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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-05-07 · N° 19. (7.5.1885) · p. Seite 145

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 19. (7.5.1885)
Date
1885-05-07
Page
Seite 145 (sequence 5)
Language
German
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145 Aus Kessen. (Or.-Corr.) Im Anschluß an die Schlußworte des Cvrrespondcntcn aus Hannover in vor. Nr. über die zu geringe Pflege der Pädagogik auf jüdische» Seininarikn möchte ich gleichsam ergänzend auf einen Passus in dem in dies. Bl. vor einigen Wochen bereits erwähnten, ganz vortreffliche» Artikel des Herrn Klingcnstein über den „Religionsunterricht der Zukunft" Hinweisen. Derselbe lautet: „Im Seminar müssen Psychologie und Pädagogik die Hauptfächer sein und in der Hand des Directors liegen, der im Studium der Seminarpädagogik seine Lebensaufgabe erkennt. Wo aber ist dies in jüd. Anstalten der Fall? Es liegt leider etwas in der jüd. Natur, was Vielen sogar das tiefere Eingehen in die klnterrichtswisscnschaft gleichgültig macht. Der Jude fragt beim Unterrichte immer nach dem Was und nur in den seltensten Fällen nach dem Wie, was doch für den einsichtigen Lehrer — und zwar ganz insbesondere beim Religionsunterrichte — in erster Linie steht. Der Jude meint und wird entschieden behaupten, daß der akadenüsch Gebildete besser unterrichtet als der seminaristisch Gebildete, auch wen» jener nie Pädagogik stndirt oder sich mit dem Unterrichten befaßt hat. Die Unterrichtswissenschaft ist vielleicht die einzige, auf welcher die Jude» sich noch keine Lorbeeren errungen." Koschmi», 26. April. (In eigener Sache.) In Folge eines Ministcrial-Erlasses sind durch Regierungs-Verfügung namentlich in den Provinzen Posen. Schlesien, Ost- und Weslpreußcn eine Reihe von nicht natnralisirten Knltnsbcamten ihrer Stellen verlustig resp. aufgcfordert worden, dieselben in kürzester Zeit zu verlassen. Diese Maßregel trifft zunächst die Gemeinden sehr hart, da die Zahl geeigneter Inländer ungenügend ist, um die vorhandenen Bedürfnisse zu decken; härter aber noch werden die Cultusbeamtcn, namentlich Familienväter betroffen, die sich dadurch der größten Sorge um ihre Zukunft und ihre Existenz ausgesetzt sehen. Alle Versuche, die bisher von einzelnen Gemeinden zur Rücknahme der Regierungs-Verfügung angestrebt worben sind, blieben ohne jeden Erfolg. Ich bin nun der Uebcrzeuguug, daß nur eine gemeinsame Petition aller von dieser Maßregel betroffenen Gemeinden an den Herrn Minister zu einem befriedigenden Resultate führen kann, und richte daher an alle diejenigen Kollegen, die unter diesem Erlaß zu leiben haben, die dringende Bitte, schleunigst die Adressen ihrer Gemeinden an den Unterzeichnete» einznsenden, damit aus Grund derselben ein gemeinsames Vorgehen der Gemeinden angebahnt werden kann. Stach Eingang der Adressen soll eine geeignete Petition entworfen werden, die zur Unterschrift bei den betreffenden Gemeinden circulircn wird. S. Odelski, Kantor. Oesterreich-Ungar». Wie». Eine Anzahl jüdischer Gelehrten und Schriftsteller von hier, Paris, Petersburg, Berlin und Breslau erlassen folgenden Aufruf zur Gründung eines Smvlensky- Fonds: Peter S »i o l c n s k y, der Vorkämpfer für seine GlaubeuSgcnosscil und für die heilige Sprache, ruht seit dem 4 Fcbr. l. I. in der Erde; die Feder, ein Heldenschwcrt in solcher Hand, ist zerbrochen; noch sterbend hielt er es fest und schwang es über dem schuldigen Scheitel der Heuchler und Gesinnungslosen. Der Geist und die Charakterfestigkeit, die ihn zur Herausgabe seiner Wochenschrift „Haschachar" angctriebcn, blieben in unvermindeter Vollkraft bis zuni letzten Augenblick. Die Worte seines Programines im Jahre 1868 : „Die Liebe zum Judenthun, soll unser Leitstern, die Hebung unserer Sprache unser Banner sein," sind unverrückt das Motto seiner schriftstellerische» Existenz bis an seinen Todestag gewesen. Tie Liebe zum Judenthum tvar der lebendige Urquell seiner so glühenden Gestaltungskraft; seine in unserer Literatur einzig dastehenden Werke sind von ihr cingegeben; sie athmet