Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 16 (1885)
- Issue
- N° 19. (7.5.1885)
- Date
- 1885-05-07
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
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— 143 — Blättern zu besprechen vdcr sind Sie der Ansicht, daß das Gebet eine Nothwendigkcit für uns ist, sv verzeihen Sie die heutige Belästigung, ich habe nur im Interesse des Judcnthnms geschrieben. Im letzteren Falle genügt eine kurze Bemerkung im Briefkasten Ihres geschätzten Blattes unter Ü. B in S. (Wir hatten Anfango nicht die Absicht, die dankenswcrthe „Erklärung" des sachkundigen Herrn Professors, der die verläumderische Behauptung Stöckers so gründlich wiederlcgt, durch ein näheres Eingehen auf die an uns gerichtete Anfrage über die N o t h w e n d i g k e i t dieser ganzen Gebetformel abzuschwächen. Allein auch das Schweigen könnte mißdeutet werden, und ebenso die längst vorgenommene Abschaffung der Gcbetsormel in sehr vielen Gemeinden, darum wollen wir in nächster Nummer doch daraus näher zurückkvmmcn. Red.) Berichte und Correlpondemen. Deutschland. Magdeburg. Am 3V. April fand hier die Generalversammlung des vor 2 Jahren neuorganisirten „Israelitischen Fraucnvcreins" statt, zu welcher der Borsitzcnde (Rabbiner Df. Rnhmer) durch einen gedruckten Rechenschaftsbericht tingelnden batte. Nachdem der Vorsitzende einen Rückblick aus die segensreiche Thätigkcit dieses Bcreins im verflossenen Jahre geworfen und gezeigt hatte, was auf den 3 Gebieten des Vereins (A rmc n - U n t e rstützun g, Kraulen- Pflege, Erfüllung der letzten Liebesdienste) gegcistct worden, erläuterte der Rendant, Herr Jsaac Simon, den Rechenschaftsbericht des Näheren. Danach beliefen sich die Einnahmen auf 2794 M. und die Ausgaben auf 2527 M., so daß ein Eassabestand von 267 verblieb. Die Unterstützungen sind zum Theil ordentliche <monatliche, vierteljährliche und zu den Feiertagen,) oder außerordentliche (in Krankheitsfällen, Arzt, Meinem, Bäder, Beisteuer zur Miethe oder zum Schulgeld, Aushilfe bei plötzlichen Nothfällen). Die Versammlung genehmigte den Rechenschaftsbericht und schrittalsdann zurWahl von 6 zu Ended. I. statutenmäßig ausscheideuden Borslchcrinnen, von denen 3 wieder- und 3 neu gewählt wurden, da eine der Damen anhaltender Kränklichkeit wegen das von ihr hingebungsvoll verwaltete Amt »iedcrzulegen gezwungen war, eine andere hohen Alters wegen von den schweren persönlichen Dienstleistungen bei der Lcichenreinigung dispcnsirt werden mußte. Es sei hier »och zum Schluß auf eine nachahmcnstvcrthc Einrichtung unseres Frauenvercins hingewiesen. Während das Anfertigen der Sterbcklcider früher hier von einer bestimmten Person besorgt wurde, ist jetzt die Einrtchtung getroffen, daß nach alphabetischer Reihenfolge eine Anzahl der Vereinsnntgliedcr (etwa 12; im Cvnferenzzimmer der Gemeinde (auf Einladung der betr. Vorsteherin) zu dieser frommen Liebcsverrichtung zusammenkommen. Arin und Reich, Hoch und Niedrig sitzen hier in ernster Stimmung beisammen, au dieser von dem uns Alle gleichmachcnden Tod veranlaßten Beschäftigung thcilnchmend, (Wer behindert ist, zahlt gern ein kleines Ersatzgeld in die Vercinskasse,) Da es sich herausgestcllt hat, daß oft — z, B. bei Todesfällen an jüdischen Feiertagen vdcr auswärts i» einer der umliegenden — Ortschaften für die Anfertigung der Sterbekleider manche Verlegenheit entsteht, so hat der Vereinsvorsland beschlossen, solche Kleider für die verschiedenen Altersstufen im Voraus von den Mitgliedern anfcrtigcn zu lassen. Diese Einrichtung hat sich bewährt. Die Mitgliederzahl des Vereins ist von 235 im vor Jahre aus 245 gestiegen. — Auch von der „jüdischen Kranken-Unterslütznngs- Ge,ellfchast" in unserer Gemeinde, die cs sich zur Aufgabe macht, ihre Mitglieder im Falle einer Krankheit mit einer wöchentlichen Subvention von 9 Mark während der ganzen Zeit der Erwerbsunfähigkeit zu unterstützen, ist der Rechnungsabschluß pro 1884 im Druck erschienen. Nach demselben betrugen die Einnahmen 1578 Mk., die Ausgaben 641 Mk. Das Gesellschaftsvermögen beläuft sich nunmehr auf ll>,161Mk. Die Unterstützungen stiegen bei einzelnen kranken Mitgliedern bis aus 270 Mk. — Die Mitgliederzahl beträgt z. Z. 138; der verwaltende Gesellschastsvorstand besieht aus den Herren Ph, Rosenheim, N. Gradnauer nud Leop. Rosenthal. Gber-Jngetheim, 1. Mai. (Or.