Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 20. (14.5.1885)
- Date
- 1885-05-14
- Page
- Seite 150 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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150 — Zu diesen Gedanken giebt die Arbeit von Herrn Dr. S. Ncnmami, „Zur Statistik der I uden in Preußen von 1816 bis 1880. Zweiter Beitrag aus der amtlichen Veröffentlichung" eine wesentliche Anregung. Der greise Zunz. der Vater und Nestor der neuesten Epoche jüdischer Wissenschaft, war es, der schon vor 66 Jahren, als er mit seiner Geisteskraft die Wege zur neuen Erkenntniß der Geschichte bahnte, aus die Wichtigkeit einer Statistik der Juden hinwies, und diesem greisen Forscher zu Ehren hatte der auf diescin Gebiete bereits bekannte Di\ Reumann diese neue Arbeit verfaßt. In ihr fesseln uns gerade die letzten Originaltabcllen VII und VIII, tvelche uns für 36 Bezirke die Zahl der in der Stadt und der auf dem Lande ivohnenden Juden und für edcnsoviele Bezirke die Zahl der in den Städten derselben wohnenden Juden für die Jahre 1840, 1849, 1871 1880 angebcn. In diesen Mauersteinen, möchte nian sic nennen, ist mir ehernem Griffel kurz die traurige oder auch frohe Geschichte mancher Gemeinden eingegrabcn. Diese beiden Tabellen haben einen großen Werth für die Geschichte der deutschen Judengemeinden. Unser» Gegnern, welche mit angsterfülltem, übelivollcndem Herzen auf die Kopfzahl der deutschen Juden blicken und im nationalen Jdiosyukrasic mit dem Gespenst einer ostasiatischen Masjeneinwanderung das Gemüth der deutschen Nation schrecken wollen, bietet Neumanns Zusammenstellung Klarheit und Beruhigung. Es crgiebt sich aus derselben, daß >S. 3) die verhältnißmäßig stärkere Zunahme der jüdischen Bevölkerung nur bis zum Jahre 1843 gedauert hat, von da ab aber die thatsachliche Zunahme der Gesammtberölkcruug und der jüdischen eine gleichmäßige gewesen ist. Denn auf je 100 Einwohner kommen 1843, 1852, 1861, 1871, 1880, je 1,330; 1,330; 1,320; 1,320; 1,330 Juden. Das Verhältniß des Wohnsitzes der Juden in den Städten und auf dem Lande gestaltet sich im Jahre 1880 so, daß in 6 Bezirken je die Hälfte, 2/, bis 3/< ihrer jüdischen Bevölkerung in 8 Bezirken je '/« bis */,, in 10 Bezirken je ‘/e bis */4, in 10 Bezirken weniger als auf dem platten Lande ivohnt; im ganzen Staate Preußen wohnten 1867 23 pC. der jüdischen Bevölkerung im Jahre 1880 19,1 pC. auf dem platten Lande. Dies Vermehren der städtischen jüdischen Bevölkerung kann aber nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, daß von 1867—1880 die Bevölkerung überhaupt um 14 pC., die Stadtbevölkerung um 30 pC-, die der größeren Städte um 71 pC., die Landbevölkerung um 6 pC. gestiegen ist (S. 11), Es hat sich aber ferner ergebe», daß die thatsächliche Vermehrung der jüdischen Gesammtbevölkerung im Jahre 1880—38,203 — hinter dem nach den von der preußischen Statistik auf Grund über ein halbes Jahrhundert sich erstreckenden Rechnunaen zu erwartenden Plus der natürlichen Vermehrung bei den jJuden von ‘/j—um mindestens 9000 zurllckbleibt, in den alten Landestheilen um ca. 8000, in den neuen um ca. 1000. Nimmt man noch hinzu, daß in den Bezirken Danzig, Frankfurt, Posen, Bromberg, Minden, Schleswig, Stade im Jahre 1880 5693 weniger Juden vorhanden waren als 1871, so giebt das im Hinblick auf den fehlenden Gebnrtsübcrschuß von ca. 9000 Seelen eine