernes habe» die Leute Geld und Zeit und guten Willen, aber die Lehrer in ihrer Gemeinde und ihre Hinterbliebenen mögen darben. Alles 0'v© Man verweist sie, wie dies auch bei den übrigen „Frommen im Lande" geschieht, auf das Jenseits! Kann es eine heiligere Pflicht geben, als für diejenigen Sorge zu tragen, deren Leben dem heiligen Dienste geopfert ist, durch den das Judenthum erhalten wird. Warum finden sich nicht Männer, die diesen uncontrollirbaren Spenden für die sog, Talmide Cchachamim in Erez Jisroel durch controllirbarc „Spendenlisten" für die im Lande invaliden und bedürftigen Talmide Cchachamim (vulgo jüdische Cultusbeamte) Concurrcnz machen. Es ist unerhört, daß ein Mann willkürlich die vielen Tausende von Spenden nach eigenem Ermessen vertheilt!! Wir haben, wir wiederholen es, nur den israel, Lehrerstand als Ganzes im Auge, wenn wir die Lehrer zu cinmüthigem Zusammenwirken, zum Eintritte in die Achawa, ermahnen. Wie bei der Gründung sagen wir: 21! D3? xn Wollt Ihr nicht, so ist es Eure Schuld, Ihr habt es zu *) Es wäre interessant, zu wissen, welche und toic diel jüdische Lehrer glauben, 'Ansprüche au die nuniuehr auch in Preußen staatlich geordneten Pensionen zu haben.