-Corr.) Es ist wichtig, die Angelegenheiten der Achawa jetzt hier nochmals zur Besprechung zu bringen, da im Laufe dieses Sonnncrs eine Generalversammlung stattfinden muß. Es hat mich gefreut, daß eine Stimme bereits sich gegen die Vorwürfe aussprach. die der Verwaltung in No. 12 d. Bl. gemacht wurden. Die Verwaltung handelt übrigens nur nach Maßgabe der Statuten; und für dieses Grundgesetz ist allein die Generalversammlung verantwortlich. War aber jener Artikel überhaupt angemessen und verdienen die Männer, die an der Spitze der Verwaltung stehen, solche Behandlung'? Können sich die Herren Correspvndentcn auch nur annähernd ein Bild von den Leistungen z. B. unseres Vorsitzenden Teblsc oder unseres ebenfalls unbesoldeten Vcrcinsrechners machen? Wer einen Blick in unseren Rechenschaftsbericht wirft, frage sich einmal, welche Arbeitskraft jahraus jahrein erforderlich wird, bis alles geschehen ist, was hier in diesem dünnen Büchlein den Mitgliedern, die über ganz Deutschland zerstreut und sehr schwer in Bezirke zu fassen sind, (was ja allerdings für die Verwaltung eine bedeutende Erleichterung wäre,) vor Auge» tritt! Die Mitglieder überfliegen dann gewöhnlich ruhig das Büchlein, suchen ihren Namen und legen es mit dem stolzen Worte zur Seite: Wie haben wirs in der Achawa so herrlich weil gebracht! Wer? Wir? — Wir anderen Verwaltungsmitglieder dürfen cs ja wohl sagen, denn wir können nach Lage der Verhältnisse nur wenig dazu thun? Wir sollten allesammt nur mit der größten Hochachtung und Verehrung von den Männern sprechen, die mit bewunderungswcrther Hingebung für die jüdischen Lehrer und die jüdischen Gemeinden, — denn auch für diese wirkt die Achawa — diesen segensreichen Verein leiten, der seines Gleichen im Judenthum nicht hat. Stellen wir uns alsbald in den Mittelpunkt der Frage, die seit Jahren an uns hcrantritt: Ist die Achawa ein Wohlthätigkcitsvcrein oder eine Versicherungsanstalt? Ich stehe nicht an, zu erklären, daß sie beides ist und beides sein sollte nach dem Grundgedanken, der mich bei ihrem Entstehen leitete. Heute, vor 24 Jahren, am 1. Mai 1861, erschien die erste Nummer des „Jsr. Lehrer", mit der ich überhaupt zum ersten male in die Oeffentlichkeit trat. Und schon in dieser ersten Nummer und mehr noch in den folgenden, (insbesondere in No. 5) entwickelte ich den Gedanken des Vereins, der dann später verwirklicht wurde. Und noch heule stehe ich im Großen und Ganzen in Bezug auf diesen Verein auf demselben Boden, obwohl ich vielleicht sv gut wie Andere persönlich Veranlassung hätte, jetzt andere Strömungen zu unterstützen. Ich habe mich durch nichts irre machen lassen, soviel der Kampfe, — vielleicht erinnern sich ihrer manche der Leser — ich auch für meine Anschauungen zu bestehen hatte! — Die Achawa ist ein Wohlthätigkeitsvercin, denn sie muß sich auf die Wohlthütigkeit, sagen wir ungescheut: auf die Bereitwilligkeit der jüdischen Herze» und jüdischen Hände stützen, die geben! Die Achawa ist aber auch eine Versicherungsanstalt, denn sie sichert nach Maßgabe ihrer Mittel, jedem ihrer Mitglieder eine Unterstützung zu, wenn er an seinem staudesgcmäßcu Einkonrmcn Einbuße erleidet. Ein Armuthszeugniß wird nie gefordert. Aber ebensowenig können wir die öffentliche Wohlthütigkeit in Anspruch nehmen für Leute, die nicht hülfSbcdürftig sind, die ihr vollkommen anständiges Auskommen haben. Wenn ein Mann sich als dienstunfähig für das Lehramt erklärt, weil er weiß, daß er vom Staate ausreichend pensionirt wird; wenn er sich ein Vermögen erworben hat, das ihm eine ausreichende Lebensrente abwirft: wenn er vielleicht das Amt nicdergelegt hat, weil ihm ein Geschäft in Aussicht stand, das ihm ein reichlicheres Aus-