Mehrauswanderung aus diesen Bezirken von ungefähr 15000 Seelen. Es steht derselben eine Mehreinwanderung für Königsberg, Gumbinnen, Berlin, Breslau, Wiesbaden gegenüber und zeigt so eine Wanderbewegung innerhalb der jüdischen Bevölkerung des preußischen Staates, wie sie bis zum Jahre 1871 schon begonnen hatte. Die Bilanz der jüdischen Bevölkerung in den 15 Bezirken der östlichen Provinzen von 1855—1880 ergiebt insbesondere, daß 10 Auswanderungsbezirken 5 Einwanderungsbezirke gegenllberstehen und 63913 mehr aus-, 38149 Personen mehr cingewandert sind, also die jüdische Bevölkerung einen Verlust von 24565 Personen erlitten hat; von der Mehreinwanderung entfallen dabei allciti auf Berlin etwas über 80 pC, Von den 30745 in dem Berliner Bezirk Eingewandcrtcn sind im Jahre 1880 aus Posen, Westprcußen, Schlesien, Brandenburg, Pommern zusammen 25811 gezählt worden. Von denen, welche aus dem Auslande eingewandert sind, sind folgende Ergebnisse zu berichten. Aus Oesterreich- Ungarn sind überhaupt 41424 in Preußen eingewandert, ' darunter 2816 Juden also 7 pCt.; aus Rußland sind 45688 Personen in Preußen eingewandert, darunter 11212 Juden also 25 pCt. Diese Einwanderungen geschehen zunächst in den 4 östlichen Provinzen Berlin, Frankfurt a.M., Stolp, in demZeitraume von 100, mindestens 64Jahren. Demgemäß würden 3,8 pCt. der gesammten jüdischen Bevölkerung Preußens 1880 aus solchen bestanden haben, die fast seit einem Jahrhundert aus Oesterreich-Ungarn und Rußland cingewandert sind. Dabei kommen aber selbst in dem Bezirk Gumbinnen auf je 1000 Einwohner nur 7 Juden. Vergleicht man dies Ergebniß mit den Zählungsresultaten in andern Ländern, besonders mit dem Umstande, daß von allen in Rußland Geborenen nur etwa 21 pCt. ftaatsangehörig geblieben sind, von den Oestreichern 50 pCt., so muß man Neumann Recht geben, wenn er zu bedenken giebt, daß hier nicht eine besondere Neigung der Juden zum Auswandern aus den östlichen Ländern, sondern vielmehr politische Zustände angedeuiet werden, welche ohne Unterschied der Confessio» zur Auswanderung dränge. Es mögen diese Zeilen genügen, um die Behauptung zu ertveisen, daß cs eine nunmehr gebieterisch an uns herantretende Pflicht ist, den noch zu wenig angebauten Boden jüdischer Statistik mit vereinter Kraft zu cultivircn. Aus der Praxis. Im Begriff, dem Fragesteller in vor. No., unsere Ansicht über die Nichtnothwendigkeit der Kol-Ridre-Formel darzulegen und aus den liturgischen Werken und der Responsenlitteratur zu erweisen, erhalten mir von einem ehemaligen Repräsentanten einer großen Gemeinde den nachfolgenden umfassenden Artikel, der eine praktische Antwort auf die angeregte Frage enthält und darum hier in erster Reihe eine Stelle finden möge. Er lautet: „Zur Irage der goltcsdiensttichen Hleform." In dem Artikel „Collectanca zur Mischnah" in der letzten No. des Litteraturblattes klagte der Referent: „Unstreitig haben wir Juden am längsten unter den Banden der Scholastik geschmachtet; jedenfalls zum Schade» unserer Leistungen auf dem Gebiete der biblischen Wissenschaften, wo Alles, was seit Eliah Levita geleistet worden ist, mehr oderminder ausschließlich den Christen zu danken ist, deren Schüler wir geworden sind, tvährend diese früher auf unsere Unterweisung angewiesen waren. Im Gebiete der talmudischeu Wissenschaft ist zur Befreiung von diesen Fesseln noch wenig gethan worden und wo