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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1885-05-07 · N° 19. (7.5.1885) · p. Seite 142

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
16 (1885)
Issue
N° 19. (7.5.1885)
Date
1885-05-07
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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142 — SScmt schließlich gefragt wird, wie sich ein auf der Culturhöhc stehender Jude zu dein Ritualismus verhalten, ob er ihn mitmachen solle, so müssen die Höherstehenden, wenn sie von der ethischen Aufgabe des Judenthums durchdrungen sind und sie zum Siege bringen wollen, auch Einfluß auf die niedrig stehenden Juden gewinnen und sich folglich hüten, den Zusammenhang mit der Gesammtjudenheit zu lösen. Gerade, weil sic bedauern, daß die Menge den Grundgedanken des Judcnthums verkennt und dagegen sündigt und ernstlich an der Hebung derselben arbeiten wollen, dürfen sic die Sitten nicht in verletzender Weife mißachten. Möge der Ritualismus auch nur als Zeichen der Zusammengehörigkeit, als Ordens- und Erkennungszeichen gelten, so hat er dadurch noch einen, wenn auch relativen und transitorischen Werth, Auch rou diesen Sitten hat das Leben vieles abgebröckclt, und der Proccß schreitet immer weiter. Diejenigen aber, welche in llngcduld den Abbröckclungsproceß nicht abwarten, sondern den rituellen Ueberzug gewaltsam abstreifen wollen, vergehen sich an dem Geiste des Judeuthums und führen eine Spaltung herbei. Die Vorgänge der jüngsten Zeit lehren, baß Einigkeit, die erhaltende Kraft in den schlimmsten Tagen, nach jetzt nothweudig ist, und daß eine schwere Verantivvrtlichkeit diejenigen trifft, welche, sei cs von recht-: vder links, ein Schisma hcrbciführen. Tie Zukunft des Judenthums aber liegt grvßentheils in den Händen der Mütter und wenn diese ihre Kinder die altjüdischcu Tugenden, vvr Allem die Enhaltsamkeit, lehren, dann wird der jüdische Stamm inmitten der allgemeinen Fäulniß gesund bleiben, dann werden die Kinder nicht fahnenflüchtig werden und erfüllt sein von dem Pflichtgefühl, auf den Wegen der Ahnen weilcrzuschreitcn und in ihrem Sinne zu arbeiten und zu wirken, — Das Werkchen zeichnet sich vor andern Schriften ähnlicher Tendenz durch Schönheit der Sprache, umfassende Kenntniß der Literatur und eine Fülle neuer Gesichtspunkte und geistvoller Ideen aus, Or, Simon Scherbe! (Lissa), Aus der Praxis.*) Wir erhalten folgende Zuschrift vvn einem Gemeindevorsteher: Geehrter Herr Redakteur! Aus der soeben mir zugegangcnen Berliner „Kreuz-Zeitung" habe ich inliegenden Ausschnitt der das »Lol-Märs- Gebct" betrifft, genommen, Herr Prof, Or, Strack schreibt „lieber de» (?is der Juden. Nach dem Berichte der „Neuen Preuß. Ztg," Nr, 97, Hauptblatt S. 3 (26, April 1885) soll Herr Hofpredigcr Stöcker in der Freitags-Versammlung der christlichsoeialcn Partei in einem „Semit, Atheist und Socialdcmokrat" betitelten Vortrage Folgendes gesagt haben: „Wie groß die Gefahr ist, wie verschieden die sittlichen Anschauungen der Juden von uns sind, erhellt auch aus den Veröffentlichungen eines der gelehrtesten Berliner jüdischen Talniudisten, eines ehrlichen, wahrhastigen Mannes, Derselbe hat die leichtscrtigcn Begriffe des Talmuds über den Eid ans Licht gestellt. Danach ivird noch heute in den Synagogen an einem bestimmten jüdischen Jesttagc ein Gebet vom Porbeter vorgesprochen und von der Gemeinde nachgebetet, des Inhalts, daß alle Eide, Schwüre, Gelübde u, ). w. von diesem bis zum nächsten Versöhnungstage nicht bindend, nicht gültig, daß sie keine Eide, keine Schwüre, keine Gelübde u, s, >o, sein sollen. In dieser, auch de» leisesten Ansprüchen der Redlichkeit nicht genügende» Lcichtscrtigkeit liegt doch eine große Gefahr, Man sicht daran, wohin die Entartung des Judcnthums führt." Da die hier erwähnte gottesdienstliche Formel schon zu manchen Anklagen gegen die Juden Anlaß gegeben hat und die stets weithin beachteten Worte des Herrn Redners leicht zur Erneuerung dieser