jedes Blatt, jede Gestalt seiner Romane; sie wird bei ihm zum vernichtenden Blitz gegen alles Niedrige und Gesteine; sie giebt ihin den untrüglichen Maßstab der unerbittlichsten Kritik über die literarischen Leistungen Anderer in die Hand. Die Liebe zur heiligen Sprache machte ihn zum geweihtestcn Kämpen für das Judcnthum und gegen alles Apostatenthum in jeder Verkleidung: sie ließ ihn nicht ruhen, bis er auch fremde Federn angecifert, die schönsten Tragödien Shakespeares in der Sprache der Bibel wicdcrzngcben. Durch 17 Jahre in hartem, schwerem Lebenskämpfe unermüdlich thätig, auch i» den letzten zwei Jahren von einer tückischen Doppelkrankhcit hcimgesucht und mit schon brechendem Auge treu auf seinem Posten ausharrend, ist er dahingegangen und binterließ einen wahren Schatz kostbarer Werke, bleibende Denkmale eines hohen Sinnes, zur Ehre.seiner Glaubensgenossen. Edle Menschenfreunde in Wien haben es ihm, fast ohne ihn zu kennen — denn wer liest noch in West Europa selbst die Propheten im Original — durch reiche Unterstützung die letzten zwei Jahre möglich gemacht, Cnrorte aufzusuchen und sein Dasein zu verlängern. Leider hinterbleiben eine trostlose Wittwc und fünf zarte Kleine und neben seinen Werken nicht das geringste Vermögen, so daß sie dem Elend entgcgcnblicken. Darum ergeht an Jeden der em H:rz hat für das Unglück, der das Schöne und Vortreffliche, der Geist und sittlichen Adel, zu schätze» weiß, hiermit die Aufforderung, das Möglichste zu leisten und Andere zur Leistung aufzufordern. Ein großer und guter Mensch hat uns verlassen, ist gleichsam kämpfend gefallen und seine Kinder sind brodlos. Es soll womöglich ein „Smolensky-Fonds" gegründet werden, von dessen Erträgnis; ihre Erziehung bestritten werde» kann. Möge daS Unglück, welches diesen vortrefflichen Mann durchs Leben verfolgte, wenigstens an der Pforte seines Grabes zum Stillstand gebracht werden. — (Die Spenden sind an Herrn S. Heller in Wien. V. Krongassc 16, de» Verwalter der Waisengeldcr, einzusenden ) Wien. (Or.-Corr.) Aus dem mir vorliegenden stenographischen Bericht über das nbgeänderte Schulauffichtsgesctz von Oberöstcrreich hebe ich hier das hervor, was für uns Juden von Interesse ist. Als Referent fungirt der Canouibus vr. Le chner. Er liest den $5 vor, der also lautet: „Die religiöse» Interessen der Jugend werden von Seiten der katholischen Kirche vertreten durch den Pfarrvorstchcr, in dessen Pfarrsprengel die Schule liegt, oder durch dessen Stellvertreter. und durch je einen Religionslehrer jeder anderen Glaubensgcnossenschaft, deren Kinder die Schule besuchen. Den jetzt folgenden Passus, iubetreff des jüdischen Religionsunterrichts will der Canonicus übergehen und meint: „Ich glaube nicht alles verlesen zu müssen", wird jedoch von dem Herrn Landeshauptmann ersucht, den ganzen Paragraphen vorzulesen. Er liest: „Zur Wahrung der religiösen Interessen der isr. Jugend tritt der von der Cultnsgemeinde bestimmte Vertreter in den Ortsschulrath ein." Der Paragraph tvird genehmigt. — In Preußen warten wir noch auf ein solches Gesetz. Es steht in Preußen meist ganz vereinzelt da, daß ein Vertreter der jüdischen Gemeinde durch das Vertrauen der christlichen Mitbürger in den „Ortsschulrath" gewühlt wird. Wien. Bei der hiesigen Cultusgemcinde wurden im Jahre 1884 im Ganzen 263 Austritte aus dem Judcnthum angemcldet, wovon auf männliche Individuen 148, auf weibliche 115 fallen. Hiervon waren 37 u. zw. 25 männliche und 12 iveibliche aus den Ländern der ungarischen Krone, 26 u. zw. 10 männliche und 6 weibliche aus Böhmen, 15 u. zw. 5 männliche, 10 weibliche aus Mähren, 3 u. zw. 2 männliche und 1 weibliche alls Schlesien, 20 n. zw. 13 männliche, 7 weibliche aus Galizien und der Bukowina, 41 u. zw. 23 männliche, 18 weibliche aus Niederösterrcich endlich 6 aus den; Auslande. Ihren, Berufe nach waren von den aus dem Judenthnin ausgeschiedenen Personen 13 Doctoren der Rechte. 9 Doctore» der Medici», 4 Journalisten, 3 Ingenieure, 8 welche unter die Rubrik der Professoren, Docenten und Privatlehrer resp.

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