Beschuldigungen führen können, *) Man vcrgl, über den Zweck dieser Rubrik (Anfragen von Vorständen, College» u, vergib die cinleilendcn Worte zu dem bctr, Art. in Nr, 48 dcS vor, Jahrgangs, (Red.) halte ich es für meine Pflicht, Einiges zur Aufklärung zu bemerken. Es ist unmöglich, daß ein Berliner jüdischer Taimudist (oder überhaupt ein jüdischer Talmudist) in der angegebenen Weise sich geäußert hat, — weil die Formel durchaus nicht die Bedeutung hat, welche ihr in dem Berichte gegeben ivird. Der Berliner jüdische Gelehrte L, Zunz hat sich denn auch in seinem Buche „Die Vorschriften über Eidesleistung der Juden" (Berlin 1859; auch im zweiten Bande seiner Gesammelten Schriften) gan; anders ausgesprochen. Und Joseph Aub hat allerdings im Jahre 1863 als Großherzvglich hessischer erster Rabbiner gegen die übliche Art der „Eingaugsfeier des Versöhnung.tage»" (Mainz M. Jonrdau) geschrieben, aber — weil sic mit dem Talmud und den Ansichten der ältesten Autoritäten nicht übereinstimmc und weil die Sprache dem Volke unverständlich sei. Bei dem den Versöhnnngstag einleitenden Abend - Gottesdienste wird in den Synagogen der orthodoxen Gemeinden folgende, nach ihrem Anfänge „Kol Nidrc" (Alle Gelübde) genannte Formel gesprochen: „Alle Gelübde, Entsagungen, Bannungen, Schwüre, u. s. w„ welcbc wir geloben, schwören und bannen und ans unsere Seelen binden von diesem Vcrsöhnungstagc bis zu dem Vcrsöhuungstagc, welcher zu unserem Woyle herankommt: sic alle bereue» wir; sic sollen gelöst, erlassen, aufgehoben, nichtig und vernichtet, ohne Kraft und ohne Geltung sein. Unsere Gelübde seien keine Gelübde, und unsere Schwüre keine Schwüre." Diese Formel scheint bedenklich: aber nur unwissende jüdische Bösewichte können sie als eine Handhabe betrachten, mittels welcher es möglich sei, von übernommenen Verpflichtungen sich zu befreien. Die, wenn die gleich zu erwähnende» Gegengrllnde ilnberückftchtigt bleiben, formell vorhandene Möglichkeit solcher Deutung hat der Judenhaß seit dem 13, Jahrhundert für oft cintretende W i r k l i ch ke i t erklärt. Mit Unrecht. Erstens nämlich ist in der Formel, wie eine Vergleichung von 4, Mose 39, 3 (s. auch V. 14) ergiebt, nicht die Rede von Eiden, die anderen geleistet werde», sondern nur von Gelübden, Verpflichtungen, die mau sich selbst aufcrlcgt, Gelübde und Eide, welche einem andere» geleistet sind, sind unlösbar, außer wenn die betheiligte Person anwesend und einverstanden ist. Das ist die einstimmige Ansicht der maßgebenden jüdischen Autoritäten. Dazu kommt noch, daß in den meisten »eueren Ausgaben der Festgebete in einer Anmerkung nachdrücklich erklärt wird, daß durch dieses liturgische Stück die Interessen anderer nicht berührt werden. Aus der Formel Kol Nidre kann daher kein Bedenken gegen die Glaubenswürdigkeit des von einem Juden geleisteten Eides hcrgenommen werden. Diejenigen, welche genauere Belehrung wünschen, erlaube ich mir auf meinen Artikel „Kol Nidrc" in der Real-Encyklopädie für Protest, Theologie und Kirche, 2, Aufl„ Bd, VIII, S, 127—139 (Leipzig 1881,, zu verweisen. Berlin, 28. April 1885, Prof. Or, Herrn. L. Strack," Sie sehen, daß die Fassung dieses Gebete» »och immer bei Uebclwollenden eine zweideutige Erklärung findet und auch alle Richtigstellunge» und Bemerkungen darüber in unseren Machsorim zur Entkräftung der Verleumdungen nicht helfen. Ich will als Nichttheologe über die Nothwendigkeit dieses Gebets mir kein Urtheil erlauben, habe nur die Meinung, daß ein jedes Gebet vermieden werden sollte, bei dem eine andere, als sittliche Auslegung auch nur im entferntesten möglich ist, — Meine Bitte ergeht an Sic, geehrter Herr Redakteur; Sie selbst wolle» beurthcilen, ob das Gebet absolut beibehalten werden muß und im ander» Falle benutzen Sie vielleicht die Gelegenheit, um Ihre An sicht darüber in Ihrem geschätzten Blatt Ihren Lesern nutzuthe ilen. Halten Sie diese Sache nicht für geeignet, sie jetzt i» öffentlichen

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